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»Das System darf nicht die Freiheit und Lockerheit der Gestaltung beeinträchtigen«

Im Gespräch mit dem Holzbaupionier

Markus Bogensberger
Erschienen in
Zuschnitt 71: Wohnbau mit System
September 2018, Seite 10f.
Wohnbau in der Spöttelgasse in Wien (2003)

Vor etwas mehr als zehn Jahren erschien das mittlerweile nur mehr antiquarisch erhältliche Buch »Rieß wood3 – modulare Holzbausysteme«, in dem ein Überblick über die Arbeiten von Architekt Hubert Rieß im Bereich Holzbau vermittelt wurde.

Der Schwerpunkt dieser Publikation lag in der Beschäftigung mit den Potenzialen von modularer Vorfertigung für den Geschossbau und vor allem im Bereich des Wohnbaus. Hubert Rieß hat diesbezüglich eine Vorreiterrolle eingenommen und sowohl technische als auch soziale, städtebauliche und vor allem architektonische Aspekte in seine Projekte und Überlegungen einbezogen. Einen wesentlichen Beitrag in diesem Buch stellt ein nach wie vor sehr lesenswertes Gespräch über die Verwendung von Holz im Geschossbau von Hubert Rieß mit Otto Kapfinger und Ulrich Wieder dar. Das folgende Interview knüpft an die damaligen Aussagen des österreichischen Holzbaupioniers an.

Markus Bogensberger: Das Architekturbüro Rieß gilt als einer der Pioniere im Holz-Geschossbau. Wie ist es zu dieser Positionierung gekommen?

Herbert Rieß: In der Anfangsphase unserer Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz waren kaum taugliche Bauordnungen und wenige Erfahrungen vorhanden. So wurde im Rahmen des experimentellen Wohnbauprogramms »Modell Steiermark« 1985 der erste Wohnbauwettbewerb in Holzbauweise für ein Projekt in Zeltweg ausgeschrieben. Die damaligen Vorschriften haben allerdings ein solches Gebäude noch gar nicht zugelassen.

Die Geschossdecken und das Erdgeschoss mussten damals massiv ausgeführt werden, weil noch keine Konsulenten und Bauphysiker verfügbar waren, die die entsprechenden Expertisen für Holzkonstruktionen erstellen konnten. Man konnte zu dieser Zeit noch nicht auf die Erfahrungen einer professionellen Holzbauindustrie zurückgreifen, allerdings verlief die Entwicklung in der Folge sehr schnell.

Ein wesentlicher Fortschritt wurde durch das Modellvorhaben »Mietwohnungen in Holzsystembauweise« Anfang der 1990er Jahre in Bayern erzielt. Man hat sich damals dazu entschlossen, Unterkünfte in Holz-Systembau zu errichten. Dafür waren mehrere Gründe ausschlaggebend, etwa die Ökologisierung des Bauens, die Stärkung der bayerischen Holzindustrie, aber vor allem die erwartete Geschwindigkeit der Umsetzung, weil innerhalb kurzer Zeit eine große Anzahl an Wohnungen für Menschen aus den ehemaligen Ländern des Ostblocks errichtet werden musste. Unser Büro wurde damals eingeladen, ein Pilotprojekt in Schwabach bei Nürnberg zu realisieren. Wir haben in der Folge weitere Projekte in Bayern umsetzen können, und besonders unser Wohnbau in Waldkraiburg ist auf hohe Resonanz in der Fachwelt gestoßen.

Die damaligen Herausforderungen waren oft sehr grundsätzlicher Natur. Die ausführenden Firmen entstammten oft einem Zimmereibetrieb und mussten sich erst an ihre Rolle als Generalunternehmer gewöhnen. Die anspruchsvolle Logistik und einfach anmutende Aufgaben wie der Schutz der Rohbauten vor Regen führten immer wieder zu folgenreichen Komplikationen.

Markus Bogensberger: Die Projekte in Bayern stellten auch einen Impuls für den Holzbau in Österreich dar.

