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Ein Tragwerk für 22 mögliche Grundrisstypen

Bremer Punkthäuser gehen in Serie

Kerstin Kuhnekath
Erschienen in
Zuschnitt 71: Wohnbau mit System
September 2018, Seite 14f.
Der Prototyp hat Loggien, die optimierte Variante wird Balkone haben.

Das Thema serieller Wohnungsbau weckt in Deutschland gemischte Gefühle. Die einen denken an die Monotonie grauer Plattenbauten der Nachkriegszeit, die vor allem in der DDR aus der Wohnungsnot heraus im Schnellverfahren errichtet wurden. Die anderen sehen darin eine tolle Lösung, um den städtischen Wohnungsmangel schnell in den Griff zu bekommen. Die Angst, dass die Qualität der gebauten Umwelt unter der Serienanfertigung von Häusern leidet, steht dabei zurecht im Raum.

Bezahlbar, barrierefrei und flexibel

Das Projekt Bremer Punkt von LIN Architekten aus Berlin hat das Potenzial, sich als gelungener serieller Wohnungsbau zu bewähren. Der Entwurf ist aus dem Ideenwettbewerb »Ungewöhnlich Wohnen« hervorgegangen, den die Bremer Wohnungsbaugesellschaft GEWOBA 2011 auslobte. Gesucht wurde eine Strategie zur baulichen Erweiterung der Gartenstadt Süd, einer Siedlung aus den späten 1950er Jahren nach Plänen von Max Säume und Günther Hafemann. Die Neubauten sollten als Stadtbausteine zur Aufwertung der Siedlung beitragen, ohne den Bestand zu entwerten – ein Spagat, den LIN geschafft haben. Ihre Idee ist so simpel wie feinsinnig: In unmittelbarer Nähe zu den Zeilenbauten steht ein viergeschossiger Würfel auf einer Grundfläche von rund 14 mal 14 Metern. Seine Kompaktheit erlaubt ihm, sich überall einzufügen. Auch im Inneren ist die Anpassungsfähigkeit wichtig.

Der Ergänzungsbau soll heutige Wohnbedürfnisse erfüllen und bezahlbaren, barrierefreien und flexiblen Wohnraum schaffen. Anfang 2017 wurden drei Prototypen, darunter der hier abgebildete, fertiggestellt. Die Fassaden erhalten durch unterschiedlich große Fenster und Loggien ihre charakteristische Struktur, die Erschließung erfolgt über den Laubengang. In der Folge wurden die Prototypen weiterentwickelt. Für eine bessere Energiebilanz und eine Vergrößerung des Wohnraums verzichtete man auf den Laubengang zugunsten eines innen liegenden Erschließungskerns und installierte statt der Loggien Balkone. Die Grundfläche des Würfels ist größer geworden und beeinträchtigt seine Kompaktheit. Seit Juli wird die optimierte Variante des preisgekrönten Würfels seriell gefertigt.

Ein Tragwerk – 22 Wohnungsgrundrisse

Bei der Konstruktion handelt es sich um einen Hybridbau. Die Außenwände werden in Holzrahmenbauweise vorgefertigt. Zur Gebäudeaussteifung dienen ein Treppenhauskern aus Beton sowie die Decken, die als Holz-Beton-Verbund ausgeführt sind. Die Lasten werden über die Außenwände, den Kern und zwei Stahlträger abgetragen. So entstehen stützenfreie Räume, die 22 verschiedene Wohnungstypen in Größen von 30 bis 135m² erlauben. Das Tragwerk und die Grundrisskonfigurationen sind so aufeinander abgestimmt, dass das immer gleiche Tragwerk alle Wohnungstypen flexibel aufnehmen kann. Die Rohbauzeit je Würfel beträgt nur vier Wochen: zwei für den Treppenhauskern aus Beton-Halbfertigteilen und zwei weitere für den Holzbau und die Ortbetondecken.

Vom Prototyp zur Serienreife

Die serielle Vorfertigung, wie sie schon lange bei Einfamilienhäusern eingesetzt wird, spiele im mehrgeschossigen Wohnungsbau eine immer größere Rolle, berichtet der Statiker Tobias Götz von der deutschen Dépendance des Statikbüros Pirmin Jung.

Von hier aus berechnet er für viele mehrgeschossige Holzbauten in Deutschland die Statik, unter anderem für das Berliner Büro Kaden & Lager. »Die hier gewählte Konstruktion hat sich bewährt«, sagt Götz: »ein schmaler Treppenhauskern aus Beton zur Aussteifung, Stahlträger, die links und rechts vom Kern abgehen und auf denen die Hybriddecken ruhen. Die Spannweite sollte nicht größer sein als 6 Meter. Holzrahmenbau für die Außenwände, innen Trockenbau.« Bei einer Konstruktion nach Baukastenprinzip müssen Tragwerk und Konstruktion auf das serielle Bauen maßgenau abgestimmt sein. Denn bei häufiger Wiederholung wird der anfänglich mühsame Prozess kostengünstig. Die Maschinen werden dann einmal eingestellt und es wird vielfach produziert.

Beim seriellen Bauen geht es normalerweise um eine günstige Herstellung hoher Stückzahlen und einen Wiedererkennungswert. Wenn es wirklich gelingt, mit Gebäudekopien etwas Bestehendes zu ergänzen und den Ort zu bereichern, haben wir im aktuellen Wohnungsmangel durch den seriellen Wohnungsbau etwas gewonnen. Wie oft das Prinzip der Wiederholung allerdings funktioniert, ohne monoton zu sein, wird sich erst zeigen müssen.

Prototyp (li.) und neuer Standardgrundriss

Text

Kerstin Kuhnekath
geboren 1977, Tischlerlehre in Düsseldorf, Architekturstudium in Köln und Valencia, ein Jahr freie Autorin in Berlin, u. a. für Bauwelt und Baunetz, mehrere Jahre im PR- und Marketingbereich für Architekturbüros. Sie arbeitet als freie Autorin und Beraterin in Berlin.

Gartenstadt Süd, Bremen/D

Standort

Gartenstadt Süd, Bremen/D

Bauherr

GEWOBA Aktiengesellschaft Wohnen und Bauen, Bremen/D, www.gewoba.de

Planung

LIN Architekten Urbanisten, Berlin/D, www.lin-a.com

Ausführungsplanung

Kahrs Architekten, Bremen/D, www.kahrs-architekten.de

Statik

Pirmin Jung Deutschland, Sinzig/ D, www.pirminjung.ch

Holzbau

öhs Ökologischer Holzbau Sellstedt, Schiffdorf-Sellstedt/D, www.oehs.de

Anzahl Wohnungen

8 Wohnungen (gefördert)/Haus

Nettonutzfläche

427m² (Prototyp), 515m² (neuer Standardtyp)

Fertigstellung

2016 (3 Prototypen realisiert), seit Juli 2018 neue Standardtypen in Bau