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Die Freiheit unter dem First

Fünf Variationen zum Thema Steildach

Gabriele Kaiser
Erschienen in
Zuschnitt 76: Steildach
Dezember 2019, Seite 8ff.
Das Wohnhaus mit sechs Giebeln steht in Atlanta. Architektin ist Jennifer Bonner.

Ob flach, leicht geneigt oder steil: Hausdächer gibt es in den unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen und sie waren in der Geschichte der Moderne oft heiß umkämpftes Terrain. Heute löst die Tatsache, dass um das Gegensatzpaar Flachdach und Steildach einst ideologische Grabenkämpfe entbrannt sind, eher Verwunderung aus. Angesichts der zunehmenden Liberalität in der Dachfrage ist nur mehr schwer nachvollziehbar, worüber damals eigentlich gestritten wurde. Die Auffassung, dass steilen Dächern etwas Handwerkliches, Althergebrachtes, ja Urhüttenhaftes innewohnt, flachen Dächern hingegen etwas Neuartiges, künstlich Ausgedachtes anhaftet, ist zwar immer noch verbreitet, birgt aber jenseits der Geschmacksfrage längst keine Sprengkraft mehr, um die Fachmeinung zu spalten. Steildächer brachten früher das »raumgreifende Lebensgefühl unter einen Hut«, schrieb der Architekt Markus Grob in seiner poetischen Reflexion über den einstigen Dächerstreit. Damals habe das abstrakte Prisma des flach gedeckten Baukörpers oder die »Kulisse des steilen Zelts« Wünsche befriedigt, die noch in greifbaren Lebens- und Formgefühlen wurzelten, ehe eine egalisierende Bauindustrie über kulturelle Distinktionen hinwegging und diese zur Sozialromantik erklärte. Der stetige bautechnische Fortschritt jedoch – im Holzbau etwa durch die Einführung von Flächentragwerken – erlaubte und erlaubt immer wieder neue Interpretationen des Steildachs, in denen Tradition erfrischt und nostalgiebefreit weiterlebt.
Dass sich das Steildach in all seinen technischen Ausprägungen als Thema mit räumlich besonders reizvollen Variationen erweist, zeigen aktuelle Projekte auf der ganzen Welt. So auch das »Haus Gables« mit sechs Giebeln in Atlanta, Georgia, der amerikanischen Architektin Jennifer Bonner. Das Attribut Vielfältigkeit ist bei diesem in Brettsperrholz errichteten Domizil wörtlich zu nehmen: Eine asymmetrische Dachlandschaft mit steilen Höhen und Tiefen faltet sich über die Wohnräume und eröffnet dem traditionellen Steildach völlig neue Perspektiven. Die kühn gefaltete Untersicht der Dachflächen aus Brettsperrholz bildet eine kraftschlüssige Schalenkonstruktion über den luftigen Wohnräumen ungewöhnlichen Zuschnitts. »Die Räume folgen dem First, das Dach bestimmt den Grundriss«, erläutert die Architektin, die zunächst fünfzig verschiedene örtliche Dachtypologien katalogisiert und daraus in Modellstudien »Domestic Hats« generiert hatte, ehe sie – in Eigenregie – dieses Haus entwarf, um die Komplexität des Themas Steildach experimentell auszuloten.

Ergänzend zu dieser eher konzeptionell-akademischen Auseinandersetzung mit überlieferten Dachtypologien kann die Neukontextualisierung des Giebelhauses natürlich auch schlicht über städtebauliche Einfühlung und eine intensive Auseinandersetzung mit der lokalen Bautradition gelingen.

Aus den örtlichen Bedingungen abgeleitetes Steildach in Hallstatt von Luger & Maul.

Ein besonders schönes Beispiel für ein aus den örtlichen Bedingungen abgeleitetes Steildach ist in Hallstatt in Oberösterreich anzutreffen, jenem so reizvollen wie überlaufenen Weltnatur- und Weltkulturerbe-Ort, in dem sich die Richtung See giebelständigen Häuser hoch und schmal aneinanderschmiegen. Die Architekten Luger & Maul standen hier vor der Aufgabe, ein baufälliges Bestandsgebäude aus dem 16. Jahrhundert als Ferienhaus und als späteren dauerhaften Wohnsitz neu zu bauen. Obwohl ein Abbruch bis auf die massiven Wandteile des Sockelgeschosses unvermeidlich war, blieb der Charakter des ursprünglichen Gebäudes in der neuen Silhouette präsent. Um trotz des aus bauphysikalischen Gründen stärkeren Dachpakets ausreichend Raumhöhe zu generieren, wurde der First des neuen Steildachs um 70 cm angehoben und der Baukörper des Haupthauses an der Nordseite um 5 Meter verlängert. Im äußeren Erscheinungsbild stark in das geschlossene Ensemble am felsigen Hang eingebunden, erweisen sich die im Obergeschoss vollflächig mit weiß geöltem Tannenholz ausgekleideten Innenräume als überraschend weitläufig und hell, sodass von der Enge der örtlichen Bebauungsstruktur (deren verwinkelte Gassen früher oftmals sogar durch Dachböden führten) nichts mehr zu spüren ist. Als während der Bauarbeiten eine historische Steintreppe im Felshang zum Vorschein kam, entschloss man sich, das archäologische Artefakt durch Glaswand und Oberlicht wie einen Schatz sichtbar in den neuen Hausorganismus zu integrieren – eine überzeugende Maßnahme, alte Strukturen an die Gegenwart heranzuführen.