Herbert Rieß: Es fanden zahlreiche Exkursionen zu diesen Bauten statt und das Interesse von PolitikerInnen, BauträgerInnen und auch ArchitektInnen war geweckt. Vor allem in der Steiermark, einem traditionellen Holzland, wurde die Initiative ergriffen.

So konnten wir in Judenburg ein sehr gelungenes viergeschossiges Demonstrativ-Wohnprojekt mit massivem Sockel errichten. In dieser Zeit wurden auch bauphysikalische Herausforderungen wie etwa schalltechnische Fragen behandelt.

Es folgten zahlreiche weitere Projekte in ganz Österreich. In Wien wurde dann die Verwendung von Massivholz aus brandschutztechnischen Gründen gefordert. Zu dieser Zeit war erstmals Kreuzlagenholz in Österreich gut verfügbar und dieser Werkstoff hat die Möglichkeiten des Holzbaus wesentlich erweitert. Mein Büro hat sich in der Folge intensiv mit den Möglichkeiten der Raummodulbauweise auseinandergesetzt. In enger Zusammenarbeit mit dem Bautechnikzentrum der Technischen Universität Graz haben wir für deren Entwicklung Forschungsförderungsmittel lukriert.

Markus Bogensberger: Welche Erfahrungen sind rückblickend für Sie wesentlich?

Herbert Rieß: Unser Büro hat aufgrund der fehlenden Praxis aller Beteiligten viel Energie investieren und auch immer wieder Enttäuschungen verkraften müssen. Auch die eigene Haltung, Typen nicht mehrfach zu errichten und jedes einzelne Projekt individuell zu planen und zu verbessern, hat einen hohen Aufwand generiert. Vor etwa zehn Jahren haben sich zahlreiche ArchitektInnen damit beschäftigt, eigene Holzbausysteme zu entwickeln.

Die Art und Wahl des Systems ist allerdings nicht so wesentlich. Bedeutsam ist vielmehr, dass die Entwürfe den Möglichkeiten der mittlerweile sehr leistungsfähigen Firmen entsprechen und kostengünstig und fehlerfrei umgesetzt werden können.

Markus Bogensberger: Die Schaffung von Wohnraum ist vor allem in den Ballungsräumen gegenwärtig ein wichtiges Thema. Welche Rolle können hier Holzbausysteme einnehmen?

Herbert Rieß: Momentan herrscht besonders im Wohnbau ein regelrechter Boom. In einer solchen Phase ist es wichtig, die kulturellen und architektonischen Aspekte des Bauens nicht aus den Augen zu verlieren. So gehören auch intelligente und effiziente Grundrissstrukturen und hohe gestalterische Qualität zu unabdingbaren Voraussetzungen für gelungenen Holzbau. Aus meiner Sicht sollte man Projekten in Modulbauweise ihre Konstruktionsweise nicht per se ansehen. Das System darf nicht die Freiheit und Lockerheit der Gestaltung beeinträchtigen. Ich möchte daher anregen, den diesbezüglichen Diskurs verstärkt zu führen und auch wieder in Versuchsprojekte zu investieren, um die positive Entwicklung des Geschossbaus in Holz voranzutreiben.

Rieß wood – modulare Holzbausysteme.

Entwicklung und Zukunft modularer Systeme/Development and Perspectives in Prefab Systems
Otto Kapfinger, Ulrich Wieler (Hg.)
Wien-New York 2007

Text

Markus Bogensberger
Geschäftsführer des Haus der Architektur in Graz, Architekturdiplom an der TU Graz, 2000 bis 2013 Architekturbüro Supernett, 2006 bis 2012 Universitätsassistent am Institut für Gebäudelehre der TU Graz, Publikationen zu architektonischen und städtebaulichen Fragestellungen.
Zeltweg (1989)
Waldkraiburg⁄ D (1996)
Grünangersiedlung in Graz (1999)