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Thomas Bayrle

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 71: Wohnbau mit System
September 2018, Seite 28
»Sars Formation«, Karton auf Holzkonstruktion, 2008

Der 1937 in Berlin geborene Künstler Thomas Bayrle gilt als einer der Hauptvertreter der deutschen Pop-Art, die Anfang der 1960er Jahre auch ironische und sarkastische Varianten wie den »Kapitalistischen Realismus« hervorbrachte. Bayrles Arbeit ging jedoch über die Kritik am kleinbürgerlichen Konsumwahn hinaus, er rückte vielmehr das ästhetische Element des Seriellen ins Zentrum seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Ab 1964 begann er sich intensiv für die »Mechanik hinter den Massen« zu beschäftigen – in Anlehnung an die Schriften des Frankfurter Soziologen Siegfried Kracauer, der den Begriff des »Massenornaments« prägte (»... als ästhetischen Reflex der von dem herrschenden Wirtschaftssystem erstrebten Rationalität«).

Das Interesse an Technik und maschinellen Abläufen erklärt sich bei Bayrle aus seiner Biografie. Vor seinem Studium der Gebrauchs- und Druckgrafik an der Werkkunstschule Offenbach absolvierte er eine Lehre in einer Weberei. Dabei prägte ihn die Arbeit an den automatisierten Jacquardstühlen, indem er das Prinzip des Webens als System verstand: »Das Einzelne – der Faden, die Summe – der Stoff. In einem Quadratmeter Stoff kann es tausend verschiedene Gewebeformen geben.« Daraus entwickelte der Künstler über die Jahre seine sogenannten »Superformen«, Collagen aus einer Vielzahl an Miniaturbildern, die in ihrer Gesamtheit ein Motiv ergeben. Eine solche Superform entwarf Bayrle 2003 auch für den Eisernen Vorhang in der Wiener Staatsoper. Zu sehen waren die komplexe Collage einer Mega-Stadt im Hintergrund und eine Christusfigur im Vordergrund. Die Stadtstruktur entwarf Bayrle anhand einiger weniger Bausteine, auch der Christus-Körper basiert auf dem immer gleichen Polizeifoto, das sich hundert Mal wiederholt. Es zeigt eine Autobahnszene, die allerdings durch Anpassung an die einzelnen Parzellen individuell verzerrt ist. Dadurch entstanden ähnliche, aber nie idente Situationen. Das in Bayrles Werk immer wiederkehrende Motiv der Autobahnen wird auch in der hier abgebildeten Arbeit »Sars Formation« aufgegriffen. Die schwebende, modulare Skulptur breitet sich rhizomartig im Raum aus, könnte schier endlos horizontal wie auch vertikal wachsen. Sie fungiert gleichsam als Metapher einer ökonomischen Arterie, lebenserhaltend für die Produktionsmechanismen wirtschaftlicher Ideologien und den gesellschaftlichen Fortschritt.

Thomas Bayrle

geboren 1937 in Berlin lebt und arbeitet in Frankfurt am Main

Einzelausstellungen/Projekte (Auswahl)

  • 2016/19 Another Time, North West Cambridge Art Programme
  • 2016 All Distinctions Levelled, Flood House, Focal Point Gallery, Southend-on-Sea/UK
  • 2015 The Difference, Gymnasium Projects, Lincoln/UK
    Back to the Fields, Camden Arts Centre, London
  • 2014/17 The Darks (with Astrid 
Johnston), Tate Britain, 
London
  • 2014/15 Being as you Mentioned, 
The Royal London Hospital, London
  • 2013/14 A Revolutionary Advent Calendar,  Muzeum Sztuki Nowoczesnej  Warszawie, Warschau
  • 2013 Memorialmania (with Astrid Johnston), Collective Gallery, Edinburgh
  • 2012 Kunsthal Charlottenborg, Kopenhagen
    Liberties of the Savoy, Frieze Projects East, London
  • 2011 Brank & Heckle, Dundee 
Contemporary Arts, Dundee
    A Lock is a Gate, Art on the Underground, London

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2018 The Future Starts Here, Victoria and Albert Museum, London
  • 2016/17 A World to Win, William 
Morris Gallery, London
  • 2016 Hidden Civil War, 
The Newbridge Project, 
Newcastle/UK
  • 2015 Station to Station, 
Barbican Centre, London
    Wish You Were Here, mac birmingham, Birmingham
  • 2014 In The Near Future, Muzeum Sztuki Nowoczesnej w Warszawie, Warschau
    Struktur & Organismus IV, Mühldorf/A
  • 2013 In the Heart of the Country, Muzeum Sztuki Nowoczesnej w Warszawie, Warschau
    pop politics. activism at 33 revolutions, Centro de Arte Dos de Mayo, Móstoles/ES

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien