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Nachgefragt

Welches Potenzial liegt in der Produktion?

Anne Isopp
Erschienen in
Zuschnitt 75: Potenzial Holz
September 2019, Seite 20f.

In der Holzindustrie werden hundert Prozent eines Baumstamms verwertet. Ein runder Baumstamm wird dabei so zersägt, dass eine größtmögliche Ausbeute an Schnittholz, der sogenannten Hauptware, herauskommt. Derzeit wird mehr als die Hälfte des Volumens eines Baumstamms zu Schnittholz verarbeitet. Der Rest wird als Neben- oder Koppelprodukte weiterverarbeitet oder energetisch verwertet. Wir haben mit österreichischen Unternehmen gesprochen, die Sägewerk und Weiterverarbeitung in einem Werk integrieren. Wir haben sie gefragt, wie ressourceneffizient sie die Fertigung einschätzen und ob sie Optimierungspotenzial sehen.

Derzeit werden rund 60 Prozent des Volumens eines Baumstamms zu Schnittholz verarbeitet, der Rest wird zu Neben- und Koppelprodukten weiterverarbeitet. Sehen Sie hier Optimierungsmöglichkeiten?

Reinhard Binder: Mit der entsprechenden Technik, Erfahrung und dem Verständnis zum Produkt kommt man auf über 60 Prozent Schnittholz-Ausbeute.

Christoph Kulterer: In durchschnittlichen österreichischen Sägewerken beträgt die Ausbeute an Schnittholz ungefähr 60 Prozent vom Rohholz, ohne Rinde gemessen. Einschnitt-Optimierung beschäftigt sich grundsätzlich mit der Quadratur des Kreises, und daher werden in der Sägeproduktion immer Koppelprodukte erzeugt werden. Das Gute daran ist, dass diese kein Abfall sind, sondern immer sinnvoll weiterverwertet werden können. Es sind Rohstoffe für die Plattenproduktion, für die Papierherstellung oder für die energetische Nutzung. Die individuelle Wertoptimierung ist Sache der einzelnen Unternehmen.

Michael Pfeifer: In unserem Unternehmen gibt es keinen Abfall, ein Großteil des Schnittholzes wird in unserer Weiterverarbeitung zu Naturholzplatten, Brettschichtholz, Schalungsplatten und Schalungsträgern und ab August 2019 zu Brettsperrholz weiterverarbeitet. Aus dem anfallenden Restholz wie Sägespänen und Hackschnitzeln werden Palettenklötze, Pellets und Holzbriketts produziert. Die anfallende Rinde wird in unseren Kraftwerken zu Energie umgewandelt.

Richard Stralz: Mit den Technologien in Säge- und Weiterverarbeitung, die wir derzeit einsetzen, sind uns Grenzen gesetzt. Es gibt viele Denkansätze und Versuche, unseren Wertstoff Holz besser zu verwenden, und ich bin zuversichtlich, dass der technische Fortschritt, gepaart mit dem holztechnischen Ingenieurswissen in den kommenden Jahren zu den notwendigen Optimierungen und zu starken Effizienzsteigerungen führen wird. Ausbeutewerte nahe 90 Prozent klingen zwar heute utopisch, doch bin ich davon überzeugt, dass wir uns in zehn bis 15 Jahren wundern, wie sorglos wir in der Vergangenheit mit unserem wertvollen Holz umgegangen sind. Was man bei alledem nicht vergessen darf: Die aus den Optimierungen resultierende Reduktion der Sägenebenprodukte wird es auf einer anderen Seite wieder »spannend« machen.

Bei der Weiterverarbeitung von Schnittholz zum Beispiel zu Brettsperrholz fallen erneut Produktionsreste an. Kann man das vermeiden?

Herbert Jöbstl: Auch wenn die Schnittholzausbeute ein wichtiger Indikator ist, geht es ja darum, die Wertschöpfung und die Effizienz unseres Rohstoffs auf ein bestmögliches Maß zu erhöhen, um den Stamm wirtschaftlich effizient und gleichzeitig nachhaltig zu nutzen.
Die Papier- und Plattenindustrie erzeugt beispielsweise hochwertige Produkte aus Faserholz und Resthölzern. Auch für unsere Industrie gibt es gute Möglichkeiten zur Weiterverarbeitung dieser Produkte, die bisher jedoch noch wenig genutzt werden.

Christoph Kulterer: Ein genereller Trend ist die auftragsbezogene Produktion und Lieferung direkt auf die Baustelle. So kann zusätzlicher Verschnitt am effizientesten vermieden werden. Eine optimale Abstimmung zwischen Planer, Holzbauer und Lieferant ist dafür eine wesentliche Voraussetzung.

Michael Pfeifer: Wir haben in den letzten Jahren unsere Produktionsprozesse in unseren Werken laufend optimiert, in der Holzweiterverarbeitung in Dünnschnittanlagen investiert, weiters haben wir in unseren Sägewerken die Ausbeute optimiert, um Holz zu sparen. Hohe Festigkeitsklassen von Brettschichtholz bsh
(GL 28c, GL 28h, GL 30c, GL 32c) erlauben eine Holzersparnis. Auch Brettsperrholz sollte in Zukunft mit weniger Holz produziert werden, Fenster- und Türenausschnitte sollten bei der Produktion schon berücksichtigt werden.

