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Urbanen Holzbau lehren

Gespräch mit Tom Kaden – Holzbauprofessor TU Graz

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 69: Bauen am Berg
März 2018, Seite 27

Seit Herbst 2017 gibt es an der TU Graz eine Stiftungsprofessur für Architektur und Holzbau. Der Berliner Holzbau-Experte Tom Kaden ist erster Inhaber dieser Stiftungsprofessur. Welche Pläne hat er für das erste Jahr und darüber hinaus?

Das erste Semester ist fast vorbei. Wie war die Resonanz auf das Masterstudio?

Wir hatten den Studierenden die Aufgabe gestellt, einen Holz-Hybridbau für eine Berliner Baulücke zu entwerfen. Schon die Zwischenpräsentation vor Weihnachten hat gezeigt, mit welcher Freude und Intensität sie sich an die Arbeit gemacht haben. Es soll ein multifunktionales Gebäude mit Studentenwohnungen sein. Mich interessiert dabei auch der Gedanke der möglichen Wiederholbarkeit. Wir wollen diese Gratwanderung zwischen einer freien Architektursprache und dem systemischen industriellen Gedanken schaffen. Das ist wichtig, um den Holzbau in die Zukunft zu bringen.

Was genau verstehen Sie unter dem systemischen Gedanken?

Industrialisierung und Vereinheitlichung wesentlicher Lösungsansätze und ihrer Wiederholbarkeit, anstatt einen »Leuchtturm« nach dem anderen zu bauen. Das hat viel mit Kosten und der Novellierung der Landes- und Bundesbauordnungen zu tun. Ich weiß, dass das hoch angesetzt ist. Wir sind aber alle der Meinung, dass in den meisten Ländern die jeweiligen Bauordnungen den derzeitigen Leistungsstand des Holzbaus überhaupt nicht mehr abbilden. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir zwei bis sieben Prozent teurer sind. Wir haben zu viele Auflagen, müssen kapseln und wissen, dass das in Teilen gar nicht mehr notwendig ist. Dazu will ich mit der Universität gemeinsam einen Beitrag leisten.

Inwieweit kann ein Lehrstuhl solche Entwicklungen beeinflussen?

Gute Frage. Aktuell erlebe ich das in Berlin. Der rot-grüne Senat hat in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass der Holzbau gefördert werden soll. Zwei Tage nach der Unterzeichnung der Koalitionsvereinbarung haben sie mich dann gefragt, wie sie das machen können. Ich habe vorgeschlagen, die Berliner Bauordnung zu ändern und sich dabei an Baden-Württemberg zu orientieren. Aus dieser halböffentlichen Diskussion nehme ich den Mut zu sagen, dass wir das auch an einer wissenschaftlichen Institution wie der TU Graz weiter vorantreiben können. Es ist einen Versuch wert, finde ich.

Gibt es Vorbilder für Sie, andere Universitäten oder Professoren, die Holzbau lehren?

Ich schaue natürlich schon lange sehr beeindruckt auf dieses Triumvirat an der TU München: Hermann Kaufmann, Florian Nagler und Stefan Winter. Gemeinsam haben wir auch schon den Wunsch nach einer intensiven Zusammenarbeit dieser beiden Universitäten formuliert.

Sie haben Ihr Büro in Berlin und sind jetzt Professor in Graz. Wofür steht der Standort Graz für Sie als Holzbau-Experte? Ich meine damit die Holzbautradition ebenso wie den urbanen, modernen Holzbau.

Ich bin ja der Meinung, dass der Holzbau, seine gelebte und gebaute Tradition, in Österreich sehr viel tiefer verankert ist als in Deutschland. Da gibt es eine andere Sensibilität in Bezug auf das Thema. Aber diese Tradition wurde bisher eher im kleinteiligeren Bereich gelebt. Es ist nicht nur mein Wunsch, sondern auch der Wunsch derjenigen, die die Idee zu dieser Holzbauprofessur hatten, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Ich trete nicht mit der Vorstellung an, das österreichische Baurecht zu ändern. Aber ich will Lobbyarbeit leisten und für das Thema sensibilisieren. Ich bin frohen Mutes, dass ich da etwas bewegen kann.

Tom Kaden

ist Berliner Pionier für mehrgeschossigen Holzbau im urbanen Kontext. Mit seinem im Jahr 2008 realisierten siebengeschossigen Wohnhaus in Berlin verwirklichte er das damals höchste Holzhaus Europas. Zu der Zeit noch in der Bürogemeinschaft Kaden Klingbeil, arbeitet er heute gemeinsam mit Markus Lager in der Gemeinschaft Kaden+Lager. Im Bau befindet sich derzeit ein Wohnhochhaus in Heilbronn.

Stiftungsprofessur für Architektur und Holzbau an der TU Graz

Die Stiftungsprofessur für Architektur und Holzbau ist an der TU Graz am Institut für Architekturtechnologie verankert. Finanziert wird die Professur vom Fachverband der österreichischen Holzindustrie (FHP), dem Land Steiermark, dem Holzwerbefonds der Steirischen Forstwirtschaft, der Waldwirtschaftsgemeinschaft Bergwelt, der Wirtschaftskammer Steiermark, der Fachgruppe Holzindustrie Steiermark sowie der Landesinnung Holzbau. Die Professur von Tom Kaden ist auf fünf Jahr ausgelegt. www.iat.tugraz.at

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at