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Von Türen, die gesehen werden wollen, und solchen, die lieber unerkannt bleiben

Türen im Pflegeheim

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 68: Holztür
Dezember 2017, Seite 12f.

Gerade bei alten Menschen ist das Bedürfnis nach Normalität groß. Wie man bei der Planung eines Altenheims trotz anderer Rahmenbedingungen dennoch eine Stimmung der Vertrautheit und Geborgenheit schaffen kann, zeigt ein Besuch in dem von Architekt Dietger Wissounig geplanten Pflegewohnheim Erika Horn in Graz-Andritz. Die Atmosphäre lebt von der großzügigen Belichtung durch die Gebäudeeinschnitte und Atrien, die Materialität, in der Holz innen wie außen dominiert, und den schön angelegten Gärten, die das Haus wie eine grüne Achse durchziehen. Hier in Graz-Andritz leben die Bewohner in Wohngemeinschaften, immer höchstens 15 Personen pro Einheit. Von einem zentralen Atrium aus gelangt man wie bei einem vierblättrigen Kleeblatt zu den zweigeschossigen Kuben, die pro Geschoss jeweils eine Wohngemeinschaft beherbergen.

Die Orientierung in diesen Wohngruppen ist einfach: Die Zimmer sind um einen Gemeinschaftsraum und ein Atrium angeordnet. Die Türen, die für die Bewohner von Relevanz sind, heben sich dabei immer kontrastreich von der Wandfläche ab. Die Türen, die hingegen für Mitarbeiter gedacht sind oder hinter denen sich Sonderfunktionen befinden, sind in derselben Farbe oder Materialität wie die Wand.

Am Beispiel der Türgestaltung zeigt sich, wie Materialität, Farbgebung und Gestaltung den alten und teils dementen Bewohnern die räumliche Orientierung erleichtern können. Laut Architekt Dietger Wissounig sollten die Zimmertüren so aussehen, wie die Bewohner es von zu Hause her kennen, zugleich müssen die Türen mindestens so breit sein, dass ein Bett hindurchgeschoben werden kann. Wissounig hat deshalb die Zimmertüren zweiflügelig angelegt, mit einem Gehflügel und einem Standflügel: Der Gehflügel ist mit einer weißen Schichtstoffplatte belegt und hebt sich deutlich von der mit Eichenfurnier verkleideten Wandnische ab. Der Standflügel, der nur vom Pflegepersonal geöffnet wird, ist hingegen mit dem gleichen Holzfurnier wie die Wandnische belegt und auf den ersten Blick kaum sichtbar. Im Grunde ist es das altbekannte Prinzip der Tapetentür, das hier neu interpretiert wurde. Wissenschaftlich untermauert ist das Prinzip der Farbgestaltung von Türen in Häusern für demente Menschen ebenfalls. Experten des Bauens für demente Menschen wie die Amerikaner Victor Regnier, Benyamin Schwarz und Ruth Brent Tofle betonen unisono, dass Türen in Einheiten für Menschen mit Demenz in gut sichtbaren Farben gestaltet sein sollen, wenn sie für die Bewohner nützlich sind. Alle anderen Türen sollen im gleichen Farbton wie die umgebende Wand gehalten sein. In diesem Sinne hat Dietger Wissounig gehandelt, auch wenn er statt der Farbe unterschiedliche Materialien verwendet. Das dient demselben Zweck, sorgt aber zugleich für eine wohnliche Atmosphäre.

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Pflegewohnheim Erika Horn

Standort

Statteggerstraße 100, Graz/A

Bauherr

enw – Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft m.b.H, Graz/A, www.wohnbaugruppe.at

Planung

Dietger Wissounig Architekten, Graz/A, www.wissounig.com

Statik

Josef Koppelhuber, Rottenmann/A, www.koppelhuber.at

Holzbau

Strobl Bau – Holzbau GmbH, Weiz/A, www.strobl.at 

Außentüren/Fenster

Tischlerei Loidhammer, Bad Ischl/A, loidhammer.at

Innentüren

Gleichweit Objekttischlerei GmbH, Hartberg/A, www.objekttischlerei.at

Fertigstellung

2015

Innentür/Zimmertür

Funktion 

Tür zu den Bewohnerzimmern 

Öffnungsart 

Drehflügeltür

Flügelanzahl 

Zweiflügelig

Durchgangslichte gesamt 

120 x 200cm

Durchgangslichte Gehflügel 

85 x 200cm

Türblattdicke 

70mm

Falzquerschnitt 

Einfach gefälzt, flächenbündig

Türblattkonstruktion 

Vollbautür

Oberfläche Gehflügel 

Schichtstoff in Sanitärweiß 

Oberfläche Standflügel 

Eichenfurnier, lackiert

Türzarge 

Pfostenstock Massivholz in Eiche

Schallschutz 

Rw ≥ 36dB

Brandschutz 

EI2 30 (EG), EI2 30-C (OG)

Sonstige Funktionen 

Türöffnungsbegrenzer, Freilauftürschließer mit Öffnungsbegrenzer, im Türblatt integriert, Absenkdichtung