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Generalübernehmermodell Steiermark

Studentenwohnheim Leoben

Eva Guttmann
Erschienen in
Zuschnitt 70: Planungsprozesse
Juni 2018, Seite 20f.

Dieses Modell bedeutet eine sehr frühe, gleichberechtigte Zusammenarbeit von Architekturbüro, Fachplanern und ausführenden Unternehmen. Die frühe partnerschaftliche Kooperation unterstützt Kosten- und Terminsicherheit bei gleichzeitiger Sicherung der architektonischen Gestaltung und der Ausführungsqualität.

Das Generalübernehmermodell im steirischen Wohnbau ist ein spezifisch adaptiertes Modell, das von der Wohnbauförderstelle des Landes Steiermark empfohlen wird, wenn im geförderten Geschosswohnbau Holzbauweisen zur Ausführung gelangen sollen. Die Bauherrschaft bzw. auslobende Stelle ist eine gemeinnützige Bauvereinigung, die zur Umsetzung Fördermittel des Landes erhält und dafür im Gegenzug die Verfahrensbestimmungen einhalten muss. Die Verfahrensart wird durch die Projektgröße bestimmt und reicht vom geladenen einstufigen Wettbewerb bis zum zweistufigen offenen Verfahren. Die Einladung zum anschließenden anonymen Wettbewerb ergeht dabei an Architekturbüros, die für die Wettbewerbsteilnahme verpflichtend mit einem Holzbauunternehmen kooperieren müssen. Das Architekturbüro und das Holzbauunternehmen geben als Team den Wettbewerbsentwurf inklusive Kostenschätzung und Preisgarantie ab. Die Auswahl des geeigneten Projekts wird von einer Expertenjury getroffen. Die anschließende Beauftragung an das Holzbauunternehmen erfolgt mittels eines offenen Generalübernehmerauftrags.

Beim Studentenwohnheim in Leoben nahmen Architekt, Holzbau- und Bauunternehmer als Team am Wettbewerb teil. In weiterer Folge trat der Holzbauer gemeinsam mit dem Bauunternehmer als Generalübernehmer auf.

Studentenwohnheim Leoben

In Leoben, einer Stadt mit 25.000 Einwohnern und knapp 4.000 Studierenden, wurde im Oktober 2016 nach nur elf Monaten Bauzeit das neue Studentenwohnheim mineroom mit Platz für rund 200 Studierende eröffnet. Vorausgegangen war ein von der Wohn- und Siedlungsgenossenschaft Ennstal ausgelobter, geladener Wettbewerb mit der Vorgabe, das Projekt mit einem Generalübernehmer als Gesamtleistung anzubieten. Gründe dafür waren in erster Linie der hohe Zeitdruck und die mit dem Generalübernehmermodell verbundene Preisgarantie. Gewonnen wurde der Wettbewerb von aap.architekten gemeinsam mit dem Holzbauunternehmer Weissenseer und der Swietelsky Baugesellschaft, die als ARGE den Generalübernehmerauftrag erhielten. Das architektonische Konzept des Wohnheims beruht auf dem Bezug zur Region und ihren Ressourcen – vom Holz bis zum Erz – sowie auf dem Versuch, eine städtebauliche Lösung anzubieten, die zugleich markant ist und öffentlichen Raum entstehen lässt. Das u-förmige, drei- bis fünfgeschossige Gebäude befindet sich an einer Straßenkreuzung im Süden der Stadt. Zwei Trakte schließen das Eckgrundstück blockrandartig, der dritte ragt in die Tiefe des Grundstücks, wodurch ein innen liegender, lärmgeschützter Hof entsteht.

Mit Ausnahme von Keller, Eingangsbereich und den Stiegenhauskernen wurde das Haus in Holzmassiv- und Holzriegelbauweise errichtet. Die Gänge, die Verbindungsstege und die »Stuben« genannten Rückzugsbereiche in jedem Stockwerk sollen an den Bergbau erinnern, die Struktur der horizontalen Lärchenholzschalung an der Fassade an Gesteinsschichten. Wie alle Wohnheime des Nutzers, der OeAD-WohnraumverwaltungsGmbH, wurde auch mineroom als Passivhaus errichtet und unter anderem mit dem klimaaktiv Gold-Zertifikat versehen.

Die Potenziale des Generalübernehmermodells konnten in diesem Fall optimal ausgeschöpft werden. So trug nicht nur der hohe Vorfertigungsgrad der Holzbauweise, sondern ganz maßgeblich auch die Prozessgestaltung zur extrem kurzen Planungs- und Bauzeit bei. Schon in der Entwurfs- bzw. Einreichphase wurden mit den Fachplanern Fragen wie Leitungsführungen, Schächte, Platzbedarf für Gebäudetechnik, Wand- und Deckenaufbauten sowie Fassadendetails abgestimmt und das statische und brandschutztechnische Konzept entwickelt. Diese enge Kooperation setzte sich auch im Prozess der Polier- und Detailplanung fort. Durch das Generalübernehmermodell waren die Architekten Subunternehmer der ARGE Weissenseer-Swietelsky, wurden jedoch mit deren Zustimmung vom Bauherrn mit der Unterstützung bei der örtlichen Bauaufsicht und mit der Qualitätssicherung des Passivhausstandards beauftragt.

»Das Modell hat aus unserer Sicht keine Nachteile. Es ist gut für die Architektur, weil alle zusammenarbeiten und es ein gemeinsames Interesse an architektonischer Qualität und Wirtschaftlichkeit gibt. Architekten und Ausführende stehen auf einer Seite, das ist in jeder Hinsicht ein Vorteil.«
Martina Feirer, aap.architekten

»Nur durch diese Art der Auslobung und der Zusammenarbeit konnte ein Projekt dieser Größenordnung in so kurzer Zeit erfolgreich umgesetzt werden.«
Christof Müller, Geschäftsführer Weissenseer Holz-System-Bau GmbH

»Wir hatten nur ein Jahr Bauzeit und haben uns gefragt, wie wir so schnell ein Gebäude errichten können. Aus dem Grund haben wir einen vorgefertigten Holzbau gewählt.«

»Wir haben schon einige Holzbauten gemacht und wissen, wie wichtig die Planungsphase ist. Es war eine tolle Zusammenarbeit mit den Architekten. Und es  war gut, dass das Holzbauunternehmen von Beginn an begleitend mit dabei war.«
Wolfram Sacherer, Vorstandsdirektor der Wohnbaugruppe Ennstal

Text

Eva Guttmann
2004 – 09 Chefredakteurin der Zeitschrift Zuschnitt, 2010 – 13 Geschäftsführerin des HDA, Haus der Architektur in Graz. Freischaffende Autorin, Herausgeberin, Redakteurin und Verlagsrepräsentantin für Park Books Zürich; lebt und arbeitet in Graz und Wien.
www.park-books.com