Ist es das Holz, ist es die Dachform, die den Schutz bietenden Raumeindruck prägen? Hält die Semantik des Steildachs immer noch den Archetypus eines schlichten vertrauenerweckenden Gehöfts bereit?

Innauer Matt sind bei dem Haus im vorarlbergischen Weiler den Um rissen des Vorgängerbaus gefolgt, bis hin zum Dach seiner Kreuzgiebelformation.

Wer sich dem »Haus mit drei Augen« von Innauer Matt im Vorarlberger Ort Weiler nähert, ist geneigt, das zu bejahen. Erinnerungen an die vormals landwirtschaftliche Nutzung sind spürbar, sei es durch die Lärchenschindelfassade (glatte Schirmschalung im Erdgeschoss, Rundschalung im Obergeschoss), sei es durch die Kreuzgiebelformation des Dachs, das den Umrissen des Vorgängerbaus folgt. Drei übergroße Mondfenster in den Giebelfeldern – jedes weist in eine andere Himmelsrichtung – fokussieren verschiedene Elemente der Umgebung im Raum: Berg, Tal und Baum. Drei Blicke, drei Dinge, Konzentration auf das Wesentliche. Auch bei diesem Gebäude scheint die einfache Hausform der Komplexität des Lebens erfolgreich zu trotzen.

Konstruktive Asymmetrien prägen das Raumerlebnis im neuen Restaurant am Campingplatz Campadi Trun in Graubünden. Architekt ist Iso Huonder.

Ein ähnlich subtiles Spiel mit konstruktiven Asymmetrien lässt sich in Graubünden im Restaurant des Campingplatzes Campadi Trun von Iso Huonder erleben. Der große, zum First hin offene Raum mit rautenförmiger Luke im Giebelfeld ist geprägt durch die Omnipräsenz des Fichtenholzes und die dreiteiligen, sich nach oben hin öffnenden Binder, die auf Zug- und Druckkraft gleichermaßen reagieren und einen steifen Übergang von der Wand zum hohen Satteldach bilden. Das über die Erlenbaumkronen der Umgebung hinausragende Gebäude wurde als Elementbau in der nahen Zimmerei in Trun vorgefertigt, die ungleich hohen Dachflächen und die dementsprechend differenzierte Durchfensterung der beiden Seitenwände steigert den Reiz eines kontemplativen Raums in der Auenlandschaft. Ein Zufluchtsort mit der stillen Aura einer Waldkapelle …

Rautenförmige Fensteröffnungen sind Blickfang des Gehöfts in Zug von Graber Pulver Architekten.

Bei den Ersatzneubauten für den Lüssihof in Zug von Graber Pulver Architekten war ähnliches Fingerspitzengefühl wie bei dem Haus in Hallstatt gefragt. Ausgangspunkt war ein Gehöft mit zwei denkmalgeschützten Wohnbauten aus dem 17. Jahrhundert und zwei wesenlosen Zubauten aus den 1960er Jahren, die durch Neubauten ersetzt werden durften. Eine Tischlerei mit Restaurationsatelier und eine Heizzentrale mit Büroräumlichkeiten und Parkremise ergänzen nun – nach intensivem Dialog mit der Stadtbildkommission und der Denkmalpflege – das Ensemble, das mit neu justierten Binnenräumen verbesserte Betriebsabläufe ermöglicht. Im Unterschied zum Wohnhaus in Hallstatt, das sich äußerlich fast unmerklich in die bestehende Struktur integriert, kommunizieren die beiden neuen Holzbauten in Zug ihre Zeitgenossenschaft deutlich nach außen. Die beiden großen rautenförmigen Fensteröffnungen in den Giebeln der Tischlerei sind augenfälliger Blickfang des Gehöfts und gewähren nachts Einblick in den stützenfreien Dachraum der Restaurierwerkstatt.

Die Dachkonstruktion als Zwei-Gelenk-Rahmen mit biegesteifer Firstausbildung ist ein signifikantes Gestaltungsmerkmal des Neubaus, dessen Steildächer und Wandkonstruktionen in Holzrahmenbauweise konzipiert sind. Der signifikante asymmetrische Dachüberstand ist als Aufschiebling auf die eigentliche Dachkonstruktion gesetzt, die unverkleidete Schwelle stützt sich mit Sprengwerken auf der Wandkonstruktion ab, was dem Gebäude zusätzlich ein unverwechselbares Erscheinungsbild gibt.

Text

Gabriele Kaiser
freie Architekturpublizistin und Kuratorin; 2010–2016 Leiterin des architekturforum oberösterreich (afo); seit 2009 Lehrauftrag an der Kunstuniversität Linz; lebt und arbeitet in Wien.