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Mark Dion

Stefan Tasch
Erschienen in
Zuschnitt 74: Im Innenraum
Juni 2019, Seite 28
Dauerinstallation »The Undisciplined Collector« von 2015 im Rose Art Museum

In seinen Installationen, Zeichnungen und Fotos setzt sich der US-amerikanische Künstler Mark Dion seit den 1980er Jahren mit der Natur und ihrer Repräsentation durch den Menschen auseinander. Die Bedrohung der Umwelt und der Artenvielfalt infolge der Industrialisierung sowie die Politik der musealen Repräsentation stehen dabei immer wieder im Zentrum seiner künstlerischen Auseinandersetzung. Formal und inhaltlich spielt der historische Zeitraum zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert – die Zeit der historischen Wunderkammern, jener Sammlungskonzepte aus der Frühphase der Museumsgeschichte, in denen verschiedenste Objekte von überall her gemeinsam präsentiert wurden – eine ebenso wichtige Rolle für Dion wie die frühen naturkundlichen Museen des 19. Jahrhunderts mit ihrem wissenschaftlichen Anspruch und den dafür entwickelten Ordnungs- und Sammlungssystemen. Dion hinterfragt und kommentiert dabei kritisch und zugleich ironisch die Kriterien und Werte des Museums. Die Taxonomie, also die Unterteilung der natürlichen Welt in Klassen und Unterklassen, ist ein vom Menschen entwickeltes Ordnungssystem, das nach Dions Ansicht keine ganzheitliche Widerspiegelung der Natur darstellen kann.

Das hier abgebildete Werk »The Undisciplined Collector«, das Dion als Auftragsarbeit und Dauerinstallation für das Rose Art Museum in Waltham, Massachusetts, konzipierte, kann als ironische Anspielung auf die bereits erwähnten Ordnungssysteme und den Sammlungsauftrag von Museen generell gelesen werden. Dion trug aus verschiedenen Sammlungen der Brandeis University, zu der das Rose Art Museum gehört, Dinge zusammen und transferierte sie in ein Setting, das Chaos und Ordnung gleichermaßen veranschaulicht. Zeitlich ist der zur Gänze in Holz ausgekleidete Raum in den 1960er Jahren zu verorten. Dion nahm das Gründungsjahr des Museums 1961 zum Anlass, eine Art Zeitkapsel zu konstruieren, in der nicht nur die unterschiedlichen Holzarten des Mobiliars und der verwendeten Furniere, sondern auch die darin ausgestellten Gegenstände eine Art Sediment bilden und eine komplexe zeitliche Zusammenführung ermöglichen. Objekte aus unterschiedlichen Epochen, wie Skulpturen aus byzantinischer Zeit, Gemälde und Drucke aus dem 17. Jahrhundert oder chinesische Schnupftabakflaschen, zeigen die unterschiedlichen Sammlungsaufträge, aber letztlich auch die persönliche Handschrift aller Kuratoren und Museumsdirektoren. Dabei kommen skurrile Vorlieben zutage, die Dion recht zu geben scheinen, dass Museen keineswegs Orte der Objektivität sind. Dion vermeidet didaktische Maßnahmen wie Wandtexte, um dem Besucher freie Assoziationen zu ermöglichen. Er befreit ihn von der Rolle des passiven Informationsempfängers und schickt ihn als Wanderer und Forscher auf eine kulturelle Reise.

Mark Dion

geboren 1961 in New Bedford, Massachusetts, lebt und arbeitet in New York

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 2019 The Life of a Dead Tree, MOCA – Museum of Contemporary Art, Toronto
    To Watch, to Cut, to Capture, to Kill, to Collect, Galerie Nagel Draxler, Köln
  • 2018 Cabinet of Wonder, Gathering Place, Tulsa/US
    Gesammelte Sammler. Die materielle Kultur der Feldforschung, Naturkundemuseum, Berlin
  • 2017/18 The Tar Museum, NHM – Naturhistorisches Museum, Wien
  • 2017 American Politics – Dirty Tricks, Galerie Georg Kargl, Wien
  • 2016/17 The Wondrous Museum of Nature, Kunstmuseum, St. Gallen
  • 2016 The Library for the Birds of New York and Other Marvels, Tanya Bonakdar Gallery, New York
  • 2015/16 Against the Current, Ormston House, Limerick/IE

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 2019 Tierischer Aufstand. 200 Jahre Bremer Stadtmusikanten in Kunst, Kitsch und Gesellschaft, Kunsthalle Bremen, Bremen
    Ding/Unding. Die Entgrenzung des Künstler*innenbuchs, Graphische Sammlung ETH Zürich, Zürich
  • 2018/19 Nature’s Nation: American Art and Environment, Princeton University Art Museum, Princeton/US
  • 2017/18 Naturgeschichten. Spuren des Politischen, mumok, Wien
    Diorama. Erfindung einer Illusion, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Frankfurt
    Cupboard Love, Gewerbemuseum, Winterthur
  • 2016 Don’t Look Back: The 1990s at MOCA, The Geffen Contemporary at MOCA, Los Angeles
    Come As You Are: Art of the 1990s, Blanton Museum of Art, University of Texas, Austin

Text

Stefan Tasch

Studium der Kunstgeschichte in Wien und Edinburgh, Arbeit in verschiedenen Museen und Galerien