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Bäume im Trockenstress

Alois Pumhösel
Erschienen in
Zuschnitt 71: Wohnbau mit System
September 2018, Seite 26f.

Ein häufiges Auftreten von Trockenperioden stellt eine große Gefahr für den Wald dar. »Wenn die Temperaturen steigen, haben die Pflanzen einen höheren Wasserbedarf. Selbst wenn die Regenmengen gleich bleiben, bekommen wir bei wärmeren Temperaturen in manchen Gegenden ein Problem«, sagt Michael Englisch vom Bundesforschungszentrum für Wald (BFW).

Der Regen füllt die Wasserspeicher im Waldboden auf. Bäume nehmen dieses über die Wurzeln auf und verdunsten das Wasser dann über Blätter oder Nadeln – man spricht von »Transpiration«, ein Vorgang, der auch zur Kühlung der Bäume dient. Gehen die Speicher im Boden zur Neige, geraten die Bäume in Stress. Sie drosseln ihren Wasserverbrauch, indem sie die Spaltöffnungen in Blättern und Nadeln schließen, durch die das Wasser in die Atmosphäre verdunstet. Dieser Vorgang hemmt allerdings auch die Aufnahme von Kohlendioxid, das ebenfalls durch die Spaltöffnungen aufgenommen wird. Die Folge: Die Photosynthese und die damit verbundene Bildung organischen Materials werden eingestellt.
Doch bei lang anhaltender Trockenheit reicht dieses Sparen von Wasser nicht aus. Blätter und Nadeln werden geschädigt oder abgeworfen, das Wachstum unter Umständen auf Jahre hinaus gebremst. Trockenheit kann auch zu Rissbildungen in Stämmen oder Wurzeln führen, die ein Einfallstor für Pilzbefall bieten.

Der schlimmste Schädling aus Sicht der Waldwirtschaft ist der Borkenkäfer – und auch seine Ausbreitung ist eng mit dem Auftreten von Trockenperioden verbunden. In heißen Sommern können die Borkenkäfer bis zu vier Generationen ausbilden. Ein gesunder Baum, der ausreichend mit Wasser versorgt ist, verschließt die Bohrlöcher der Schädlinge mit Harz und verhindert so, dass sie darin ihre Eier ablegen. Die unter Trockenheit leidenden Bäume können die große Zahl an anfliegenden Borkenkäfern nicht mehr abwehren.
Heute liegen die Gebiete mit einer negativen Wasserbilanz, wo also der Niederschlag unter der potenziellen Verdunstung liegt, im äußersten Osten Österreichs. Mit zunehmendem Klimawandel dehnt sich dieses Gebiet Richtung Westen aus. Lagen im Klagenfurter Becken, im Mühlviertel oder in den östlichen Randalpen könnten dazukommen. Für Putzgruber, Leiter des Bereichs »Wald – Naturraum – Nachhaltigkeit« bei den Österreichischen Bundesforsten, ist angesichts zunehmender Trockenphasen ein gut gepflegter Mischbestand das Ideal: »In einem Wald, der gut durchforstet ist, fällt mehr Licht auf den Boden. Dadurch verbessert sich die Humusumsetzung und folglich das Wasserspeichervermögen. Das wiederum bedeutet weniger Trockenstress für die Bäume.«

Auch die Ansiedlung trockenheitsresistenter Spezies, auch der Fichte, steht zur Debatte. Putzgruber und Englisch sind aber skeptisch, ob eine Ansiedlung in naher Zeit sinnvoll ist: Zum einen gebe es auch in Österreich mit seinen über sechzig heimischen Baumarten genug Auswahl, zum anderen sei nicht absehbar, welche anderen Nachteile man sich durch Neophyten einhandelt, so die Argumente. Um langfristig stabilere Bestände zu erreichen, bedarf es einer Veränderung der Baumartenzusammensetzung hin zu Mischwäldern oder einer Verringerung der Walddichte, um den Wasserbedarf zu senken.

»Es ist damit zu rechnen, dass in Österreich mit zunehmender Klimaerwärmung der Fichtenanteil weiter sinken wird, der Pflegeaufwand für die Fichte wird in den Risikogebieten höher und auch im Hinblick auf die Risikominimierung werden die Waldbesitzer wohl weniger auf Fichtenbestände setzen.«
Michael Englisch, BFW

Foto

© Gabriele Kaiser

Quelle:

BFW. Praxisinformation Nr. 44, 2017,
Auf welchen Standorten kommt der Wald unter Druck? Robert Jandl, Michael Englisch, Karl Gartner, Andreas Schindlbacher; Österreichische Waldinventur, www.waldinventur.at

Text

Alois Pumhösel
ist freier Journalist mit Schwerpunkt Wissenschaft, Umwelt und Technologie. Er verfasst u. a. regelmäßig Beiträge für die Tageszeitung Der Standard.

Abnehmender Waldflächenanteil der Fichte in Österreich

1971 – 8055,7%
1992 – 9653,7%
2007 – 0950,7%