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Essay

Singin’ in the Rain

Alberto Alessi
Erschienen in
Zuschnitt 76: Steildach
Dezember 2019, Seite 4f.

1. »Der Nutzen von Überdachungen ist das Wesentlichste, das Wichtigste. Das Dach garantiert nicht nur die Gesundheit der Hausbewohner, indem es sie vor der Nacht, dem Regen und vor allem vor der großen Hitze der Sonne beschützt, nein, vielmehr schützt es das ganze Gebäude: Entfernt man die Überdachung, so löst sich die gesamte Materie auf, die Mauern blättern ab, die Fassaden brechen auf und letztendlich geht das gesamte Mauerwerk mit der Zeit kaputt. Es erscheint unglaublich, aber tatsächlich ist die Haltbarkeit des Fundaments abhängig vom Schutz der Überdachung.« So schrieb 1485 Leon Battista Alberti im Werk De re aedificatoria. Es genügt nicht, nur stabil zu bauen, man muss das, was man errichtet hat, auch beschützen, um sich selbst zu schützen. Dessen ist sich auch Giancarlo De Carlo bewusst:»Antonio Averlino, bekannt als Filarete, erzählt, dass Adam an einem stürmischen Tag vor Gott, der ihn aus dem Garten Eden vertreiben wollte, seine Hände über dem Kopf so zusammenhielt, dass sie wie ein Dach ihn vor dem göttlichen Zorn und vor dem Regen schützen sollten. Im selben Augenblick und aus dieser Geste heraus erschien die erste Architektur auf Erden. Ich glaube, dass dieses Bild die lebendigste Definition von Architektur enthält, die jemals gegeben wurde.«

2. Die Bezeichnung Dach geht zurück auf das germanische Wort aka – Dach –, das seinerseits eine Ableitung zu teg – decken, bedecken – ist. Ursprünglich bedeutet Dach also »Decke«. Ähnlich ist der Ursprung des Wortes tetto, das vom lateinischen Wort t¯ectum von t¯eg˘ere – bedecken – stammt und Überdachung eines Gebäudes bedeutet, bestehend aus geneigten, an tragende Strukturen angelehnten Oberflächen, die so angeordnet sind, dass der Abfluss des Regenwassers garantiert wird. So wie das Quadrat eine spezielle Variante des Vierecks ist, so ist jede Überdachung eines Gebäudes eine Form von Schrägdach: Geometrisch existiert das Flachdach nicht, jede Überdachung hat eine minimale Neigung.

3. Dächer prägen als architektonisches Grundelement den Charakter bebauter Orte. Das Dach ist ein öffentliches dekoratives Element par excellence, ein von Weitem sichtbarer Korpus und eine einprägsame Silhouette. Die Form des Dachs ist die Art und Weise, wie sich das Gebäude einfügt, sich unterscheidet und sich als bedeutungsvoll erweist.

4. Bei einem Steildach wandert der Blick kontinuierlich von unten nach oben und wieder nach unten und verlagert sich dann an die Seiten, wo das Dach wie eine Brücke zwei Ufer miteinander verbindet. Ein Dach dominiert ein Gebäude, es verbindet das Bauwerk mit der Landschaft. Es kann bunt hervorstechen oder sich unauffällig in die Umgebung einfügen, es kann klar in seinen Formen oder aufgeteilt in Dachflächen und Pinakel sein.

5. Ein Steildach ist Teil der Fassadengestaltung, es ist deren Fortführung und Krönung. So ein Dach folgt dennoch baulichen Notwendigkeiten, die über den reinen Ausdruckswillen hinausgehen. Deshalb wurde diese Art von Dach bisweilen angezweifelt oder gar abgelehnt, weil es nicht jene abstrakt freie Komposition erlaubte, die für die Gestaltung einer neuen Welt notwendig erschien. Will man mit einem Flachdach den Sieg der Baukunst über die Kräfte der Natur feiern, so akzeptiert das Steildach die Natur als Mitkonstrukteurin. Das Steildach ist die erste analoge Architektur: Es schützt vor den Witterungseinflüssen, es bestimmt und schließt die Form des Gebäudes ab, es hat Charakter und definiert eine Topografie. Es ist folglich ein großartiges Ausdrucksinstrument in den Händen der Konstrukteure: Es kann S, M, L oder XL sein, während ein Flachdach zwangsläufig gleich groß ist wie das Gebäude, das es bedeckt und daher wenig autonome Ausdruckskraft besitzt. Ein Schrägdach ragt von Natur aus über das Gebäude hinaus. Gibt es keinen Dachüberstand, dann weil es den Wunsch nach etwas Außergewöhnlichem gab, der aber oft durch technische Probleme bestraft wird. Ein Flachdach impliziert die Möglichkeit einer Aufstockung des Gebäudes, während ein Steildach den Abschluss der Bauphase und im Nachfolgenden das Bewohnen des Gebäudes voraussetzt.

6. In der Vergangenheit wurde das Schrägdach normalerweise mit einem Holzbau in Verbindung gebracht. Das liegt an mehreren Faktoren, insbesondere aber an der Qualität dieses Materials, mit dem alle Elemente eines Bauwerks verwirklicht werden können, von den Decken bis zu den Wänden und der Überdachung.
Die Tatsache, dass Holz einst ein Baum und damit Teil des Waldes war, hat diesen Baustoff nicht nur zu einem leicht verarbeitbaren und wandelbaren Material werden lassen, sondern vor allem zu einem lebendigen Baumaterial. Laut Vitruv entstand die Urhütte nicht zufällig, sondern durch Beobachtung und Nachahmung der Natur. Die Steildächer, vor allem das Pultdach und das Satteldach, sprechen die einfachste statische Struktur an, das Dreieck: Form folgt Funktion. Die Form des Steildachs ist folglich sinnvoll und sinnlich wahrnehmbar.

7. Ein Dach erlebt man von außen und von innen. Im ersten Fall schenkt es Atmosphäre und Form, im zweiten Fall beschützt und empfängt es Besucher und Bewohner auf verschiedenste Art. Lässt man seine Dachneigungen und Trägerstrukturen sichtbar (Dachträger, Dachbalken), so fördert das im Inneren des Hauses den Fluss der Bewegung. Ist das Dach verdeckt durch einen Dachboden, so lässt das auf geheimnisvolle Weise den Dachraum als vertrauten Ort erscheinen. Das Dach ist der Ort, an dem das Innere nach außen gekehrt wird, wo Vertrautheiten zu gemeinsamen Ausdrucksweisen werden, wie auch im Lukasevangelium 12,3 steht: »Das, was ihr in der Dunkelheit gesagt haben werdet, wird im vollen Licht gehört werden; und das, was ihr euch in den innersten Räumen ins Ohr geflüstert haben werdet, wird über den Dächern verkündet werden.«

8. Der ultimative Zweck eines Daches bleibt jedoch jener, der es uns ermöglicht, im Regen zu singen.

Text

Alberto Alessi
Architekt, freier Kurator und Kritiker, lebt in Zürich