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Holzbauexpertise frühzeitig einbinden

Bürohochhaus Suurstoffi in der Schweiz

Roland Pawlitschko
Erschienen in
Zuschnitt 70: Planungsprozesse
Juni 2018, Seite 16f.

Holzbauexpertise frühzeitig einbinden

Holzbaukompetenz kann frühzeitig integriert werden, indem ein Holzbauunternehmen oder ein unabhängiger Fachmann, z. B. ein Holzbauingenieur, zur Beratung herangezogen wird. Das Berufsbild des unabhängigen Holzbauingenieurs hat sich in der Schweiz als beispielhafte Lösung etabliert.

Als Spezialist stellt er das Bindeglied zwischen Planung und Ausführung im Planungsprozess dar. Die Hauptleistung des Holzbauingenieurs besteht in der Erstellung des statischen Konzepts, der Tragwerksplanung, der Bestimmung der Bauteilaufbauten und der Detailplanung sowie der anschließenden Ausschreibung der Holzbauleistungen und der Begleitung und Kontrolle der Ausführung.

Die Architekten erarbeiteten schon ihren Beitrag für den Studienauftrag gemeinsam mit dem Holzbauunternehmer, auch wenn das nicht Teil der Anforderungen war.

Bürohochhaus Suurstoffi in der Schweiz

Mitte dieses Jahres wird auf dem Suurstoffi-Areal in Risch-Rotkreuz am Zugersee das erste Schweizer Holz-Bürohochhaus fertiggestellt.
Eine Besonderheit ist das Gebäude Suurstoffi 22 nicht allein wegen seiner zehn Geschosse in Holz-Beton-Verbundbauweise. Außergewöhnlich ist vielmehr auch ein Planungs- und Bauprozess, an dem das ausführende Holzbauunternehmen Erne von Anfang an intensiv beteiligt war.

Mit dem Ziel, die Planung und den Bau eines architektonisch anspruchsvollen Bürogebäudes wirtschaftlich und innerhalb kurzer Zeit abzuwickeln, lud der Bauherr im Juli 2015 fünf Architekturbüros zu einem Studienauftrag ein – Angaben zu bevorzugten Baumaterialien gab es dabei ebenso wenig wie Vorgaben zu Bauabläufen. Burkard Meyer Architekten entschieden dieses Verfahren für sich, weil sie ein klar strukturiertes Projekt mit feingliedrig-plastischer Fassade aus Aluminium-Verbundplatten präsentierten, das dank der sichtbaren Holzkonstruktion nicht nur eine besondere Innenraumatmosphäre versprach, sondern sich auch zeit- und kosteneffizient vorfertigen ließ. Der Entwurf war bereits zu diesem Zeitpunkt zusammen mit Erne in seinen Grundzügen mit einem eigens entwickelten Holzbausystem ausgearbeitet.

Im Folgenden wurden Burkard Meyer Architekten als Generalplaner beauftragt, während mit dem Holzbauunternehmen ein Werkvertrag abgeschlossen wurde, durch den es Teil des Planungsteams wurde. Einerseits stand dadurch dessen gesamtes Know-how zur Verfügung, was eine schnelle und sichere Planungs- und Bauphase erwarten ließ. Andererseits entfiel freilich die Möglichkeit einer Ausschreibung, die im Holzbau zu günstigeren Baukosten hätte führen können. Letztlich hielten sich beide Aspekte die Waage: Die frühe Einbindung von Erne und das vorgefertigte Holzbausystem reduzierten die Gesamtkosten (unter Berücksichtigung einer um fast ein halbes Jahr reduzierten Bauzeit) am Ende so weit, dass sie ungefähr jenem Preis entsprachen, den der Bauherr für ein konventionell errichtetes Haus veranschlagt hatte. Die Holzbauweise bot zusätzlich den Mehrwert eines nachhaltigen Gebäudes aus nachwachsenden Rohstoffen, das sich nicht zuletzt wegen der Sichtholzoberflächen sehr erfolgreich vermarkten ließ.

In Bezug auf die Planung stand ein mit allen Planungsbeteiligten fortlaufend eng abgestimmtes 3D-Modell im Mittelpunkt. Als »Proof of Concept« hatten die Architekten zusammen mit Erne zunächst einen komplexen Ausschnitt des Gebäudes detailliert durchgeplant und daraufhin ein koordiniertes 3D-Architekturmodell aufgebaut, das nach Festlegen der architektonischen Rahmenbedingungen als Basis für die gesamte weitere Planung diente. Mithilfe des hieraus generierten Holzbaumodells erfolgten dann beispielsweise der Abbund und Zuschnitt der Holzbauteile, die Generierung von Stücklisten und die Festlegung von Montagereihenfolgen.

Ein weiterer Faktor, der wesentlich zum Projekterfolg beitrug, war das Prinzip der Parallelisierung – etwa durch eine vorgezogene Baueingabe, bei der viele Schritte gleichzeitig statt nacheinander verlaufen konnten, oder durch BIM-basierte Abläufe. Hinzu kamen minimierte Schnittstellen im Bauprozess. So wurde Erne nicht nur mit dem Holzbau und der statischen Konstruktion des Holzbaus beauftragt, sondern ab der Decke über Erdgeschoss auch mit dem Bau der aussteifenden Stahlbetonkerne und der Gebäudehülle ohne die äußere Fassade. Diese Konstellation vereinfachte die gleichzeitige Errichtung von Holzkonstruktion und Betonkernen – letztere werden üblicherweise als Ganzes zeitlich vor dem Holztragwerk gebaut. Die Folge waren maßlich und baukonstruktiv präzise aufeinander abgestimmte Holz- und Betonbauteile sowie eine deutlich verkürzte Bauzeit.

Dass die Kooperation aller Beteiligten insgesamt sehr gut verlief, ist heute nicht zuletzt anhand der hohen Ausführungsqualität spürbar. Zugleich macht das Gebäude Suurstoffi 22 deutlich, dass Holztragwerke nicht nur immer selbstverständlicher, sondern im Vergleich zu Betonkonstruktionen auch immer konkurrenzfähiger werden. Dies belegt auch ein weiteres Gebäude für die Hochschule Luzern, bei dem die Bauherrin Zug Estates nun ebenfalls Erne mit dem Holzbau beauftragt hat.

 

 

»Vom Versand der Unterlagen für den Studienauftrag bis zum Bezug vergingen knapp drei Jahre. Hätten wir das Bürogebäude konventionell gebaut, hätten wir wohl rund ein halbes Jahr länger gebraucht.«
Florian Diener, Zug Estates Holding AG

»Ohne die frühe Einbindung des Holzbauunternehmens hätten wir einen wesentlich höheren Planungs- und Entwicklungsaufwand gehabt, um eine maßgeschneiderte, präzise Ausschreibung zu machen.«
Florian Diener, Zug Estates Holding AG

Text

Roland Pawlitschko
ist freier Architekt, Autor und Redakteur sowie Architekturkritiker. Er lebt und arbeitet in München.