Inhalt

Multifunktionstüren

Zielkonflikte bei Planung und Ausführung

Peter Schober
Erschienen in
Zuschnitt 68: Holztür
Dezember 2017, Seite 10f.

An moderne Türen werden heute sehr hohe Anforderungen gestellt. In vielen Fällen müssen sie echte Multifunktionstalente sein. Dann müssen sie mehrere Anforderungen zugleich erfüllen wie leichte Bedienbarkeit, Schutz vor Rauch, Feuer, Einbruch. Das kann zu Zielkonflikten führen. Damit die gewünschten technischen Leistungskombinationen sich nicht gegenseitig beeinträchtigen, bedarf es einer entsprechenden Planung und Ausführung. Um ein Bewusstsein für diese im Grunde widersprüchlichen Anforderungen an die Tür zu schaffen, sind im Folgenden einige der gängigsten Zielkonflikte aufgelistet. In solchen Fällen gilt es, die technische Machbarkeit zu überprüfen und diese in Einklang mit den Anforderungen zu bringen oder auch das Anforderungsprofil zu hinterfragen.

Flucht/Panik – Einbruchhemmung

In einem Museum sollen beispielsweise die Außentüren einerseits von innen die Fähigkeit zur Freigabe (Flucht- und Panikfunktion) besitzen, andererseits von außen eine hohe Widerstandsklasse in Bezug auf die Einbruchhemmung aufweisen. 
Das heißt, die Tür soll von innen leicht zu öffnen sein, von außen aber gar nicht oder nur schwer – eigentlich ein Widerspruch in sich. Jede der beiden Anforderungen bedingt für sich spezielle Konstruktionselemente und Beschlagkomponenten. Für den Planer bedeutet dies, dass nicht alle aus gestalterischer Sicht gewünschten Beschlagausführungen möglich und zulässig sind. Um diese Leistungskombination erfüllen zu können, bedarf es für beide Funktionen Prüfungen an ein und derselben Türkonstruktion und Ausführende mit spezifisch hohem Know-how beim Bau und der Montage der Türen.

Barrierefreiheit – Regendichtheit

Ein alter Spruch in der Branche lautet: „Barrierefreie Türen sind auch für (Regen-)Wasser barrierefrei!“ Von der konstruktiven Seite gesehen sind Türen mit geringer Schwellenhöhe (≤ 3cm) oder gar schwellenlose Türen kaum regendicht zu bekommen. Hier gilt es, bereits in der Planung entsprechende Vorkehrungen zu treffen, etwa durch eine geschützte Einbaulage (Vordächer, Nischen, tiefe Leibungen und dergleichen), einen ausreichend raschen Wasserablauf durch entsprechende Rigolen und eine Neigung des Bodenbelags weg von der Tür.

Brandschutz – leichtes Öffnen (in Verbindung mit Barrierefreiheit)

Feuerschutztüren müssen eine Selbstschließeinrichtung aufweisen, die in der Lage ist, im Brandfall die Tür sicher zu schließen und geschlossen zu halten. Durch das Temperaturgefälle vor und hinter der Tür entsteht ein Differenzdruck, der dabei zu überbrücken ist. Entsprechend den geltenden Regelwerken darf die zulässige Öffnungskraft für die Tür maximal 100 N betragen. Zugleich soll die Tür aber auch von Menschen mit Behinderung oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität leicht bedient werden können. Ist die ÖNORM B 1600 vereinbart, so ist eine Öffnungskraft von 25 N einzuhalten. Hierzu eine Lösung zu finden, gestaltet sich schwierig, vor allem vor dem Hintergrund, dass oft kostengünstig gebaut werden soll. Ein Lösungsansatz geht in Richtung automatisierte Türen, deren Herstellung jedoch ebenfalls kostenintensiv ist.

Denkmalschutz – Multifunktionstür

Eine der herausforderndsten Aufgaben ist es, die Wünsche an moderne Multifunktionstüren mit denen des Denkmalschutzes in Einklang zu bringen. In einem denkmalgeschützten Gebäude, aktuell z. B. bei der Sanierung des Parlaments in Wien, sind Brandschutz, Flucht- und Panikfunktion sowie Einbruchhemmung zu erfüllen, die historischen Türen zugleich aber weitestgehend zu erhalten. Hier sind wahre Spezialisten gefordert, und es gibt nur eine Handvoll Firmen, die in der Lage sind, diese Aufgabe einwandfrei lösen zu können.

Geringes Gewicht – hohe Anforderungen

Türen werden immer schwerer, und dies ist in der Regel den gestellten hohen Anforderungen geschuldet. Schallschutz heißt auch Masse, Einbruchhemmung heißt auch hohes Gewicht und so weiter. Schwere Türen bedeuten aber auch hohe Anforderungen an die Beschläge (Stichwort Dauerfunktion) und die Montage – nicht zu vergessen die Belastungen für das Montagepersonal beim Transport einer z. B. 130 kg schweren Tür durch die Baustelle und die exakte, verzugsfreie Montage, bei der alle Spaltmaße auf den Millimeter genau einzuhalten sind.

Text

Peter Schober
ist Abteilungsleiter Bautechnik und Bereichsleiter Fenster der Holzforschung Austria.