Inhalt

»Eine Zeit des Umbruchs«

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 74: Im Innenraum
Juni 2019, Seite 26f.

Die Zwischenbilanz der Waldinventur zeigt, dass sich die Zusammensetzung der Baumarten weiter verändert. Vor allem der Anteil der Fichte geht zurück. Was heißt das für die zukünftige Verfügbarkeit und Verwendung von Holz?

Schadauer Die Frage ist, in welchen Zeiträumen wir denken. In den nächsten paar Jahren wird es keine großen Effekte geben. Aber in zwanzig bis dreißig Jahren wird dieser Umstand seine Auswirkungen haben. Wir haben es mit einer stetigen Veränderung im Vorrat und einer Verschiebung von Nadel- zu Laubholz zu tun. Deshalb muss man längerfristig über andere, auch fremdländische Baumarten nachdenken.
Teischinger Österreich produziert jährlich etwa 2,3 Millionen Kubikmeter Holz für Produkte für den konstruktiven Holzbau. Nur um dieses Marktsegment abzudecken, werden 5 Millionen Kubikmeter Schnittholz benötigt. Dafür braucht die Sägeindustrie jährlich 10 Millionen Festmeter Rundholz.
Schwarzbauer Das geht sich derweil mengenmäßig noch aus, allerdings nur für dieses Marktsegment. Im Durchschnitt der letzten zehn Jahre betrug das jährliche Sägerundholzaufkommen aus Österreich circa 10 Millionen Festmeter.
Teischinger Ja, aber nicht mehr in allen Qualitäten, daher wird auch aus den Nachbarländern importiert. Der Eigenbedarf der Sägeindustrie ist gestiegen. Aus reinen Sägewerken sind erst Leimbinderwerke entstanden, später sind eigene Brettsperrholzproduktionen hinzugekommen. Das heißt, das Holz geht vom Sägewerk direkt in die eigene Weiterverarbeitung. Das hat es vor zwanzig Jahren in diesem Ausmaß noch nicht gegeben.
Schwarzbauer Der Holzeinschlag der letzten zehn Jahre ist beim Nadelholz zu 80 Prozent in die stoffliche Nutzung gegangen und zu 20 Prozent in die energetische Verwertung, während beim Laubholz nur 30 Prozent stofflich genutzt wurden und 70 Prozent in die energetische Verwertung gingen. Das heißt, je mehr Laubholz wir haben, desto schwieriger wird es für die Holzwirtschaft.
Teischinger In der Landwirtschaft haben wir jährlich etwa 5 Prozent Produktionszuwachs durch Züchtung. In der Forstwirtschaft ist das vielleicht genauso möglich. Mit Selektionszüchtung sind wir aber noch nicht in der Gentechnik.
Schadauer Das sind 5 Prozent vom Zuwachs. Das ist sehr träge. In der Landwirtschaft arbeitet man von Jahr zu Jahr, wir aber müssen in Hundert-Jahr-Zeiträumen denken. Das Holz steht im Wald und kann genutzt werden. Aber langfristig sind wir in der Forstwirtschaft dringendst aufgefordert, uns etwas im Hinblick auf die Waldverjüngung zu überlegen. Großräumig auf die Fichte zu setzen, ist falsch. Dennoch ist die Flächenproduktivität bei der Fichte viel größer als bei Laubholz.
Teischinger Nicht nur die Flächenproduktivität, sondern auch der Anteil an sägefähigem Rundholz. Aus einer Fichte bekommt man viel mehr Sägebloche als aus einer Buche.

Mit dem Rückgang der Fichte verliert der Wald also an Produktivität. Was heißt das für die österreichische Forst- und Holzwirtschaft?

Teischinger Den Industriebetrieben für die Weiterverarbeitung von Holz ist das vielleicht egal. Das bereits getrocknete Schnittholz aus dem Ausland zu holen, ist beispielsweise per Bahn kein Problem. Zudem werden die Industriebetriebe immer internationaler.
Schwarzbauer Derzeit ist Österreich weltweit nach China einer der größten, in manchen Jahren der größte Importeur von stofflich genutztem Rohholz. Es könnte sich im Rohholzimport etwas verändern.
Teischinger Holz besteht ja zu 30 Prozent aus Wasser. Wird Rohholz importiert, transportiert man auch das Wasser. Wenn ich aber im Ausland schon trockenes Schnittholz herstelle, bekomme ich eine enorme Verdichtung im Material. Dann aber hat die weiterverarbeitende Industrie keine hundertprozentige Verwertung des Rundholzes mehr und keine Sägenebenprodukte. Die Zellstoffindustrie wäre davon sehr betroffen.
Schwarzbauer Da zeigt sich die zentrale Rolle der Säge im Zusammenhang mit Rohholzflüssen in Österreich. Sie ist einerseits der größte Abnehmer der Forstwirtschaft, andererseits ein wichtiger Produzent von Schnittholz und Nebenprodukten, die in die stoffliche und energetische Nutzung gehen.

