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Sanieren statt neu bauen

Refuge de l’Aigle

Manuel Joss
Erschienen in
Zuschnitt 69: Bauen am Berg
März 2018, Seite 5f.

Die Hütte von 1910 sollte durch einen Neubau ersetzt werden, doch der Widerstand war so groß, dass man den Bestand schlussendlich sanierte und mit einer neuen Hülle vergrößerte – ein Gewinn in jeder Hinsicht.

Die Berghütte Refuge de l’Aigle liegt auf einem Felssporn in einer Gletscherlandschaft des Nationalparks Les Écrins auf knapp 3.500 Metern Seehöhe. Damit ist sie eine der höchstgelegenen in Europa. Dieser garstige Ort hat Geschichte, genau hier biwakierten schon die ersten Alpinisten im 19. Jahrhundert, um am folgenden Tag die Gipfel von La Meije zu bezwingen, einem Bergmassiv, das zu den anspruchsvollsten in den Alpen zählt und in Frankreich so bekannt ist wie der Mont Blanc. 1910 bauten bergbegeisterte Mitarbeiter einer Pariser Klavierfabrik eine Schutzhütte für 18 Personen, Maultier- und Trägerkarawanen schleppten das Holz herauf. 2012 musste sie wegen mangelnder Brandschutz- und Evakuierungsvorrichtungen geschlossen werden.

Die neue Hütte steht an derselben Stelle, aber sie ist etwas größer. Auf nur 65 m² Grundfläche bietet sie einen Schlaf- und Aufenthaltsraum für dreißig Alpinisten sowie eine Kleinstwohnung für den Hüttenwart. Dieser betreut und bekocht die Gäste während der Hochtourensaison von Juni bis September, er hat eine Funkverbindung ins Tal und die einzige Dusche. Den Alpinisten muss der Kaltwasserhahn für die »Katzenwäsche« reichen. Der Rest des Jahres bleibt der Windfang unverriegelt, hier finden Alpinisten in Not jederzeit Unterschlupf.

Die Energieversorgung ist fast autark, dafür sorgen Fenster mit passiver Solargewinnung sowie Photovoltaik und Solarpaneele auf dem Dach. Das Wasser wird aus dem Gletscher gepumpt oder aus Schnee geschmolzen, der Helikopter bringt neben dem Essen nur das Gas fürs Kochen und leert die Trockentoilette neben dem Haus.

Gebaut ist die Hütte aus Brettsperrholz, einer Dämmschicht aus Holzfaserplatten und einer äußeren Schutzhülle aus Aluminium, eine Stahlplattform verankert alles fest im Fels. Die Details mussten genauestens geplant werden und bei der Holzbaumesse 2014 in Grenoble wurde der Rohbau schon einmal aufgestellt, bevor er dann in 650-kg-Portionen auf den Berg geflogen wurde. Aber nicht deshalb dauerte es vom Wettbewerb im Jahr 2003 bis zur Fertigstellung zehn Jahre. Nach dem Wettbewerb gab es zähen Widerstand gegen den Abbruch der Pionierhütte. Jetzt ist beides vereint: Das alte Holzskelett ist gut sichtbar integriert und trägt die drei Reihen Schlafplätze.

»Wir Architekten dürfen die Menschen nicht durch zu viel Material und Raum von der Natur abschotten«

Architekt Jacques Félix-Faure über das Bauen auf dem Berg und das Bauen mit Holz

»Bauen in dieser Höhe ist ein besonderes Abenteuer: Sie haben Flugschnee, atemraubende Stürme, immense Schneelasten und eine sehr kurze Bauzeit. Ich hatte vorher schon eine Berghütte gebaut, die ich zuerst im klassischen Holzbau plante. Wegen der großen Kräfte brauchte es viele Verstrebungen, der Ingenieur wies mich dann auf Brettsperrholz hin, welches zugleich Hülle ist, die Kräfte aufnimmt und rasch montiert werden kann. Seither ist dies mein bevorzugtes Material. Vom Holz bin ich sowieso begeistert wegen der Nachhaltigkeit und der statischen Eigenschaften. Im Moment plane ich in Grenoble ein achtgeschossiges Mehrfamilienhaus aus Brettsperrholz und hoffe, dass der Holzbau in Frankreich in Zukunft stärker vertreten sein wird.

