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Müssen wir Material sparen?

Warum ein höherer Materialeinsatz durchaus Sinn ergeben kann

Wolfgang Pöschl
Erschienen in
Zuschnitt 75: Potenzial Holz
September 2019, Seite 22f.

Es gibt verschiedene Gründe, Material zu sparen: einer ist, das Endprodukt möglichst leicht zu halten wie im Flugzeugbau.
Auch bei Sesseln, Besteck und Verpackungen kann ein geringeres Gewicht, verbunden mit einem geringeren Materialeinsatz, von Vorteil sein. Stärkstes Motiv, mit einem Material sparsam umzugehen, ist aber ein hoher Preis. Gespart wird vor allem bei teuren Materialien. Zudem zeigt uns die rapid zunehmende Globalisierung schwer ignorierbare Grenzen auf und macht Sparsamkeit zu einer Frage der Effizienz und Intelligenz. Die Blicke auf den SUV-Fahrer in Wiens erstem Bezirk kippen von Bewunderung in Mitleid. Die Grenzen der Verfügbarkeit müssen mehr und mehr ökologisch definiert werden. Scheinbar unbeschränkt und billig Verfügbares wird zur Mangelware. Schon ist absehbar, dass aus Schottergruben bald Goldgruben werden.

Das Furnier war ursprünglich ein Weg, Material zu sparen – eine teure dünne Schicht auf einem billigen konstruktiven Holz. Als komplizierte Massivholzkonstruktionen durch die Spanplatte ersetzt wurden, sollte das Furnier Massivholz vortäuschen. Die Empfindlichkeit des Furniers machte eine aufwendige Oberflächenbehandlung notwendig – eine Materialverirrung, an deren Anfang die Absicht stand, teures Material zu sparen.

Wie wohltuend ist dagegen ein Möbel aus chemisch unbehandelten Massivholzplatten. Das gleichmäßige Raumklima von der Materialaufbereitung bis zur zentralbeheizten Wohnung hat die Probleme, die das Biedermeier mit dem Massivholzmöbel hatte, verschwinden lassen. Die Massivholzplatte scheint auf den ersten Blick eine Materialverschwendung zu sein, auf den zweiten ist sie die bei weitem intelligentere und sinnlichere Anwendung, die viel technischen Aufwand überflüssig macht.

Die gleiche Geschichte ließe sich mit traditionellen Zimmermannskonstruktionen, die materialsparend sind, und dem scheinbar verschwenderischen Brettsperrholz erzählen. Dort kann der größere Holzeinsatz hochkomplexe Fügung und materialintensive Vielschichtigkeit mit großen bauphysikalischen Schwächen und Risiken verringern. Wie die Massivholzplatte im Möbelbau erfordert auch das Brettsperrholz im Holzbau ein Umdenken.

Statt dem alten Handwerk nachzutrauern, müssen wir die neuen Möglichkeiten mit Fantasie nutzen und Neues entwickeln.
In früheren Zeiten war der Weg vom Baum im Wald bis zum Brett in der Werkstatt oder auf der Baustelle weit und mühsam. Die Materialaufbereitung hat sich schnell mechanisiert und industrialisiert, Materialien wurden dadurch relativ verbilligt. Wenn ein höherer Materialeinsatz den Arbeitsaufwand insgesamt vereinfacht und verringert, wandert die Wertschöpfung vom immer noch sehr handwerklichen Bauen und Fügen zur industriellen Materialaufbereitung, und das Endprodukt wird tendenziell kostengünstiger. Manche empfinden das als Bedrohung; es kann aber genauso als Verbesserung und Befreiung von aufreibender Knochenarbeit gesehen werden. Die Eleganz liegt heute im Zusammenspiel einiger Zimmerleute mit einem Autokran genauso, wie sie früher in kunstvollen Holzverbindungen lag.

Wie schon angedeutet, kann ein größerer Materialeinsatz, um ein Produkt zu verbessern und zu verbilligen, ökologisch kontraproduktiv sein, wenn er zum Raubbau an begrenzten Rohstoffen führt. Holz nimmt da als nachhaltig nachwachsendes Material eine Sonderstellung ein und relativiert die Tugend der Sparsamkeit.
Insgesamt ist Sparen allein aber schon lange zu wenig. Die begrenzten Ressourcen haben die Materialflüsse längst in Kreisläufe gezwungen. Wieder- und Mehrfachverwertung sind die großen Schwestern der Sparsamkeit. Auch da hat Holz einen entscheidenden Vorteil. Wo andere Materialien technisch aufwendig wiederaufbereitet werden müssen und immer noch Unmengen von Kohlendioxid anfallen, bindet Holz Kohlendioxid als Baum und Bauwerk für Jahrzehnte. Holz entsteht im Wald aus Wasser, Luft und Sonnenlicht. Und selbst in der schädlichsten Verwertung, der Verbrennung, ist es noch klimaschonend, weil für jeden verbrannten Baum schon ein neuer nachwächst.

Text

Wolfgang Pöschl
lebt und arbeitet als Architekt in Tirol.
Haus für einen Künstler in London von dRMM Architekten. Die farbig bedruckten Birkensperrholzplatten des Künstlers Richard Wood kamen in seinem eigenen Haus nun als Treppenstufen zum Einsatz.