Noch einmal zurück zur Fichte: Sie haben vorhin gesagt, dass man auch über andere Baumarten nachdenken muss. Aber kann man die Fichten züchten, sodass man eine trockenresistentere Baumart bekommt?

Teischinger Da sind wir vielleicht bereits zu spät dran. Das Problem ist, dass sich die Holzindustrie derzeit keine Gedanken machen muss, weil sie die nächsten zwanzig Jahre noch genügend Holz hat. Doch der Forst muss bereits heute die Entscheidung treffen, welche Baumarten er in Zukunft im Wald haben will. Ich als Holztechnologe kann nur raten: Versucht die Jagd in den Griff zu kriegen, dann kann man auf Tannen setzen. Tanne und Douglasie sind für mich die zwei Alternativen aus holztechnologischer Sicht.
Schwarzbauer Die Fichte wird es nach wie vor geben, aber halt nicht flächendeckend. Ein weiterer Rückgang ist auf jeden Fall zu erwarten, man sollte aber nicht vergessen, dass in den letzten Jahrzehnten trotz Flächenrückgang eine Zunahme des Vorrats erfolgt ist. Es wird schon noch einige Jahrzehnte dauern, bis die Fichte »ausgeht«.

Was wäre eigentlich, wenn wir den Wald ganz der Natur überlassen?

Teischinger Dann wachsen wir mit Buche zu und mit Hainbuche.
Schadauer Die Tanne gibt es dann kaum mehr. Die holt sich das Wild heraus. Die Buchen werden wachsen. Ein bisschen Fichte wird auch immer dabei sein.

Der Trend geht auch jetzt schon hin zu Laub- und Mischwäldern. Ist es nicht aufwendiger, diese Mischwälder zu bewirtschaften und das Holz zu ernten als Monokulturen?

Schwarzbauer Das Herausholen ist weniger kompliziert als das Sortieren. Das Holz so zu sortieren, dass man eine sinnvolle Menge pro Liefereinheit, das heißt auch pro nachgefragten Qualitäten bekommt, ist eher die Schwierigkeit. Auf dem Markt zeigt sich der schon länger bestehende Trend zu mehr Laubholz nicht – im Gegenteil: Während in den letzten Jahren der Einschlag von Nadelsägerundholz deutlich gestiegen ist, ist jener von Laubsägerundholz deutlich zurückgegangen. Die Verarbeitung ist eindeutig auf Nadelholz ausgerichtet.
Teischinger Wir reden ja heute schon über Industrie 4.0, autonomes Fahren und so weiter. Also wird es auch für die Holzsortierung ganz neue Logistiksysteme geben. Für mich als Holztechnologe ist es eine herrliche Zeit. Es ist eine Zeit der Umbrüche.

Findet wirklich gerade ein Umbruch statt?

Schadauer Ja, auf jeden Fall. Die Käfer-Kalamitäten der letzten beiden Jahre waren eine Besonderheit, weil sie ohne vorhergehende Sturmschäden aufgetreten sind. Das hat es davor nie so gegeben. Bis dahin gab es die durch Käfer hervorgerufenen Schäden immer nur im Jahr nach einem Sturmschaden, wenn man das Holz nicht rechtzeitig aufarbeiten konnte. Das war ein klassischer Zusammenhang, und der ist jetzt auf einmal völlig durchbrochen worden. Es gab kein Sturmereignis im Wald- und Mühlviertel und dennoch aufgrund des Klimawandels und der damit verbundenen Trockenheit enorme Schäden durch Borkenkäfer.
Teischinger Ich glaube auch, einen generellen Wandel in der Verfügbarkeit und dem Umgang mit Ressourcen erkennen zu können. Und dieser Wandel sollte sich auch in der Architektur und Holznutzung abzeichnen.

    Klemens Schadauer ist Leiter des Instituts für Waldinventur am Bundesforschungszentrum für Wald

    Peter Schwarzbauer ist Analyst holzbasierter Märkte und Professor an der BOKU Wien sowie Key-Researcher des Teams »Marktanalyse und Innovationsforschung« im Kompetenzzentrum Holz (Wood K plus)

    Alfred Teischinger ist Holztechnologe und Professor an der BOKU Wien

    Text

    Anne Isopp
    leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

    redaktion@zuschnitt.at