Die Verarbeitungsketten von Holz entwickelten sich im Laufe der Zeit in enger Verbindung zu technologischen Neuerungen. Worüber wird derzeit nachgedacht? Welche weiteren Entwicklungen sind zu erwarten?

Herbert Jöbstl: Für die Sägeindustrie sehe ich großes Potenzial in der Digitalisierung und der Verfolgung der Qualitätsmerkmale des Rohmaterials während des gesamten Prozesses bis zum Endprodukt.
Damit kann man spezifisch für das Endprodukt vorsortieren und es wird deutlich weniger »Anfallware« produziert. Des Weiteren bin ich überzeugt, dass es in den kommenden fünf bis zehn Jahren neue Produktionstechniken geben wird, die den Anteil an hochwertigen Produkten und deren Effizienz deutlich erhöhen.

Michael Pfeifer: Eine bessere Rohstoffausnutzung und Effizienzsteigerung ist durch noch mehr Automatisierung, Vernetzung und Optimierung der Schnittstellen der Anlagen sowie durch Digitalisierung möglich.

Richard Stralz: Das Zusammenspiel zwischen Qualitätssortierung und Säge wird unter Einsatz von wegweisenden Technologien effektiver werden. Die Art der Zerspanungstechnologie in der Holzverarbeitung wird sich ändern und moderner werden, um die Ausbeute in der Säge wesentlich zu verbessern. In der Weiterverarbeitung muss das Vorprodukt so ankommen, dass die Hobelung minimiert und die Kappung reduziert werden können.

Im Hinblick auf eine optimale Material- und Maschinenausnutzung wird gerne die Papierindustrie als Vorbild herangezogen. Was kann die Holzbranche von diesem oder anderen Industriezweigen im Hinblick auf Effizienzsteigerung und Rohstoffausnutzung lernen?

Reinhard Binder: Wir brauchen von anderen Industriezweigen bezüglich Rohstoffausnutzung wirklich nichts zu lernen. Wir verarbeiten heute entlang der gesamten Wertschöpfungskette alle Anfallprodukte zu Energieträgern und Schnittholz zu Finalprodukten. Und schlussendlich werden am Ende eines Lebenszyklus Holzprodukte wiederum zu hundert Prozent verwertet.

Herbert Jöbstl: Die Wiederverwertung spielt eine wesentliche Rolle bei der Versorgung des zukünftigen globalen Bedarfs an Rohstoffen. Die Papierindustrie mit der Altpapierverwertung und die Plattenindustrie mit dem Einsatz von Altholz sind dabei auf einem guten Weg. Aber auch der Bereich Biocomposites wird für unsere Industrie Möglichkeiten bieten, tolle Produkte für verschiedenste Anwendungsbereiche aus Restholz oder Altholz zu erzeugen.

Christoph Kulterer: Gerade die mitteleuropäische Holzindustrie war immer schon getrieben durch hohe Rohstoffkosten.
Aus diesem Grund gehört sie auch zu den effizientesten der Welt. Die wichtigste Prämisse bei der Rohstoffbeschaffung beginnt im Forst und muss die nachhaltige Nutzung unserer Wälder sein.

Richard Stralz: Verfügbarkeiten und Effektivität einer Gesamtanlage (OEE) sind wunde Punkte unserer Branche: In der Papierindustrie sind Nutzungsgrade über 98 Prozent Standard, in der Holzindustrie gilt ein »Neuner« davor als Wunder, wie es auch eines in der Papierindustrie vor zwanzig Jahren war. In der Holzindustrie werden wir den Schritt zum »normalen Neuner« etwas schneller gehen.

Reinhard Binder, Geschäftsführer von Binderholz

Herbert Jöbstl, Geschäftsführer von Stora Enso Wood Products, Vorsitzender der österreichischen Sägeindustrie

Christoph Kulterer, Geschäftsführer von Hasslacher Holding

Michael Pfeifer, Geschäftsführer von Pfeifer Holding

Richard Stralz, Geschäftsführer von Mayr-Melnhof Holz Holding, Obmann von proHolz Austria

Text

Anne Isopp
leitende Redakteurin der Zeitschrift Zuschnitt

redaktion@zuschnitt.at

Nutzbarer Stammholzanteil

Während 80 Prozent des geernteten Nadelholzes stofflich verwendet werden, ist es beim Laubholz nur ein Drittel. Das liegt in der Stamm- und Astausbildung der Baumarten begründet: Laubbäume weisen ein umfangreicheres Astwerk und Blätterdach auf und einen geringer nutzbaren Stammholzanteil.

Quelle: Schwierigkeiten und Chancen in der Laubholzverarbeitung, Verena Krackler, Peter Niemz, Holztechnologie 52, IHD Dresden, 2011