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Essay

Beschleunigte Planungsprozesse im Holzbau

Klaus-Jürgen Bauer
Erschienen in
Zuschnitt 70: Planungsprozesse
Juni 2018, Seite 4

Im Jahr 1983 sang die Band Geier Sturzflug »Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt«. Damals war die Parole für jedermann als Satire erkennbar, als ungesunde, fast lächerliche Hetze im Arbeitsleben. Heute wird der in vielen Bereichen des Lebens bereits eingemottete Begriff der Effektivität wieder aus der Schublade geholt. Die Trägerrakete der Effizienz unserer Tage heißt Digitalisierung und bringt radikale Veränderungen in den Bauprozess. Die Digitalisierung betrifft das gesamte Bauwesen und damit natürlich auch den modernen Holzbau. Ideen werden blitzartig bereits im Vorentwurf in Daten verwandelt, die von der Architektenplanung bis zur Maschine, die das Holz schneidet, durchgereicht werden sollen. Die zukünftige Kommunikationsplattform dieser gigantischen Datenwolken wird vermutlich BIM sein, eine Methode zur Planungsoptimierung mithilfe von Software.

Building Information Modeling ist ein vom amerikanischen Industrieriesen Autodesk entwickelter Software-Standard. Alle relevanten Bauwerksdaten werden digital modelliert, kombiniert und erfasst. Das zukünftige Bauwerk wird als virtuelles Modell geometrisch visualisiert. Die Zukunft des Bauens wird – so sieht es zur Zeit zumindest aus – vor Bildschirmen stattfinden, die von amerikanischen Industriekonzernen am Laufen gehalten werden. Der Treiber hinter der Digitalisierung ist die Effektivität.

Besonders passend scheint der Effektivitätsgedanke im Holzbau zu sein. Moderner Holzbau zeichnet sich durch die Produktion von Bauelementen in der Werkstatt mit hohem Vorfertigungsgrad aus. Diese Vorfertigung ist die Voraussetzung für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Holzbau. Um diese Parameter gesichert zu erreichen, ist im Holzbau daher eine neue und vertiefte Planung notwendig, die auch die Fertigung der Bauelemente, deren Transportlogistik und die Montage berücksichtigt. Man könnte sagen, dass sich im modernen Holzbau gerade die Sinuskurven des Bauens verschieben. Traditionelles Bauen bedeutet, dass wichtige Phasen vor Ort stattfinden. Die Organisation des Projektablaufs ist heute zentral über die örtliche Bauaufsicht organisiert. Sogar die Gesetzgebung nimmt darauf Rücksicht. Für den modernen Holzbau mit seiner hohen Vorfertigung allerdings bedeutet diese konventionelle Projektorganisation mit den separierten Einzelschritten Planung, Ausschreibung, Produktion und Montage nichts Gutes. Moderner Holzbau bedeutet nämlich zwingend, dass Holzbauspezialisten frühzeitig im Planungsteam dabei sein sollten, um ihr spezielles Wissen zur Holzbaukonstruktion, Vorfertigung, Montage und Logistik einzubringen. Aufgrund seiner Komplexität stellt der Holzbau die meisten Planer – aber auch Auftraggeber – daher vor große Herausforderungen. Der moderne Holzbau kann seine entscheidenden Vorteile – hohe Präzision und Geschwindigkeit – aber nur dann voll ausspielen, wenn sich die Sinuskurven der Planung nach vorne verschieben.

An der notwendigen Änderung des Planungsprozesses im modernen Holzbau wird intensiv gearbeitet. Das Ziel ist klar formuliert: Es geht darum, Wissenslücken im Bereich des modernen Holzbaus in einem frühen Stadium des Planungsprozesses zu schließen. Das übergreifende Forschungsprojekt leanWOOD etwa entwickelt neue Organisations- und Prozessmodelle für den vorgefertigten Holzbau, wobei lean eine effiziente und effektive Abwicklung von Prozessen bedeutet.

Der Holzbau hat einen gewaltigen Modernisierungsprozess hinter sich. Heute sind im Holzbau Dinge möglich, die im Jahr 1983, als es lustig schien, dass wieder in die Hände gespuckt wird, vielleicht nicht einmal denkbar waren. Der moderne Holzbau scheint gut aufgestellt zu sein. Um aber im standardisierten und durch die Industrie vordefinierten Bauwesen bestehen zu können, muss er vermutlich nicht nur seine Verfahren ändern, sondern auch sein Verhalten anpassen. Der visionäre Designer Otl Aicher etwa erfand mit seinen radikal reduzierten Piktogrammen eine neue Zeichensprache, die von allen Menschen auf einer Gefühlsebene verstanden wurde. Er veränderte damit unser Leben, indem er den Erscheinungen der Moderne – etwa dem verwirrenden Weg durch einen Flughafen – einen verlässlichen, einfachen und jederzeit für jedermann entzifferbaren Code gab. Aicher sprach vom visuellen Denken. In dieser Sicht liegt möglicherweise ein noch nicht begangener Weg für den modernen Holzbau. BIM hat als vermutlich neuer Standard der digitalen Planung auch in seiner deutschen Bezeichnung Bauwerksdatenmodellierung nichts Sinnliches an sich. Holzbau ist jedoch per se sinnlich, Holz hat sinnliche Eigenschaften, das ist unbestreitbar. Wenn der moderne Holzbau es schafft, über die Idee der visuellen Kommunikation den sinnlich erlebbaren Baustoff Holz mit abstrakten, digitalen Planungsmethoden wie BIM zu verbinden, dann ist alles denkbar.

Text

Klaus-Jürgen Bauer

geboren 1963 in Wien. Architekturstudium in Wien in der Meisterklasse Holzbauer. Er ist Architekt mit eigenem Büro in Eisenstadt, Kurator sowie Mitglied des Fachbeirats der big Art und des p.e.n. Er hält Vorträge im In- und Ausland und pflegt eine umfassende Publikationstätigkeit.
www.bauer-arch.at