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Querschnittsmaterie Wald
Europäische Forstpolitik
Der Wald steht in einem brisanten Spannungsfeld unter-
schiedlichster Interessen. Er ist von Regulierungen aus vielen
Politikfeldern betroffen, ohne selbst eines zu sein.
Dem Forstmann wirft man zuweilen vor, den Wald vor lauter Bäu-
men nicht zu sehen. Den Umweltschützer trifft derselbe Vorwurf
sozusagen backhand: Vor lauter Wald habe er den Blick für die
Bäume verloren.
300
Jahre nach der Kodifizierung des Begriffs
Nachhaltigkeit steht der Wald zunehmend im Spannungsfeld un-
terschiedlichster – und nicht selten sogar entgegengesetzter –
Interessen.
Ein gutes Beispiel für den zuweilen kontraproduktiven Interessen-
konflikt um den Wald ist der Klimaschutz. Da gibt es etwa den
Ansatz, unter diesem Titel Waldflächen aus der ökonomischen
Nutzung herauszunehmen. Das aber erhöht die CO
2
-Bindung
nicht, im Gegenteil: Es wird weniger CO
2
gebunden. Nutzt man
das Holz, dient es weiterhin als Speicher. Der Wirtschaftswald
trägt somit – im Vergleich zu einem ungenutzten Wald – ein Viel-
faches zum Klimaschutz bei. Philipp zu Guttenberg, Waldbesitzer
in Deutschland und der Steiermark, ist Präsident der Arbeitsge-
meinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände und fordert denn
auch „eine klare und stärkere politische Anerkennung der Holz-
produktion als gemeinwohldienliches Ziel“.
Holzproduktion, Klimaschutz, Naturschutz, Lawinenschutz, Jagd,
Tourismus – an den Wald werden divergente Ansprüche gestellt.
Politisch ist er deshalb das, was man eine Querschnittsmaterie
nennt, die an allen Ecken und Enden von Brüssel, den nationalen
und sogar regionalen Hauptstädten fleißig bearbeitet und regu-
liert wird.
Gerhard Mannsberger, Chef der Sektion Forstwesen im Lebens-
ministerium, plädiert diesbezüglich für einen österreichischen
Weg des Interessenausgleichs: das Reden. „Als geeignetstes
Instrument hat sich dafür der Österreichische Walddialog heraus-
gestellt. Rund achtzig Institutionen sind an diesem Prozess
beteiligt.“ Regeln im Umgang mit dem Wald gebe es genug,
Österreich bemühe sich – „insbesondere in Brüssel“ – um eine
massive Reduktion und damit auch Vereinfachung waldspezi-
fischer Regulierungen.
Der Oberösterreicher Markus Holzer sitzt in Brüssel und arbeitet
dort seit
1998
in der Generaldirektion Landwirtschaft.
eu
-weiten
Regulierungen will er nicht unbedingt das Wort reden, doch einer
europäischen Zielbestimmung. „Die
eu
braucht eine neue Forst-
strategie als wichtigen Bezugspunkt für die künftige Entwicklung
von politischen Maßnahmen, die den Wald betreffen. Wälder in
der
eu
und der dazugehörige Forstsektor müssen so behandelt
werden, dass ihr Beitrag zu den relevanten Zielen der
eu
-Politik
gewährleistet ist.“ Über eine solche
eu
-Forststrategie, vor allem
„eine Rahmenrichtlinie über Nachhaltigkeitsbestimmungen“ ist
ausgiebig diskutiert worden, allerdings: „Es wurde kein Konsens
gefunden.“
Das ist insofern bedauerlich, als „die Wälder wichtige Elemente
in anderen Politikbereichen sind, in mehreren Fällen wird Einfluss
auf ihre Verwaltung durch verschiedene, auch gesetzgebende
Maßnahmen genommen. Einige Beispiele sind: Natura
2000
der Wald und andere bewaldete Flächen repräsentieren
50
Pro-
zent des gesamten terrestrischen Netzes von Natura
2000
. Oder
die Richtlinie über erneuerbare Energien. Hier entscheiden die
Mitgliedstaaten über den erneuerbaren Energiemix, aber momen-
tan ist Biomasse aus dem Waldbereich die wichtigste Quelle für
erneuerbare Energien und steht für mittlerweile rund die Hälfte
des gesamten erneuerbaren
eu
-Energieverbrauchs.“
Philipp zu Guttenberg ist ein großer Verfechter der Subsidiarität
und wünscht sich deshalb „eine Stärkung des Forstsektors auch
in Brüssel“. Die einzelnen Umsetzungsmaßnahmen, meint auch
der Brüsseler Markus Holzer, dürften allerdings nicht zentral ge-
managt werden: „Wald bedeckt in den unterschiedlichsten Aus-
prägungen mehr als
40
Prozent der
eu
-Landfläche. Das führt zu
einer starken Abhängigkeit von regionalspezifischen Besonder-
heiten.“ Die mediterrane Macchie ist etwas anderes als der alpine
Nadelwald oder die skandinavische Taiga.
Was man allerdings schon könne, ja müsse: lernen von den Best-
Practice-Beispielen. „Österreich gilt vielen Ländern als Vorbild“,
sagt Gerhard Mannsberger und meint damit nicht nur den weit
beachteten partizipativen Prozess des Walddialogs, sondern auch
das Jahr des Waldes oder das europäische Waldabkommen, das
Ende
2013
abgeschlossen sein soll und das von österreichischer
Seite initiiert wurde. „Umgekehrt nutzen wir natürlich unsere
weltweiten Kontakte, um uns auch von anderen Ländern etwas
abzuschauen.“
Denn die Nachhaltigkeit – das wurde ja schon mit der Kodifizie-
rung des Begriffs vor
300
Jahren festgehalten – ist kein Zustand,
sondern ein Prozess.
Vera Sebauer
Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien,
Lektorin, Verlegerin, journalistische Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften,
u. a. für proHolz in „Wald Menschen Holz Köpfe“
Im Unterschied zur Agrarpolitik ist Forstpolitik kein gemeinsames Politikfeld der
eu
, sondern Angelegenheit der Mitgliedstaaten.
Dennoch wird die nationale Forstpolitik durch europäische Strategien, Aktionspläne, Richtlinien und Verordnungen direkt oder indirekt beeinflusst.
Vera Sebauer
1805
erster Forstkurs in Purkersdorf;
1813
wird die forstliche Meisterschule in
das fast leer stehende Augustinerkloster Mariabrunn verlegt.
1814 ⁄ 15
Ende des Wiener Kongresses: Zum Aufbau der Kriegsmarine werden große Mengen Holz benötigt. Josef Ressel (
1793– 1857
)
ist für die Aufforstung der Marinewälder zuständig, berühmt geworden ist er als Erfinder der Schiffsschraube.
1810
1815
1...,4,5,6,7,8,9,10,11,12,13 15,16,17,18,19,20,21,22,23,24,...32
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