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Die alltägliche Ornamentik

an Beispielen anonymer Architektur Vorarlbergs

Johann Peer
Erschienen in
Zuschnitt 72: Das Ornament
Dezember 2018, Seite 18f.
Schwarzenberg, Haus Loch 266
Haus in Kennelbach

In der anonymen Architektur Vorarlbergs war das Bedürfnis, ein Gebäude zu schmücken, zu allen Zeiten sehr ausgeprägt und ist immer noch mit einer Vielzahl an Beispielen belegbar. Die meisten davon sind Bauernhäuser aus der Barockzeit, nachdem aber Holz ein außerordentlich »dankbares« Material für ornamentale Darstellung ist, hat sich diese Tradition auch bei städtischen Bürgerhäusern bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein gehalten.

Während der alltäglichen Ornamentik ein einfaches geometrisches oder rankenförmiges Muster in Bänderform zugrunde liegt, transportiert die aufwendigere Ornamentik ein zumeist religionsbasiertes »Programm«, worin neben religiösen Inhalten oft auch Baujahr, Namen der Besitzer, Hauszeichen und solche der beteiligten Zimmerleute kunstvoll verwoben sind. Als Darstellungsflächen eignen sich die Giebeldreiecke unter den Dachüberständen und die ausladenden Hohlkehlen der durchgehenden Vordächer (»Klebedächer«) über den Fenstern von Rheintalhäusern besonders gut, weil diese weitgehenden Regenschutz bieten.

Ornamentik befriedigt nicht nur das Schmuckbedürfnis, sondern bringt auch den Status der Bewohner und Besitzer eines Gebäudes zum Ausdruck. Fokussiert wird dabei auf die Haustüre als die Visitenkarte des Hausherrn. Die Nähe zum Betrachter erfordert nicht nur die Verwendung edelster Hölzer, sondern auch eine besonders sorgfältige Verarbeitung. Anonym ist diese Architektur nur mehr insofern, als – besonders bei städtischen Bürgerhäusern – in der Regel nur die Eigentümer, nicht aber Planer und Handwerker bekannt sind.

Langenegg, Kirchdorf 9
Schwarzenberg, Haus Loch 66
Schwarzenberg, Gasthof Adler

Wohnhäuser

Die Fassaden unverschindelter Blockbauten werden von geschnitzten Bändern gegliedert, die nicht nur die Aufgabe übernehmen, die Geschosseinteilung sichtbar zu machen, sondern die auch – vor allem in ihrer Form als Würfelfries – die Funktion einer Abtropfnase haben, die das Regenwasser vor die darunter befindliche Fensterebene leitet. Zwei- und dreidimensionale Elemente werden manchmal miteinander kombiniert.

Besonders im Vorderen Bregenzerwald und im Rheintal entstanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts Blockbauten, die einen sogenannten Schindelpanzer erhielten. Die Verkleidung der Fassaden mit Faserzementschindeln (landläufig »Eternitschindeln«) erlaubt keine eigenwillige Ornamentik mehr. Stattdessen wird versucht, mit einfachen Mitteln die geschnitzte Bänderung durch Reihen farbiger Schindeln zu ersetzen, welche die Fassadengliederung verdeutlichen.

Die zweidimensionale Ornamentik arbeitet gerne mit Farbe: Den Grundton bildet manchmal der sogenannte Ochsenblutanstrich, eine sehr dauerhafte Farbe im Außenbereich, deren Rotton durch das enthaltene Eisenoxid zustande kommt, worauf Schrift- und Hauszeichen gemalt werden. Nicht nur Information wird ornamental verpackt, auch »Illusionsmalerei« ist üblich: Die Untersicht des Vordachs über dem Hauseingang wird zum gewölbten Sternenhimmel.

Der Herausforderung der dritten Dimension begegnete man im Barock mit der Einbeziehung der Pfetten und der Dachuntersichten: Pfettenbalken erhielten gerne das Profil von Vogelköpfen oder wurden optisch insofern aufgelöst, als sie in das Färbelungsprogramm der Dachuntersicht einbezogen wurden.

Dornbirn, Mozartstraße 7
Scheune in Gaschurn
Gaschurn, Lukas Tschofen Stube

Bürgerhäuser

Die (nicht wirklich) neue Mode mit geschwungenen und kunstvoll verzierten Pfettenköpfen und auffälliger Geschossbänderung wird nun nicht mehr an Bauernhöfen, sondern an städtischen, teilweise aber immer noch in Blockbauweise errichteten Bürgerhäusern ausprobiert.

Wirtschaftsgebäude

Nicht nur die Wohntrakte werden mit Ornamenten geschmückt, sondern auch die zugehörigen Wirtschaftsgebäude. Hier allerdings steht die Funktion im Vordergrund, die Farbgebung spielt keine Rolle.

Innenräume

Ornamentik beschränkt sich nicht nur auf das Äußere von Gebäuden, sondern bezieht die Innenräume in ein Gesamtkonzept mit ein, das bis in die »kleinen Dinge«, die Gegenstände des Alltagsgebrauchs, hinein wirkt. Je nach Status des Eigentümers wird die Stube zum Repräsentationsraum mit (fast) halböffentlichem Charakter. Die Täfelung, der Kachelofen, der Buffetschrank mit eingebauter Pendeluhr, aber auch Schlösser und Türbeschläge aus Messing sind wichtige Hinweise auf die potenzielle Kaufkraft und den handwerklichen Anspruch der Bewohner. Beispiele für die Idee des Gesamtkunstwerks sind die sogenannten Montafoner Stuben, in denen die Ornamentik bis in die Alltagsmöblierung hinein durchgezogen wird. Montafoner Tische nach altem Vorbild werden heute noch hergestellt und zu Höchstpreisen verkauft, was dazu beiträgt, dass Handwerk und Handarbeit noch auf hohem Niveau existieren können.

Fotos

© Johann Peer

Text

Johann Peer

studierte Architektur an der Universität Innsbruck, war Mitarbeiter beim Bundesdenkmalamt in Wien, Innsbruck und Bregenz und von 1991 bis 2010 Leiter der Abteilung Stadtplanung im Amt der Stadt Feldkirch. Heute ist er freischaffender Autor von Büchern zum Thema Kulturlandschaft und Denkmalschutz in Vorarlberg, www.kulturlandschaftsdokumentationen.at