Die alte Hütte hatte eine spezielle Stimmung, die ich unbedingt erhalten wollte. Gerade weil sie so klein war, lernten sich die Leute schnell kennen. Dann ist da das spezielle Tageslicht in dieser Höhe, die klaren Sterne in der Nacht, oder es tobt draußen ein fürchterlicher Sturm und Sie sitzen drinnen in Sicherheit. Das sind sehr emotionale, urtümliche Erlebnisse, die Menschen werden ehrfürchtig und fühlen sich verbunden mit der Natur, begreifen aber auch wie verletzlich die Erde ist. Wir Architekten haben hier eine sehr große Verantwortung, dass wir die Menschen auch in den Häusern in Verbindung mit der Natur halten und sie nicht abschotten durch zu viel Material und Raum. Es ist gefährlich, wenn Sie den Luxus des Tals einfach in die Berge hinaufbringen, da verlieren Sie gerade das, was die besondere Atmosphäre in den Alpen ausmacht. Zu viele Gänge und Türen behindern den Austausch, das Zusammenleben.

Wenig Raum zwingt Sie als Planer, auch außerhalb der Architektur nach neuen Lösungen zu suchen. Wir haben ein U-Boot besichtigt und waren beeindruckt, wie effizient der Raum mehrfach genutzt wird. Die U-Boot-Konstrukteure gehen da sehr weit. Wir selbst haben eine interessante Lösung gefunden für die Erschließung der Schlafplätze. Sie sind in drei Lagen übereinander angeordnet, aber auf der Leiter bis zuoberst hinauf- und hinunterzusteigen, ist schwierig. Ein Zwischenboden hätte jedoch eine zusätzliche Treppe verlangt und ein größeres Haus. Wir haben dann den freien Laufgang gefunden. Der Zugang zu den Betten ist dadurch einfacher, der Raum wirkt immer noch hoch, auf den gespannten Netzen kann man sich tagsüber ausruhen oder sie nachts als zusätzliche Schlafstellen nützen. Denn oft bleiben über Nacht mehr Leute, als sich angemeldet haben, meist weil sie für den Abstieg ins Tal zu erschöpft sind. Dann sind bis zu vierzig Personen hier. Schon dreißig Leute sind sehr viele für dieses kleine Raumvolumen und eine gute Lüftung wird sehr wichtig. Das Haus ist jetzt derart ausgefeilt, dass es eher einem Möbel oder einem einzigen Stück Holz gleicht, aus dem der Innenraum herausgehauen wurde.«

Dachaufbau

Aluminiumpaneel, beschichtet
Antivibrationsmembran
Unterkonstruktion Tanne 27mm
Lattung/Hinterlüftung 70 x 100mm
diffusionsoffene Unterdeckbahn
Holzfaserplatte 80mm
Brettsperrholz 140mm

Wandaufbau

Aluminiumpaneel, beschichtet
Antivibrationsmembran
Unterkonstruktion Tanne 27mm
Lattung horizontal/Hinterlüftung 27 x 63mm
Holzfaserplatte 60mm
Brettsperrholz 140mm

Fotos

© Pascal Tournaire (oben und rechts)
© Atelier 17C-Architectes (links unten)

Text

Manuel Joss
geboren 1973, studierte Architektur in Lausanne und Zürich, ist freiberuflich als Architekt und Autor für Tageszeitungen, Fachpresse und Fernsehen tätig. 

Berghütte Refuge de l’Aigle

Standort

Rocher de l’Aigle, La Grave, Bergmassiv La Meije im Nationalpark Ecrins/FR

Höhe

3.450m ü.M.

Bauherr

Fédération Française des Clubs Alpins et de Montagne, Paris/FR, www.ffcam.fr

Planung

Atelier 17C-Architectes, Barraux/FR

Statik

Hervé Vieille ingénieur, Vimines/FR

Holzbau

Scierie Eymard SA, Veurey-Voroize/FR, www.scierie-construction-bois-isere.com

Fertigstellung

2014