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Essay

Vorfertigung, Serie, Standard

Bettina Götz und Richard Manahl
Erschienen in
Zuschnitt 71: Wohnbau mit System
September 2018, Seite 4
Wohnungen für ehemalige Obdachlose in Los Angeles: Auf einer Betonplattform stapeln sich vorgefertigte Raummodule aus Holz.

Unser Bauen ist heute mehr denn je geprägt von individueller Formfestlegung bei zugleich standardisierter Nutzung und objektbezogener Vor-Ort-Herstellung. Der Wunsch der Benutzer nach räumlich großzügigen Bauten mit geringer Vorprägung der Nutzungsart würde jedoch vielmehr einen zeitgemäßen und adäquaten Umgang mit den heutigen Möglichkeiten der Produktion benötigen, nämlich der Herstellbarkeit von hochwertigen, vorgefertigten und damit schnell montierbaren Raumstrukturen.

Unsere beliebtesten städtischen Wohnformen sind nach wie vor die gründerzeitlichen Spekulationsbauten. Für ihre Zeit waren sie hochgradig standardisierte, nutzungsoffen konzipierte Bauten mit großer Raumhöhe und großzügiger Erschließung. Meist nur eingeschränkt durch Fenster- und Kaminwand weisen die in Bezug auf ihre Verwendung nicht vorgegebenen straßenseitigen Räume einen hohen Freiheitsgrad in Längsrichtung auf und werden hofseitig begleitet von den jeweils zugehörigen Funktionsräumen. Damit wurden, auch unter Berücksichtigung aller hier nicht erwähnten Problematiken, im 19. Jahrhundert unsere Städte nachhaltig erweitert. Einer der wesentlichen Faktoren dafür, dass das funktioniert, ist die grundsätzliche Offenheit der Strukturen im vorvorigen Jahrhundert, insofern als eine Raumwidmung »Zimmer« in Wien vor 1930 z. B. sowohl Wohn- als auch Geschäftsräume umfasste, eben weil sowohl Raumhöhe als auch Raumzuschnitte dementsprechend neutral gehalten waren. Vor der gleichen Frage zur Erweiterung der Stadt stehen wir heute wieder, mit der klaren Erkenntnis, dass diese Offenheit in keiner Weise mehr zugelassen ist – sowohl in der Stadterweiterung des 20. als auch des bisherigen 21. Jahrhunderts.

Das 20. Jahrhundert fand im großmaßstäblichen Wohnungsbau auch bei der Thematik der Vorfertigung bedauerlicherweise zu keinen nachhaltigen Lösungen. So blieben die innovativsten Anstrengungen, das Bauen auf intelligente Weise mithilfe einer neuen Technologie zu standardisieren, fast ausschließlich auf kleine oder kleinteilige Objekte beschränkt: auf Einfamilienhäuser wie die Case Study Houses oder die ikonischen Objekte von Fuller oder Prouvé. Und so sehr sich am Anfang des Jahrhunderts die Fünf Punkte zu einer neuen Architektur von Le Corbusier auf eine Neudefinition des architektonischen Denkens auswirkten, für eine standardisierte, vorgefertigte Bauweise waren sie nicht gedacht. Schlussendlich triumphierte im Osten wie im Westen die anspruchslose vorgefertigte Betonplatte, wahlweise auch mit Fenster- oder Türloch und einer Raumhöhe von 2,5 Metern.

In der Stapelung von vorgefertigten Bauteilen, obwohl diskreditiert durch die massenhaften Betonplattenbauten der 1950er Jahre und danach, die keinerlei Spielräume für Gestaltung oder Raumanspruch ermöglichen, sollte trotzdem der Weg zu einer neuen und brauchbaren Einfachheit zu finden sein: durch das Übereinanderstellen vorgefertigter Holzmodule, die – räumlich und lastabtragend mit Infrastruktur ausgestattet – autonom funktionieren können, oder durch eine Stapelung von vorgefertigten Decks, freien Flächen, die dann einen Ausbau mit einfachen, nicht lastabtragenden und brandanspruchslosen Bauelementen ermöglichen und somit wiederum den Einsatz vorgefertigter Holzelemente erlauben.

Während das einfache Aufeinanderstapeln gleicher Einheiten dicht an dicht fast zwangsläufig zu Monotonie nicht unähnlich dem Plattenbau führen wird (schon der dabei verwendete Begriff der »Raumzelle« ist entlarvend), sind beim offenen Deck mit freier Füllung Varianz und Leerstelle Programm. Durch die Verwendung von Boxen als Trag- und Infrastruktur mit dazwischen eingehängten einfachen Deckenelementen für ergänzende, nutzungsneutrale Räume könnten solche Varianzen auf ähnliche Art auch bei den gestapelten Schachteln erreicht werden.
Für eine spätere Um- und Weiternutzung bleiben eben die schon erwähnten Voraussetzungen wie großzügige Raumhöhe und einfache Veränderbarkeit des Inneren wesentliche Grundbedingung.

Einer der wenigen Beiträge in der Hauptausstellung der diesjährigen Biennale, der sich mit Wohnungsbau oder Vorfertigung beschäftigt, ist ein Projekt von Michael Maltzan in Los Angeles. Das Projekt zeigt exemplarisch Möglichkeiten und zugleich auch Grenzen der gestapelten Schachteln auf: Über einer frei geformten, mehrgeschossigen Topografie aus Ortbeton, unter der in Bezug zum Straßenniveau allgemeine städtische Funktionen zu finden sind, werden die vorgefertigten hölzernen Boxen zu nachbarschaftlich zusammengefassten Cluster-Türmchen aufgestapelt und schaffen es so, zu einer merk- und identifizierbaren stadträumlichen Figur mit innenräumlichen Qualitäten auch im Bereich der seriellen, gestapelten Raumzellen zu werden.

Foto

© Iwan Baan

Text

Bettina Götz und Richard Manahl
führen zusammen das Büro ARTEC Architekten in Wien. Bettina Götz ist zudem Professorin für Entwerfen und Baukonstruktion an der Universität der Künste in Berlin. 2018 erschien bei Park Books ein Buch zur Arbeitsweise von ARTEC Architekten.
www.artec-architekten.at