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Bescheidene Behaglichkeit

Alpiner Hüttenbau und die Atmosphären des Elementaren

Bernhard Tschofen
Erschienen in
Zuschnitt 69: Bauen am Berg
März 2018, Seite 22f.
So wie früher schläft u. wohnt man auch heute in der Schutzhütte am l’Aigle noch in einem Raum (Aufnahme Anfang 20. Jh.).
Der großzügige Gastraum der Moiry-Hütte bietet hingegen mehr Komfort.

Hütten scheinen gerade eine große Konjunktur zu erleben. Nicht nur zur Weihnachtszeit häufen sich in den Alpenstädten und darüber hinaus die Almhütten auf urbanem Grund. Der Boom der »tiny houses« stellt seine Entwürfe gerne auch in die architekturhistorische Genealogie der Hütte. Und das Chalet ist in den Tourismusgebieten Nordamerikas und der Alpen längst zum Leitbild einer Ortsbezug suggerierenden Atmosphärenarchitektur geworden.

Ob solcher Präsenz treten in der öffentlichen Wahrnehmung die beachtlichen Bauten einer alpinen Hüttenarchitektur des letzten Jahrzehnts schon fast in den Hintergrund. Vor allem überlagern sich dabei die Deutungsangebote, sodass sich in der Rede vom alpinen Hüttenbau ganz unterschiedliche Traditionen vermengen. Anlass genug, die kulturelle Logik alpiner Hütten etwas genauer zu betrachten und im Kontext von traditionellem Bauen, Touristik und technisch-formaler Innovation näher zu verorten. Die Unterkunftshütte in den Bergen ist eine vergleichsweise junge Bauaufgabe. Das steht ein wenig im Widerspruch zu der weit verbreiteten Vorstellung, dass sie die traditionelle Bauform des alpinen Raums sei oder zu dieser zumindest einen unmittelbaren Bezug habe. Wenn Menschen »mental maps« ihres Alpenraums skizzieren sollen, vergessen sie selten darauf, jene elementaren Bauformen anzudeuten, die in den kollektiven Bildwelten als traditionelle Behausung in touristischer Nutzung wahrgenommen werden. Sie gehören offensichtlich zur Grundausstattung alpinen Erlebens und passen zur Vorstellung der Alpen als einer weitgehend touristisch geprägten, doch traditionell konnotierten Kulturlandschaft.

Eine neue Bauaufgabe des Alpinismus

Als Erlebniskonsumenten des frühen 21. Jahrhunderts sitzen wir damit aber nicht nur eigenen Trugbildern auf, sondern folgen einer Logik, die gewissermaßen Produkt der touristischen Erschließung in den vergangenen rund 150 Jahren ist. Die ersten Unterkunftshütten in den Alpen nach heutigem Verständnis entstanden mit der Gründung der alpinen Vereine, die in diesen Jahren in den meisten Alpenländern auf anderthalb Jahrhunderte ihres Bestehens zurückblicken können (Schweiz und Österreich 1862, Italien 1863, Deutschland 1869, 1873 Zusammenschluss mit dem öav). Sie unterschieden sich in Funktion, (Höhen-)Lage und Gestaltung von den Hütten, wie sie der Alpwirtschaft dienten, ebenso wie von den auf die alpinen Übergänge konzentrierten traditionellen Herbergen. Nun ging es nicht mehr um die Beaufsichtigung des Weideviehs und um Unterkünfte für Säumer und Reisende an den Passrouten, sondern um die Erleichterung von Gipfeltouren und das Erleben der Berglandschaft. Dementsprechend entspann sich in den Kreisen der Alpenvereine bald ein Diskurs um die neue Bauaufgabe und entwickelten sich Praktiken der Planung und handwerklichen Ausführung alpiner Schutzhütten, die in ihrer Begegnung von ländlichen und bürgerlich-städtischen Kulturmustern bis heute nachwirken.

Deutlich lassen sich die neuen Ansprüche an Lage und Ausstattung etwa an den überlieferten Plänen des Prager Kaufmanns und Alpenvereinspioniers Johann Stüdl ablesen. Neben einer sicheren und aussichtsreichen Positionierung im Gelände war vor allem eine funktionale Ausstattung wesentlich, sie beschränkte sich mehr oder weniger auf fest verbaute Liegen mit leicht schrägen Flächen, eine Sitzgelegenheit mit Tisch und Bänken und eine einfache Heiz- und Kochstelle. Die auf Stüdl zurückgehende Alte Prager-Hütte (erbaut 1872 – 77) in der Venedigergruppe wird aktuell restauriert und in ihren seinerzeitigen Zustand zurückgebaut. So einfach diese frühen Hütten sein mögen, so sehr zeugen sie immer von mehr als nur elementaren Bedürfnissen. Als der in Vorarlberg ansässige schottische Industrielle und Bergpionier John Sholto Douglass 1870 den Plan für eine Unterkunftshütte am Lünersee am Fuß der Schesaplana zeichnete, vergaß er nicht, in der kleinen Unterkunft mit zwei Kammern und gerade einmal 12 Fuß im Geviert auch den Platz für »Bücher« einzuzeichnen und die Tischecke so zu positionieren, dass sie sich dem Panorama öffnete.

