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Urbanen Holzbau lehren

Gespräch mit Wolfgang Winter – emeritierter Holzbauprofessor TU Wien

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 69: Bauen am Berg
März 2018, Seite 26

Wolfgang Winter leitete ab 1994 als ordentlicher Professor an der TU Wien das Institut für Tragwerksplanung und Ingenieurholzbau (ITI), an dem materialübergreifende Tragwerksplanung für Architekten und Ingenieurholzbau für Bauingenieure gelehrt wird. Im Herbst 2017 wurde er nach 23 Jahre emeritiert. Wir baten ihn um einen kurzen Rück- und Ausblick.

Wie war die Situation des Holzbaus in Wien, als Sie 1994 Ihre Professur antraten?

Nach dem Krieg hatte Wien – wie viele andere europäische Großstädte auch – unter dem Schock der Brandbomben versucht, Holz aus dem mehrgeschossigen Bauen vollständig zu verbannen. In Bayern und der Schweiz, aber auch in der waldreichen Steiermark gab es damals Ansätze, zumindest drei- bis viergeschossige soziale Wohnbauten mit dem regionalen Baustoff Holz zu errichten, und österreichische Architekten wie Hubert Rieß hatten bewiesen, dass dies mit hoher architektonischer Qualität möglich war.

Die Wiener Wohnbaupolitik unter Wohnbaustadtrat Faymann und seinem Mastermind Josef Ostermayer initiierte über die stadteigene Sozialbau AG vier- bis fünfgeschossige Pilotprojekte, beispielsweise in der Spöttelgasse. Das ITI lieferte über eine große Bauordnungsstudie den wissenschaftlichen Background für die Bauordnungsnovelle 2002, die dann bis zu fünf Geschosse in Holz ermöglichte.

Zwischenzeitlich ist die Wiener Bauordnung überholt, auch wenn Wien die OIB übernommen hat, die sieben Geschosse in Holz empfiehlt. England und die Schweiz hingegen limitieren die Anzahl von Stockwerken für den Holzbau gar nicht mehr, die Steiermark lässt immerhin acht Geschosse als ungesprinklerten Standard zu. Mit dem gesprinklerten 24-geschossigen Holzhochhaus (HoHo) setzt Wien jetzt allerdings ein Zeichen. Von den Planern werden nicht nur nachvollziehbare Brandschutzkonzepte gefordert, sondern auch Nachweise der Robustheit der Strukturen und die Wirksamkeit der Qualitätskontrollen. Neu ist auch, dass das ITI als Universitätsinstitut beauftragt wurde, an diesen Aufgaben offiziell mitzuwirken.

Welchen Einfluss kann eine Holzbauprofessur auf die allgemeine Holzbauentwicklung haben?

Hochschulen können eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Bauweisen spielen. Sie können das Wissen aus anderen Ländern einbringen und gegenüber der Politik eine neutrale Position einnehmen. An den Hochschulen ausgebildete Diplomanden, Dissertanten und ehemalige Assistenten sind die Akteure der Zukunft. Deshalb ist es auch besonders wichtig, dass gerade ein Lehrstuhl, der einen »Nischenbaustoff« wie das Holz vertritt, stark experimentell und konzeptionell arbeitet, die Potenziale bei Hybridkonstruktionen besonders untersucht und an Beispielen und praktischen Entwicklungen nachweist.

In Zukunft ist ein zusätzlicher Bauingenieurlehrstuhl für Holzmechanik und Strukturmodellierung geplant, sodass auch in Wien die optimale Lehrstuhlkonfiguration entstünde, die an der TU München oder der TU Graz schon existiert, mit eng kooperierenden technisch-konzeptionellen Lehrstühlen auf der Architekturseite und materialbetonten Professuren auf der Bauingenieurseite. Voraussetzung dafür ist, dass bei der Nachbesetzung der Professur am ITI ein entsprechendes »Holzprofil« gesucht wird, was momentan noch offen ist.

Das Land Wien zeigt zunehmend Interesse am Holzbau. Das drückt sich beispielsweise in der Durchführung der Internationalen Bauausstellung Wien (IBA_Wien 2022) aus sowie in der Bereitschaft des Magistrats, auch außergewöhnliche Holzbauten wie das HoHo zuzulassen. In Anbetracht dessen wäre es schade, wenn an der TU Wien nicht eine fakultätsübergreifende starke Achse nachhaltiges Bauen und ressourceneffiziente Konzeption geschaffen würde.

Wolfgang Winter

studierte Bauingenieurwesen und Architektur, arbeitete lange Zeit eng mit Julius Natterer zusammen, lehrte und forschte an der ETH in Lausanne und an der École des Beaux-Arts Paris, hatte sein eigenes Planungsbüro in Frankreich und der Schweiz und war der erste Ingenieurholzbauprofessor an der Holzfachschule in Biel. Von 1994 bis 2017 leitete er als ordentlicher Professor an der Architekturfakultät der TU Wien das Doppelinstitut ITI. Wolfgang Winter war langjähriger Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Holzforschung Austria, wissenschaftlicher Leiter des Nachdiplomstudiums Urban Wood, Chair der WCTE 2016, die er nach Wien geholt hatte, und Gründungsmitglied des Internationalen Holzbau-Forums Garmisch. www.iti.tuwien.ac.at

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at