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Essay

Die Wahl des Holzes ist eine Frage des Farbklimas

Irmgard Frank
Erschienen in
Zuschnitt 74: Im Innenraum
Juni 2019, Seite 4

Die wilden Furnierbilder aus meiner Kindheit sind mir noch gut in Erinnerung. Die Wohnzimmereinrichtung mit Wurzelwalnussfurnier, doppelt gespiegelt verarbeitet, mit Schellackpolitur versehen, war äußerst fantasieanregend. Diese Furnierbilder hätten sich gut für einen Rorschachtest geeignet.

Walnuss, Eiche, Birkensperrholz, Kirsche oder Buchenfurnier, hell oder dunkel, schlicht oder opulent, naturbelassen oder oberflächenbehandelt oder überhaupt ein Fake – sprich eine Holzimitation. Holz gilt bei Laien als heimelig, und auch Fachleute wissen, dass man mit Holz Raumatmosphäre schaffen kann. Das führte aber auch dazu, dass Holzimitationen inzwischen nicht nur bei Dekorspanplatten und Laminatböden, sondern auch als PVC-Bodenbelag und selbst als Keramik erhältlich sind. Diese Spielarten kommen nicht mehr nur optisch, sondern auch strukturell dem Original verblüffend nahe. Sie haben vielleicht dort eine Berechtigung, wo das Bedürfnis nach Holz als Sinnbild für eine vertraute, einladende Atmosphäre aus diversen Gründen nicht immer gestillt werden kann, etwa im Krankenhauswesen bei Patientenzimmern. Auch der Wunsch nach einer wertvoll wirkenden Oberfläche aus Holz ist keineswegs ein Phänomen jüngerer Zeit. So wurden beispielsweise Holztüren aus billigerem Weichholz, etwa Fichtenholz, mit einer Holzlasur in Maseriertechnik zu edler wirkenden Eichentüren hochgerüstet. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Holz fast ausschließlich als Vollholz im Einsatz. Das bedeutete etwa bei Türen, mit Rahmen und Füllungen zu arbeiten, um die unterschiedliche Bewegung des Holzes in Längs- und Querfaser in den Griff zu bekommen.

Auf diese Art und Weise verleugnete eine deckend lackierte Türe oder eine Wandverkleidung nie den Charakter des Materials. Die Anforderung an Materialien, die sich möglichst nicht mehr verändern – weder in der Dimension noch optisch – und natürlich pflegeleicht sind, hat Verbundwerkstoffe hervorgebracht.

Holz im Innenausbau trifft man vermehrt in zeitgenössischen Lösungen des konstruktiven Holzbaus an. Raumcharaktere ganz aus Holz, als Futteral mit oft erstaunlich guten akustischen Qualitäten ohne jegliche zusätzliche akustische Maßnahmen wie Lochplatten und mit – je nach Oberflächenbehandlung und Holzwahl – mehr oder weniger erkennbarem Eigengeruch sind positiv konnotiert. Holz mit sichtbarer Holzcharakteristik im urbanen Geschosswohnbau ist meist nur für Fußböden im Einsatz. Ausbau- und Einbauelemente, die aus dem Grundmaterial Holz bzw. Holzwerkstoff bestehen, findet man jedoch in vielen anderen der Öffentlichkeit zugänglichen Bauten, seien es nun Bibliotheken, Schulen, Theater- und Konzerthäuser, Hotels, Restaurants oder – heute wieder vermehrt – Bürogebäude.

Die Auswahl an Holzarten, furnierten Oberflächen und Oberflächenbehandlungen ist unendlich groß. Die Frage, worauf man das Augenmerk lenkt, kann mit der Wahl einer Holzart und Verarbeitung stark geprägt werden. Ein lebendiges Furnierbild kann das Augenmerk auf sich ziehen und damit die Bedeutung eines Raumes signalisieren, wie es Mies van der Rohe im Haus Tugendhat mit der kreisförmigen raumbildenden Wand für den Essbereich gemacht hat. Die vertikal furnierte Wand aus dunklem Makassarholz gibt in dem lichtdurchfluteten Raumgefüge dieser Raumzone Halt. Es muss jedoch keineswegs eine markante Maserung sein. Auch eine schlichte Variante, etwa eine helle Eiche horizontal oder vertikal eingesetzt, trägt zur Raumcharakteristik bei. Die Wahl des Holzes ist grundsätzlich auch eine Frage des Farbklimas. Hier gilt es, die feinen Nuancen von unterschiedlich hellen und dunklen Hölzern zueinander und auch mit den anderen Materialien im Raum abzustimmen. Beispielsweise haben helle Hölzer wie Birke, Ahorn, Weißesche und Weißtanne zwar eine ähnliche Gradation (Helligkeit), jedoch korrespondieren sie jeweils mit einem spezifischen Farbklima, weil sie sich in der Farbtemperatur (Farbton) unterscheiden. Der goldgelbe, warme Farbton eines Ahorns bewirkt oder unterstützt je nach Gewichtung daher auch eine andere Raumatmosphäre als eine im Farbton kühlere Weißesche.

Wir nehmen Raum nicht nur visuell, sondern auch akustisch, olfaktorisch und haptisch wahr. Holz hat die Eigenschaft, alle diese Sinne bedienen zu können. Es wäre daher begrüßenswert, würde man allen diesen Eigenschaften, vor allem den haptischen von Holz, wieder mehr Augenmerk schenken. In der Bibliothek des Museums für Angewandte Kunst in Wien gibt es Lesetische, deren Oberfläche sich anfühlt wie samtige Haut. Sie wurden vom Künstlerpaar Aichwalder und Strobl mit großem Aufwand bearbeitet. Ähnlich wie alte Bauerntische sind diese Tischplatten in mehreren Arbeitsgängen mit Seifenlauge gewaschen und geschliffen und wieder gewaschen und geschliffen worden und bekamen so einen sehr schönen, seidigen Glanz und mit der Zeit eine Patina. Man greift dieses Holz sehr gerne an, streicht gerne darüber.

Holz ist etwas Lebendiges und es gibt kein Stück, kein Furnierbild, das dem anderen gleicht. Es setzt mehr Sorgfalt im Umgang damit, Wissen über die Möglichkeiten und Meisterschaft in der Verarbeitung voraus. Sorgfältig verarbeitete Stücke erhalten ein besonderes Augenmerk, sei es auf das edle Furnierbild, die Oberflächenbehandlung oder auf die Füge- und Verleimtechnik von Vollholzteilen. Holz ist mit einer bestimmten Robustheit ausgestattet. Es verzeiht die Verletzungen, die ihm durch die Nutzer zugefügt wurden und werden und erzählt damit eher eine Geschichte des Gebrauchs, als dass es einen Hinweis auf Zerstörung und Vergänglichkeit gibt.

Text

Irmgard Frank
Architektin und Designerin mit Kanzleisitz in Wien. Von 1998 bis 2018 Ordinaria für Raumkunst und Entwerfen an der Technischen Universität Graz. Forschungsschwerpunkte sind raumphänomenologische Überlegungen sowie die Bedeutung von Licht als Gestaltungselement und immaterielle Komponente der Raumwahrnehmung. Sie ist u. a. Autorin und Herausgeberin von »Raumdenken. Thinking Space« 2010 und von »Raum_atmosphärische Informationen. Architektur und Wahrnehmung« 2015.