Auch wenn sich diese frühen Hüttenbauten auf den ersten Blick wenig von bäuerlichen Nutzbauten des Alpenraums unterscheiden mögen, folgten sie in ihrer Konstruktion häufig anderen Prinzipien und ließen vor allem die Handschrift städtischer Ingenieure und Architekten erkennen. Bereits um 1900 finden sich ebenso häufig Anklänge an die Nutzbauten der technischen Infrastrukturen etwa des Bahn- und Armeewesens wie Anwendungen des gewerblichen und industriellen Holzbaus im Chalet- oder Schweizerhausstil mit im Tal vorgefertigten Bauteilen. Das kam schon damals den Anforderungen des auf wenige Sommermonate beschränkten Bauens im Hochgebirge entgegen und ermöglichte außerdem die Versöhnung der funktionalen mit den ästhetischen Ansprüchen des maßgeblichen Milieus.

»Heim in den Bergen«: Bühne und Anleitung alpinen Erlebens

Im Verlauf weniger Jahrzehnte entwickelte sich auf diese Weise eine Bauform, die sowohl Bühne als auch Anleitung alpinen Erlebens werden konnte. Häufig entstanden im Dialog zwischen städtischen Fachleuten und lokalen Handwerkern, skizzieren diese Bauten vor allem ein Bild »bescheidener Behaglichkeit«. Sie entsprachen damit ganz den vor allem in den Ostalpen durchaus mit nationalem Einschlag versehenen Vorstellungen deutscher Naturliebe. Ein Diskurs unter Akteuren der hüttenbauenden Sektionen und interessierten Planern einer erweiterten alpinistischen Öffentlichkeit regelte die Vorstellungen geeigneter Materialen und Bearbeitungsformen. Selbst anatomische Überlegungen über die Ansprüche aufrechten bürgerlichen Sitzens im Gegensatz zum angeblich mehr kauernden Sitzhabitus der einheimischen Führer fanden dabei Berücksichtigung.

Georg Hirth, der seit 1870 in München ansässige Verleger, Journalist und spätere Herausgeber der Zeitschrift Jugend, hielt 1886 in den Mitteilungen des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins programmatisch fest: »Auf dem Gang sind Sitzbänke, Haken zum Aufhängen durchnässter Kleidung etc. anzubringen. […] Wände und Decken sind mit einfachen Holzverkleidungen zu versehen (röthliches Tannen-, Lärchen- oder gar Zirbenholz, ebenso wie die Thüren und Fensterrahmen weder angestrichen noch gebeizt). […] Am einfachsten werden, an Decken wie Wänden, schmale Bretter zusammengestossen und die Fugen durch Leisten verdeckt. In solchen Naturholzwänden fühlt sich selbst der durch ein kunstreiches, städtisches Heim verwöhnte Gebirgsfrischler sehr wohl, während unschöne Malereien und Tapeten ihm lästig sind. […] Einfach, urwüchsig ländlich im guten alten Sinne, deutsch, – so behagt uns das Heim in den Bergen!«

Als Behausungen für das Unterwegssein im Gebirge zelebrierten die Schutzhütten für Jahrzehnte diesen in den Gründerjahren entwickelten Stil. Wichtiger als formale Details blieben dabei aber Materialitäten und Gestimmtheiten. Mit seiner lange gültigen Präferenz für den Baustoff Holz und einer zumeist klaren Raumregie mit eigenen Regeln – Stuben für die Bewirtung, Schlafräume und Lager, Räume für Schuhe und Ausrüstung – können wir heute den historischen Hüttenbau als Musterbeispiel moderner »Atmosphärenarbeit« (Böhme 1995) begreifen: eine Architektur voller Affordanzen oder Benutzbarkeitshinweisen, eine Architektur, die uns sagt, wo Schuhe, Rucksäcke und Pickel abzustellen sind und wo Regeneration und Gemütlichkeit zu Hause sind, ja selbst welche Emotionen und Stimmungen dort praktiziert werden. Das macht Schutzhütten auch für die Architektur- und Kulturtheorie interessant, weil sich in ihnen die wechselseitigen Einschreibungen von menschlichen Akteuren und materiellen Strukturen erkennen lassen. Und es ist daher kein Zufall, dass in jüngster Zeit im Hüttenbau nicht nur an die häufig übersehenen funktionalen und konstruktiven Pionierleistungen des späten 19. Jahrhunderts angeknüpft wird, sondern auch die Prinzipien einer bewusst bescheidenen und vielleicht auch nachhaltigen Gastlichkeit in den Bergen innovativ fortentwickelt werden.

Literatur

Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik, Gernot Böhme, Frankfurt am Main 1995.
Hoch hinaus! Wege und Hütten in den Alpen, Deutscher Alpenverein, Österreichischer Alpenverein, Alpenverein Südtirol (Hg.), Köln-Weimar-Wien 2016.
Bilder aus den Alpen. Eine andere Geschichte des Bergsteigens, Martin Scharfe, Köln-Weimar-Wien 2013.
Berg – Kultur – Moderne. Volkskundliches aus den Alpen, Bernhard Tschofen, Wien 1999.

Text

Bernhard Tschofen
ist Europäischer Ethnologe mit Schwerpunkt kulturwissenschaftliche Raumforschung, er lehrt und forscht an der Universität Zürich.