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Bewährte Schindeln

Holzfassaden im Hochgebirge

Gerhard Grüll, Sylvia Polleres und Notburga Pfabigan
Erschienen in
Zuschnitt 69: Bauen am Berg
März 2018

Berghütten sind oft in sehr exponierten Lagen gebaut. Es gibt keinen Schutz vor Wetter und Wind, wie er im Wald oder bei umgebender Bebauung gegeben wäre. Der Wind ist ungebremst und in höheren Lagen stärker als im Tal, sehr häufig kommen Stürme vor. Bei diesen Gegebenheiten sind Holzfassaden zu wählen, die die Außenwandkonstruktion möglichst gut vor Schlagregen und eindringender Feuchtigkeit schützen. Eine offene Leistenfassade ist nicht die richtige Wahl, weil die hinter der Leistenebene liegende Fassadenbahn die volle Bewitterung ableiten muss und die Traglattung einer höheren Feuchtebelastung als hinter einer geschlossenen Fassade ausgesetzt ist. Für eine kleinflächige Wartung und bei eingeschränkten Möglichkeiten des Materialtransports empfehlen sich kleine Holzteile. Nicht umsonst sind Schindeln das traditionell eingesetzte Material für Holzfassaden im Hochgebirge.

Gerade bei Schindelfassaden ist die Abwitterung des Holzes eindrücklich sichtbar. Durch Abbau und Erosion der Holzsubstanz wittern die Schindeln im Laufe der Zeit durch, weshalb die Zweifach- oder Dreifachdeckung wichtig ist. Die Überarbeitung erfolgt durch Austausch von Schindeln in stark verwitterten Zonen. Dieser Abbau des Holzes ist die Folge der Sonneneinstrahlung und Beregnung, die zum Auswaschen von Holzbestandteilen und zur Erosion führt. In hohen Gebirgslagen ist die Jahressumme der Globalstrahlung des Sonnenlichts etwas höher als in tiefen Lagen. Zusätzlich ist aufgrund der höheren Windgeschwindigkeiten mit einer etwas rascheren Erosion der Holzoberflächen zu rechnen. Für diese gibt es nur einen allgemeinen Richtwert, unabhängig von der Höhenlage: Man rechnet bei unbehandelten Nadelholzoberflächen von etwa 0,1 mm pro Jahr.

Ein wesentlicher Faktor bei der Verwitterung ist der Bewuchs durch holzverfärbende Pilze, die an die Gegebenheiten und wechselnden Bedingungen auf bewitterten Holzoberflächen sehr gut angepasst sind. Temperatur und Feuchteangebot sind die wichtigsten Parameter für ihr Wachstum. Gegen Kälte sind holzverfärbende Pilze deutlich weniger empfindlich als gegen Hitze. Selbst bei 0° C wachsen sie noch, wenn auch bedeutend langsamer als bei den höheren Optimaltemperaturen. Häufig wird angenommen, dass Holzfassaden im Hochgebirge langsamer oder weniger vergrauen und stärker erodieren als solche in niedrigeren Höhenlagen. In Untersuchungen wurden mit unbehandeltem Nadelholz keine gravierenden Unterschiede zwischen niedrig- und hochgelegenen Standorten festgestellt. Das heißt, dass unbehandeltes Holz auf der Fassade einer Berghütte nicht wesentlich anders vergraut und verwittert als an einem Objekt in der Stadt. Schlussendlich spielen die Himmelsrichtungen und Hauptwindrichtungen dafür eine wesentliche Rolle: Jede Berghütte hat ihre Wetterseite. Zumeist ist es gerade diese Seite, die der Hütte ihren Charakter gibt.

Text:

Gerhard Grüll, Sylvia Polleres und Notburga Pfabigan sind Mitarbeiter der Holzforschung Austria. Sie sind für folgende Fachbereiche zuständig: Holzschutz von Oberflächen (Grüll), Holzhausbau (Polleres) und Biologie (Pfabigan).