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"Cenni di Cambiamento", Mailand/I

Realisiert wurden die vier Neungeschosser in Holz auf einem 17.000 m2 großen, vorstädtischen Areal im Westen von Mailand in der Via Cenni, in der Nähe des bekannten „Stadio San Siro“. Gebaut wurde in Holz-Massivbauweise mit großflächigen Brettsperrholzelementen – jener Technologie, die den Schlüssel für den Einsatz von Holz in mehrgeschossigen Gebäuden bildet und zu dessen Entwicklung Österreich federführend beigetragen hat. So kamen die 6.100 m3 Brettsperrholz (kurz BSP oder XLAM) sowie unterstützendes Know-how auch aus Österreich. Umsetzung und Abwicklung vor Ort leistete ein italienisches Konsortium aus Generalunternehmer und Holzbaufirma. Dabei handelte es sich um eine Art der grenzüberschreitenden Kooperation, deren Initialzündung im Wesentlichen im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Erdbeben in L’Aquila im Jahr 2009 stattgefunden hat. 

Ein Ingenieurholzbau mit hohem Innovationsgrad
„Mit neun Geschossen über dem Boden und den relativ geringen Grundrissabmessungen von 13,5 x 19 Meter sind die vier Hochhäuser als Türme zu bezeichnen. Die dazugehörige Tragstruktur aus BSP-Platten gilt somit als Ingenieurtragwerk und muss unter strenger Einhaltung der Regeln des Ingenieurholzbaus entworfen, konstruiert, berechnet und nachgewiesen werden,“ erklärt der für den Bau der 27 Meter hohen Türme verantwortliche Tragwerksplaner Andrea Bernasconi. Grundlegende Anforderungen an solch ein Tragwerk sind Regelmäßigkeit im Grundriss sowie in der Erhöhung.

Zusätzlich zu dieser konstruktionstechnischen Anforderung sind die vier Türme ein Ingenieurholzbau mit hohem Innovationsgrad – und das auf mehreren Ebenen. Der Ort, an dem sie errichtet werden, steigert dieses Anforderungsprofil, denn mehrgeschossiges Bauen in Holz unterliegt in Italien einer zweifachen Herausforderung: Auch wenn die Region Lombardei kein hohes Gefährdungspotential aufweist, grundsätzlich ist in den Baugesetzen ganz Italien als Erdbebengebiet deklariert. Zusätzlich waren zum Zeitpunkt der Projektierung des Komplexes Bauten in Holz mit insgesamt vier Vollgeschossen limitiert. So musste das Konzept der Tragstruktur zunächst die Genehmigung der obersten Baubehörde Italiens erhalten, damit in der Folge eine Baubewilligung erteilt werden konnte. (Im Dezember 2011 wurde im Zuge des Dekrets „Salva Italia“ unter Präsident Mario Monti diese Auflage für Bauten in Holz aufgehoben.)

Mit einer avancierten Tragstruktur aus Brettsperrholz sicher in die Höhe bauen
Häufig werden in Mehrgeschossern aus Holz das Basisgeschoss sowie Stiegenhäuser, Liftschächte und Fluchtwege mit mineralischen Baustoffen ausgeführt. Nicht so in der Via Cenni: Andrea Bernasconi plante die gesamte Tragstruktur, Treppen- und Liftkörper, aus Brettsperrholz-Platten, ausgeführt mit der vorgeschriebenen Brandwiderstandsklasse von 60 Minuten, was mittels einer zusätzlichen innenliegenden Kapselung in Gipskarton erreicht wurde. Auf den Vollwärmeschutz der Gebäudehülle wurde eine Putzfassade aufgebracht.

Zukunftsweisendes auch in punkto Verbindungstechnik: Um eine effiziente räumliche Tragwirkung zu erzielen, ist prinzipiell eine ausreichende Steifigkeit der Verbindungen der einzelnen Brettschichtholzplatten Voraussetzung. Um die Sicherheit der Tragstruktur im Fall eines Erdbebens gewährleisten zu können, müssen zusätzlich vor allem den Horizontalkräften Rechnung getragen werden. Bernasconi und sein Team begegneten dieser Aufgabe mit der Entwicklung der innovativen Verbindungstechnik von kompakten T-Profilen aus Stahl, die die herkömmlichen einzeln gesetzten Winkelprofile ersetzten.

Doch nicht nur konstruktionstechnisch zollt das Projekt in der Via Cenni neuen Herausforderungen seinen Tribut, die Bauschaffenden übernehmen hier auch im sozialen Bereich Verantwortung.

Wegweisend und umfassend nachhaltig
Bereits in der Ausschreibung zum EU-weiten Wettbewerb 2009 war das Ziel formuliert, einen wegweisenden sozialen Wohnbau unter Berücksichtigung von ökologischen und ökonomischen Aspekten der Nachhaltigkeit zu realisieren. Das Siegerprojekt des italienischen Architekten Fabrizio Rossi Prodi überzeugte diesbezüglich in mehrerlei Hinsicht: Sein Vorschlag einer avancierten Holzbaukonstruktion brachte die Vorteile der Verwendung einer nachwachsenden Ressource, einer raschen Bauzeit, Erdbebensicherheit sowie eines guten Isolationsverhaltens mit sich. Zudem entwickelte Architekt Prodi ein konsistentes Freiraumkonzept zur Förderung des sozialen Austausches.

Urbane Intensität durch sozialen Austausch
Realisiert wurde der innovative Wohnbau im Rahmen des Immobilienfonds „Fondo Federale di Lombardia“ – umgesetzt durch die „Polaris Investment Italia spa“. In diesem Private-Public-Partnership Modell sind Banken, Unternehmen, die Stadt Mailand und die Region Lombardei beteiligt. Auftrag des Fonds ist es, Wohnraum vor allem für wirtschaftlich benachteiligte Familien oder Einzelpersonen in der Lombardei zu schaffen. So lag der Schwerpunkt des Projekts Via Cenni neben der Leistbarkeit auch auf dem sozialen Austausch.

„Der öffentliche Raum ist der Nährboden auf dem Beziehungen aufgebaut werden können,“ meint Architekt Prodi. So bildet ein 1000 m2 großer Park das Zentrum der Anlage und schafft als weiträumige, halb-öffentliche Begegnungs- und Kommunikationszone die Anbindung zur dispersen Umgebung des Vorortes. Den Bewohnern stehen verschiedene Modelle – von temporären Wohnflächen bis zu Wohnungen mit Kaufoption – zur Verfügung, es wurden ausreichend Grünraum – von Mietergärten bis zu begrünten Dächern – geschaffen und es stehen Flächen für sozialen Austausch und gemeinsame Aktivitäten zur Verfügung. Die Mietkosten sind für Mailänder Verhältnisse sehr günstig: Eine 70 m²-Wohnung kostet im Schnitt 450 Euro.

Der Mix aus unterschiedlichen Wohnungstypologien soll unterschiedliche Bewohnerstrukturen in die Via Cenni bringen und so das neue Viertel mit sozialer Vielfalt beleben.

 

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