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Nicht kompliziert, aber vielschichtig

Was tun, wenn man noch kaum Erfahrung im Holzbau hat?

Karin Tschavgova
Erschienen in
Zuschnitt 70: Planungsprozesse
Juni 2018, Seite 14f.
Fabrik in Kaufbeuern von Barkow Leibinger

Der Holzbau ist nicht sehr kompliziert, aber vielschichtig – davon ist Sylvia Polleres von der Holzforschung Austria überzeugt.
Die Expertin für Holzhausbau weiß, wovon sie spricht, wird sie doch immer wieder um Rat gefragt, wenn es um Bauteilanschlüsse und Holzbaudetails geht. Nicht nur die modulare Vorfertigung im Holzbau erfordert früher als beim konventionellen Bauen vom Planer eine intensive Auseinandersetzung und vertieftes Wissen um den Bauprozess. Im derzeit in Österreich gültigen Leistungsbild muss der Architekt im Planungsprozess in Vorleistung gehen, um Holzbaudetails fachgerecht zu erarbeiten, denn der Holzbauunternehmer als Spezialist kann seine Kompetenz erst einbringen, wenn er über Ausschreibung und Vergabe zur Ausführung bestimmt wird.

Kein Problem, meint Hermann Kaufmann, wenn der Architekt Holzbauspezialist ist, denn bei fundiertem Wissen kann dieser sehr weit in die Tiefe gehen im Detaillieren und in der Werkplanung. Was aber, wenn er es nicht oder noch nicht ist? Dann kann es im konventionellen Planungsprozess zu Zeitverzögerungen kommen, weil die Werkplanung erst noch nach den Erfahrungen und dem Produktionsprozess des Holzbauunternehmens adaptiert werden muss. Um dies zu vermeiden, plädiert Kaufmann für ein neues Berufsbild: den Holzbauingenieur, der schon früh in das Planungsteam integriert werden sollte, idealerweise schon im frühen Entwurfsprozess. Es vereinfache den Planungsprozess, meint Kaufmann, und die gestalterische Kompetenz könne immer beim Architekten bleiben, wenn dieser im Holzbauingenieur einen Spezialisten an seiner Seite habe.

Dietger Wissounig, der sich als Architekt mehrerer Altenpflegeheime in Kärnten und der Steiermark zu einem Holzbauspezialisten entwickelt hat, erweist sich in der Sache als Pragmatiker. Er sieht die Vereinfachung des Planungsprozesses im Holzbau in einem interdisziplinären Planerteam, das holzaffin sein muss und in allen Leistungsphasen eingesetzt wird. Im Entwurf werden die Bauteile definiert, die Werkplanung wird in enger Abstimmung mit dem Tragwerksplaner und dem Bauphysiker entwickelt. Kollegen, die noch keine »alten Hasen« im Holzbau sind, rät Wissounig, mit dem Bauteilkatalog Dataholz der Holzforschung zu arbeiten, und schlägt ihnen eine funktionale Ausschreibung nach der Leistung eines Bauteils vor – nach Schallschutz- oder Dämmwerten, die erreicht werden müssen. Gestalterische Einschränkungen sieht auch er weder in enger Teamarbeit noch in der Verwendung standardisierter Details.

Man müsse nicht immer das Rad neu erfinden wollen, meint auch Sylvia Polleres, die am derzeit stattfindenden Relaunch des Bauteilkatalogs maßgeblich beteiligt ist. Seinen Nutzen sieht sie für Architekten wie Holzbauer gleichermaßen gegeben. Da die Wand-, Dach- und Deckendetails nach Kennwerten mit Prüfzeugnis entwickelt wurden, erspart man sich die Nachweisführung. Polleres bringt die standardisierte Leistungsbeschreibung L 36 für Holzbau ins Spiel, eine Verknüpfung mit Dataholz wäre erstrebenswert, damit alle vom selben sprechen, ein Plädoyer zur Begriffsklärung für die Vereinfachung des Planungsprozesses, zumindest solange es hierorts den Holzbauingenieur weder als Ausbildungsmodell noch als Leistungsbeschreibung gibt.

Weniger vereinfachen als gut meistern war die Devise der Architekten im Planungsprozess für den temporären Bau einer Vor- und Primarschule der Europäischen Schule in Frankfurt. Anstelle einer Containerschule entwickelten sie ein Konzept mit Holzmodulen, das der Forderung nach kurzer Bauzeit ebenso entsprach. Was hat aus der Sicht von Nicole Berganski und Andreas Krawczyk zum Gelingen und letztlich auch zur Vereinfachung des Planungsprozesses beigetragen? Sie nennen mehrere Faktoren: Ein Planungsteam wurde zusammengestellt, in dem der Tragwerksplaner ein Holzbauexperte war. Gestalterische Vorgaben kamen von den Architekten. Die funktionale Ausschreibung nach Leitdetails war schon das Ergebnis eines Abstimmungsprozesses, in dem auch genau abgewogen wurde, welche Bauteile in welchem Grad vorgefertigt werden sollten. Mit der Holzbauindustrie etwas gemeinsam entwickeln zu können, davon schwärmt Andreas Krawczyk heute. Als selbstverständlich empfinden beide, dass man sich auch selbst Wissen und Kompetenz aneignet. Wie heißt es doch? Wer nichts weiß, muss alles glauben. An junge Kollegen ergeht der Rat: Seid mutig, lasst euch auf Holzbau ein!

Text

Karin Tschavgova
studierte Architektur in Graz, seit langem freie Fachjournalistin und Architekturvermittlerin, Lehrtätigkeiten an der TU Graz