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Ein Plädoyer für Nachhaltigkeit

Harald Gründl
Erschienen in
Zuschnitt 74: Im Innenraum
Juni 2019, Seite 17

Ein Raum, dessen Boden, Wände und Decke aus Holz sind. Ist es ein Raum für arme oder reiche Menschen? Ist es eine Stube in der Abgeschiedenheit am Berghang oder die holzvertäfelte Führungsetage in einem Wolkenkratzer einer Großstadt? Ist es ein profaner oder säkularer Raum? Verbindet der Raum die Menschen mit seiner Wärme oder werden hier Status, Überlegenheit und Reichtum zur Schau gestellt?

Holz ist ein archaisches Material – Holz ist ein hochtechnologisches Material. Es verbindet uns mit der Vergangenheit und der Zukunft. Der Massenkonsum des 20. und 21. Jahrhunderts, der auf der Ausbeutung von nicht erneuerbaren Ressourcen basiert, muss angesichts der Bedrohung unserer Lebensgrundlagen in eine Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft transformiert werden. Holz wird dabei eine besondere Rolle zukommen.

Die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern stellt die Grundbedingung jeder zukunftsfähigen Verwendung von Holz dar. Informiertheit über die Herkunft ist wichtig für alle Anwendungsfälle. Bei industriellen Holzwerkstoffen belegen bewusst agierende Firmen mit Ökobilanzen, Zertifizierungen wie »Cradle to Cradle« oder dem österreichischen Umweltzeichen ihre Anstrengungen, Schadstoffe zu vermeiden. Während sich für das industrielle Massenprodukt eine Zertifizierung eignet, ist im kleinen, lokalen Maßstab das Vertrauen in die bewusste Beschaffung durch die Tischlerei gefragt. Nachhaltigkeit setzt einen fairen Preis für den Werkstoff voraus, dessen jahrzehntelange Pflege und umsichtige Aufpflanzung Voraussetzung für die weitere Wertschöpfung ist. Grundvoraussetzung für eine nachhaltige, langlebige Gestaltung von Innenausbauten sind die folgenden Prinzipien.

Schönes Altern

Das Altern in »Würde« ist nicht nur für Menschen eine verloren gehende Kategorie. Nach einiger Zeit verändert sich das ursprüngliche Erscheinungsbild der Oberflächen durch Benutzung und Sonneneinstrahlung. Diese Spuren von Zeit und Gebrauch können dem Holz Vertrautheit und Geschichte einschreiben, die uns emotional an den Raum binden. Stellen, die unsere Hand berührt hat, Abnutzungsspuren von Möbeln am Boden offenbaren die Nutzungsrituale im Raum. Damit das Holz schön altern kann, braucht es eine materialgerechte Verarbeitung. Schön altern heißt nicht, den Auslieferungszustand zu konservieren. Holz lebt, es entstehen Sprünge oder Verwerfungen. Kratzer schreiben sich in die Oberfläche ebenso ein wie zu gut gemeinte Putzaktionen.

Reparierbarkeit

Das Ersatzteillager für Holzprodukte ist der Wald. Dass Stuben über Hunderte Jahre ihre Funktion und Anmut behielten, ist diesem Grundprinzip geschuldet. Im Geigenbau ist das gut getrocknete Holz Ausgangspunkt und Reparaturmaterial.

Das zerstörungsfreie Abnehmen von Oberflächenveredelung wie Lack ist ebenfalls eine Grundlage der Langlebigkeit. Das Abschleifen, wie wir es bei lackierten Massivholzböden kennen, ist eine eher brachiale Art des »Reparierens«. Alte Oberflächenveredelung braucht das Abtragen von Material nicht. Staunen macht, wenn Rotweinflecken auf rohem Holz nach kurzer Zeit durch Sonneneinstrahlung verschwunden sind. Holz repariert sich selbst.

Werthaltigkeit

Es ist schwierig, Ratschläge zum Thema Zeitlosigkeit zu geben. Was jedenfalls eine lange Nutzung ermöglicht, ist eine nutzungsoffene Gestaltung, sowohl in der Architektur als auch im Innenausbau. Ein Büro wird Wohnung oder Hotelzimmer oder umgekehrt. Der hochwertige Ausbau kann bleiben. Handwerk, insbesondere Kunsthandwerk, schützt die Werke vor achtloser Entsorgung. Eine maßgeschneiderte Gestaltung passt dem Raum auch nach Jahrzehnten gut. Die Wertigkeit von massivem Holz schützt so manches Objekt vor dem Abbau oder legt zumindest den Umbau nahe. Gestaltung, die materialgerecht ausgeführt ist, wie die Konstruktion einer Fläche aus Rahmen und Füllung, wird nicht altern. Sie ist auch in hundert Jahren richtig, während die furnierte Pressspanplatte schon längst thermisch verwertet wurde. Was etwas kostet, ist etwas wert. Das setzt allerdings Planung und Gestaltung voraus, die generationenübergreifend gedacht sein will.

Text

Harald Gründl

ist Designer, Designtheoretiker und Kurator. Er ist Partner bei EOOS Design und leitet das idrv – Institute of Design Research Vienna. Er erforscht nachhaltige Designstrategien im Bereich Kreislaufwirtschaft und Bioökonomie und setzt sie auch in der Designpraxis mit internationalen Firmen im Bereich Produkt-, Möbel- und Social Design um. www.idrv.org