Inhalt

Ronald Bladen

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 73: Unter Spannung
März 2019, Seite 28
»The X« aus bemaltem Sperrholz, zu sehen 1967/68 in der Ausstellung Scale as Content, Corcoran Gallery of Art

Ronald Bladen wurde 1918 im kanadischen Vancouver als Sohn britischer Einwanderer geboren, sein Vater war Gartenbauexperte, seine Mutter, die an der Pariser Sorbonne studiert hatte, aktives Mitglied der Suffragetten-Bewegung. Schon mit zehn Jahren zeichnete Bladen intensiv, fertigte Kopien nach Arbeiten von Picasso und Matisse an. Er studierte von 1937 bis 1939 an der Vancouver School of Art, später an der California School of Fine Arts Malerei und Skulptur. 1941 wurde er bei der Musterung zum Militärdienst für untauglich befunden und zur Arbeit als Schiffsschweißer verpflichtet. Die handwerklichen und ästhetischen Erfahrungen, die Bladen in dieser Zeit sammelte, ermöglichten ihm in den folgenden Jahren nicht nur, seinen Lebensunterhalt als Werkzeugmacher zu verdienen, sondern waren vor allem für den Aufbau seiner späteren Skulpturen von zentraler Bedeutung. 1956 zog Bladen auf Anraten seines Malerfreundes Al Held von San Francisco nach New York, wo er seine Malerei im Stile des Abstrakten Expressionismus fortführt.

Erst mit Beginn der 1960er Jahre wandte sich Bladen immer intensiver der Skulptur zu, beginnend mit gefalteten Papiercollagen und farbigen Sperrholzreliefs. Zum künstlerischen Durchbruch verhalf ihm die 1966 im New Yorker Jewish Museum eröffnete Gruppenausstellung „Primary Structures“. Zusammen mit Künstlern wie Carl Andre, Dan Flavin, Donald Judd, Sol LeWitt oder Robert Smithson erfuhr dort die Minimal Art als neue Kunstrichtung eine starke öffentliche Resonanz. Bladen zählte innerhalb dieser Gruppe zu den ältesten Künstlern und unterschied sich, obwohl er oft als eine Art Vaterfigur des Minimalismus verstanden wurde, doch sehr deutlich von dem seriellen, sachlichen bzw. nüchternen Ansatz der Minimalisten wie Judd oder LeWitt. Bladens Kunstverständnis war wesentlich traditioneller, die eigenhändige handwerkliche Arbeit essenziell für die Gesamtkonzeption seiner Skulpturen.

Die hier abgebildete Arbeit „The X“ in der Halle der Corcoran Gallery of Art in Washington wurde 1967 zusammen mit Arbeiten von Barnett Newman und Tony Smith in der Ausstellung „Scale as Content“ gezeigt. Das Foto vom Aufbau der Skulptur, auf dem Bladen und seine Mitarbeiter zu sehen sind, zeigt den immensen Aufwand, den der Künstler betrieb, um seine tektonischen Körperformen zu realisieren. Die skelettartigen Holzgerüste benötigten in der Montage viel Zeit und wurden am Ende, wie die meisten Skulpturen von Bladen, mit Sperrholzplatten oder Aluminium ummantelt. Der Entstehungsprozess wurde damit weitgehend unsichtbar gemacht, war aber nach Ansicht von Bladen für den Betrachter weiterhin spürbar.
Bladen sprach in seinen Interviews immer wieder von der „Präsenz“ seiner Arbeiten, die unmittelbare körperliche Erfahrung war für den Künstler eine der zentralen Prämissen, um seine Kunst zu verstehen. „Die Skulptur soll für mich ein natürliches Phänomen sein, dem ich mich nähern kann, um zu fühlen, um bewegt, begeistert zu werden.“

 

 

Ronald Bladen

geboren 1918 in Vancouver, gestorben 1988 in New York

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2018 Ronald Bladen: Heroic Shapes, Loretta Howard
    Gallery, New York
  • 2012 Ronald Bladen in Context, Loretta Howard Gallery,
    New York
    Ronald Bladen: The New York Paintings 1955 – 1962, Loretta Howard Gallery, New York
  • 2011 Ronald Bladen: Large Scale Sculpture, Loretta Howard Gallery, New York
  • 2008 Ronald Bladen: Sculpture of the 1960s & 1970s, Jacobson Howard Gallery, New York
  • 2007 Ronald Bladen – Skulptur. Werke der Sammlung Marzona, Neue Nationalgalerie, Staatliche Museen
    zu Berlin
  • 2004 Ronald Bladen: Paintings from the Fifties, Danese Gallery, New York
    Ronald Bladen: From Expressionism to Minimalism, Selby Gallery, Sarasota/US
  • 2000 Kontrapunkt, Werke von Nam June Paik und Ronald Bladen, rwe-Turm, Essenes, Gagosian, 980 Madison Avenue, New York

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2017 Expanding Space – Ronald Bladen, Al Held, Yvonne Rainer, George Sugarman, Loretta Howard Gallery,
    New York
  • 2015 Where Sculpture & Dance Meet: Minimalism 1961 – 1979, Loretta Howard Gallery,
    New York
  • 2014 An Opening of the Field: Jess, Robert Duncan, and Their Circle, Grey Art Gallery, New York
  • 2013 Works from the 1970s, Pacific Design Center, Los Angeles
  • 2010 Artists at Max’s Kansas City 1965 – 1974: Hetero-Holics and Some Women Too, Loretta Howard Gallery, New York
  • 2008/09 Turning Point: The Demise of Modernism and Rebirth of Meaning in American Art, Brigham Young University Museum of Art, Provo/US

Fotos

© Bildrecht Wien, 2019⁄ Ronald Bladen⁄ Corcoran Gallery of Art Archives

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien