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Ruth Ewan

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 70: Planungsprozesse
Juni 2018, Seite 28

Ruth Ewan

Die hier abgebildete Arbeit »A Bottle and Some Honest Friends« wurde 2014 von der schottischen Künstlerin Ruth Ewan für einen Marillengarten in Mühldorf (Wachau) konzipiert. Die Künstlerin, die sich in ihren Projekten mit dem Erinnern und Vergessen, Geschichte und Gedächtnis beschäftigt, ging dabei auch auf die Schnapsdestillerie ein, die sich in unmittelbarer Nähe zum Garten befand.
Für ihre umfassend recherchierten Projekte arbeitet sie mit Historikern, Musikern oder Handwerkern zusammen, lässt Zeichnungen anfertigen oder wie in der Arbeit »The Ballad of Accounting« das Lied eines Folksängers in der Finanzmetropole London von Straßenmusikern spielen. Ewan versucht die Geschichtsschreibung zu unterwandern und ist interessiert daran, wie über verschiedene popkulturelle Kanäle radikale Ideen verbreitet werden. Der Ausgangspunkt für den massiven runden Holztisch »A Bottle and Some Honest Friends« lag in einem Besuch der Sammlung alter Musikinstrumente im Kunsthistorischen Museum Wien, wo der »Passauer Liedertisch« des Graveurs Kaspar von der Sitt aus dem späten 16. Jahrhundert zu sehen ist. In den – ebenfalls kreisrunden – Solhofer Kalkstein gravierte von der Sitt Text und Noten dreier Lieder in drei Sprachen sowie Familienwappen. Ewan entwarf den Tisch gemeinsam mit fünf ihrer Freunde, die sie im Vorfeld der Ausstellung zu sich in ihre Londoner Wohnung einlud. Es wurde getrunken und aus Gedichten und Liedtexten rezitiert, darunter die Carmina Burana, Robert Burns oder Anacreon, ein griechischer Dichter, der laut Legende an einem Traubenkern erstickte, während er Wein trank.

Anschließend schrieb jeder seine favorisierten Stellen auf eine kreisrunde Schablone, die danach eingescannt und an einen Tischler aus der Region Mühldorf geschickt wurde. Mit einer CNC-Maschine wurde die handgeschriebene Vorlage präzise in die Eichenholz-Platte gefräst. Ewans »A Bottle and Some Honest Friends« ist eine Reflexion über das Trinken, ein Ritual, das gesellschaftliche Klassenunterschiede aufhebt. Der Alkohol beflügelt Gedanken, kann aber auch die Sinne verwirren.

So wird die perfekte und präzise Ausführung der CNC-Maschine, die die Texte nach der handgeschriebenen Vorlage der sechs Trinker in die Platte fräste, von den im Rauschzustand entstandenen Schreibfehlern und falschen Zitaten durchkreuzt. Für diejenigen, die an dem Trinktisch Platz genommen hatten, wurden diese »Fehler« zu dionysischen Vorboten, auch wenn anstelle des Weins eine Flasche Wachauer Marillenschnaps getrunken wurde.

Ruth Ewan

geboren 1980 in Aberdeen, lebt und arbeitet in Glasgow
ruthewan.com

Einzelausstellungen/Projekte (Auswahl)

  • 2016/19 Another Time, North West Cambridge Art Programme
  • 2016 All Distinctions Levelled, Flood House, Focal Point Gallery, Southend-on-Sea/UK
  • 2015 The Difference, Gymnasium Projects, Lincoln/UK
    Back to the Fields, Camden Arts Centre, London
  • 2014/17 The Darks (with Astrid 
Johnston), Tate Britain, 
London
  • 2014/15 Being as you Mentioned, 
The Royal London Hospital, London
  • 2013/14 A Revolutionary Advent Calendar,  Muzeum Sztuki Nowoczesnej  Warszawie, Warschau
  • 2013 Memorialmania (with Astrid Johnston), Collective Gallery, Edinburgh
  • 2012 Kunsthal Charlottenborg, Kopenhagen
    Liberties of the Savoy, Frieze Projects East, London
  • 2011 Brank & Heckle, Dundee 
Contemporary Arts, Dundee
    A Lock is a Gate, Art on the Underground, London

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2018 The Future Starts Here, Victoria and Albert Museum, London
  • 2016/17 A World to Win, William 
Morris Gallery, London
  • 2016 Hidden Civil War, 
The Newbridge Project, 
Newcastle/UK
  • 2015 Station to Station, 
Barbican Centre, London
    Wish You Were Here, mac birmingham, Birmingham
  • 2014 In The Near Future, Muzeum Sztuki Nowoczesnej w Warszawie, Warschau
    Struktur & Organismus IV, Mühldorf/A
  • 2013 In the Heart of the Country, Muzeum Sztuki Nowoczesnej w Warszawie, Warschau
    pop politics. activism at 33 revolutions, Centro de Arte Dos de Mayo, Móstoles/ES

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien