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Türen im Denkmalschutz

Neu, nachgebaut und restauriert

Franziska Leeb
Erschienen in
Zuschnitt 68: Holztür
Dezember 2017, Seite 18ff.

„Palais“ nennen die Fabrikanten gerne jene historisierenden Türblattmodelle, die sich dann zum Einsatz empfehlen, wenn Stil bewiesen werden soll. Beim Umbau der beiden geschichtsträchtigen Palais Batthyány-Strattmann und Trauttmansdorff in Wien wäre damit kein Staat zu machen gewesen. Wie zahlreiche andere Adelspaläste sind sie Zeugen für Baukunst und Lebensstil ihrer Entstehungszeit, deren Glanz zahlreiche Umbauten zwar beeinträchtigen, aber nicht gänzlich auszulöschen vermochten. Zuletzt war die Redaktion der Tageszeitung „Der Standard“ an der Herrengasse 19 – 21 ansässig, ehe die neue Besitzerin, die Karl Wlaschek Privatstiftung, die Gebäude wieder für Wohnzwecke adaptierte. Hand in Hand mit einer gründlichen Bauforschung und im engen Austausch mit dem Denkmalamt oblag es Architekt Martin Mittermair, dem über die Zeiten entstandenen Wirrwarr Herr und der Qualität der ursprünglichen Substanz gerecht zu werden. Auch bei den Türen galt es den Spagat zwischen den Zeiten so zu bewerkstelligen, dass am Ende ein in sich schlüssiges Ganzes steht. Hunderte davon waren zu restaurieren, zu ersetzen und neu zu integrieren.

Martin Mittermairs Strategie, mit dem Bestand in Dialog zu treten und Räume zu schaffen, in denen das Gebäude in einer architektonischen Kontinuität weiterleben kann, die nicht bloß imitiert, gilt auch für sie – bis ins letzte Detail. Für neue Wohnungen bzw. Räume entwickelte er schlichte, stumpf einschlagende Plattentüren mit nicht sichtbaren Bändern. Wo es die Situation gebot, wurden Füllungstüren nach historischem Vorbild neu gemacht – so sämtliche Wohnungseingangstüren – und die Türprofile auf die Profile der Kastenfenster abgestimmt. Nachdem Beschläge in Messing nicht mehr erhältlich sind, wurden industrielle Standardbeschläge aus Edelstahl, die alle Anforderungen erfüllen, für die historisierend ausgeführten Türen adaptiert und matt vergoldet, um auch im Detail keine groben Stilbrüche aufkommen zu lassen. Standardlösungen schieden nicht nur aus denkmalpflegerischen Gründen, sondern auch aus sicherheitstechnischen aus. Bei Durchgangshöhen von 3,5 Metern helfen die üblichen Zulassungen für Türrohlinge nicht weiter. Die gibt es nämlich bloß bis 2,6 Meter Höhe, weshalb hier eine Sonderzulassung durch eine akkreditierte Brandschutzstelle vonnöten war.

Es sei immer wünschenswert, die Dinge möglichst unverändert instand zu setzen, erklärt Peter Kopp, der sämtliche Holzoberflächen restaurierte und die restauratorische Gesamtleitung in den Prunkräumen der Beletage im Palais Trauttmansdorff innehatte. Ähnlich wie der Architekt entwickelt auch der Restaurator bei solchen Bauaufgaben ein Konzept mit dem Ziel, alles zu bewahren, was möglich ist. In den prächtigen ehemaligen fürstlichen Gemächern waren die Türen aus dem 18. Jahrhundert allesamt in gutem Zustand erhalten. Die auserlesen schönen Türverkleidungen mit aufgesetzten Profilleisten und Schmuckwerk sind zusammen mit der Wandverkleidung aus Holz Teil einer Gesamtkonzeption. Sie zu verändern ist aus denkmalpflegerischer Sicht ein grobes Vergehen. Selbst bei Gründerzeitbauten werden, so Peter Kopp, sämtliche Proportionen ins Ungleichgewicht gebracht, wenn die typischen Doppelflügeltüren entfernt werden.

Bei der Befundung wurde mittels Querschliffen festgestellt, zu welcher Zeit welche Beschichtung aufgetragen wurde, und entschieden, die oberste Schicht fachgerecht zu reinigen. Das war früher mit umwelt- und gesundheitsschädlichen Substanzen verbunden; mittlerweile trennen grüne Technologien den Schmutz auf unbedenkliche Weise von der Farbe. Die Verzierungen bestehen aus einer Polimentvergoldung auf Kreidegrund, eine höchst aufwendige Technik, die in vielen anderen Palais kurzerhand durch Bronzefarbe ersetzt wurde. Hier wurden sie nach allen Regeln der Kunst mit Echtgold restauriert. Die noch vorhandenen originalen Kastenschlösser, großartige Kunstschlosserarbeiten aus Eisen mit nach wie vor funktionsfähiger Mechanik und sichtbaren Teilen aus feuervergoldetem Messing, wurden einem Service unterzogen und einzelne fehlende Teile nachgegossen.

Die Entscheidung, die Prunkräume wieder als Wohnungen zu nutzen, war aus denkmalpflegerischem Blick ein Segen, denn mit jenen schall- und sicherheitstechnischen Anforderungen, die an öffentliche Ämter oder Büros gestellt werden, wären etliche Kompromisse bei der Restaurierung einhergegangen. Bloß die Wohnungseingangstür zu den Prunkräumen wurde durch eine neue ersetzt, weil es stets problematisch sei, neue Technik in historische Türen einzubringen. Prinzipiell sei es laut Restaurator Kopp schon möglich, die historische Wohnungseingangstür zu erhalten, indem man sie mit einer zweiten Verbundtür aufdoppelt und in diese die neue Technik integriert. Die alte Mechanik ist dann funktionslos, aber im Original erhalten.

Literartur

Palais Batthyány-Strattmann, Palais Trauttmansdorff

Zwei Wiener Palais, Geschichte 
und Gegenwart, Gabriele Lenz, 
Martin Mittermair, Stefan Oláh (Hg.), 
Birkhäuser, Basel 2016

Fotos

© Stefan Oláh

Text

Franziska Leeb
geboren 1968, Architekturpublizistin, lebt in Wien 

Palais, Palais.

Standort

Herrengasse 19 – 21

www.palaispalais.at

Bauherr

Estrella Immobilieninvest AG, Wien/A

Planung

Mittermair Architekten, Wien/A, mittermair.com

Statik

Vasko+Partner Ingenieure, Wien/A, www.vasko-partner.at

Tischler

Gottfried Reßl Tischlerei GmbH, Wien/A, www.ressl.at

Holzrestaurator

Kopp Restauratoren GmbH, Wien/A, www.holzrestaurierung.at

Fertigstellung

2016