„Mein Wald ist ein gut sortiertes Waren-
lager“
Was Waldbesitzer bewegt
Ein Baum allein macht noch keinen Wald. Erst wenn Hunderte
von Bäumen zusammenkommen, spricht man von einem Wald.
Erst dann entsteht dieser vielfältige und faszinierende Lebens-
raum, der zur Erholung dient, der einen wichtigen Beitrag zu
unserem Klima leistet, indem er Kohlenstoff bindet, der Lebens-
raum für Pflanzen und Tiere ist, Rohstofflieferant für Industrie
und vieles mehr. Wäre der Wald ein Wesen, dann würde man ihn
ein Multitalent nennen. Nur können sich die Menschen nicht
einigen, welches Talent des Waldes sie fördern sollen: Wie viel
darf er genützt, wie viel muss er geschützt, wie viel darf er be-
sucht werden und wie viele Nutzungen dürfen parallel stattfin-
den? Was die Süddeutsche Zeitung über den deutschen Wald
schreibt, gilt genauso für den österreichischen: „Fast jeder Bürger
möchte den Wald schützen, wenn man ihn fragt. Klar ist auch,
fast jeder wird sich Holz rausholen, wenn er darf.“ Der Wald ist
umkämpft und dieser Kampf ist mit vielen Emotionen verbunden.
Als Waldbesitzer kennt Felix Montecuccoli viele dieser Emotionen:
die der Naturschützer, die der Freizeitsuchenden – und natürlich
seine eigenen. „Extrempositionen gibt es bei jedem Thema, das
die Menschen bewegt“, sagt er, „ob das Tierschutz, Gesundheit
oder eben Wald ist.“ Der Wald der Montecuccolis ist seit
1628
in
Familienbesitz. Beim Besuch auf Gut Mitterau in der Nähe von
Sankt Pölten erzählt Hausherr Felix Montecuccoli aus der Fami-
liengeschichte. Auf den Ahnenbildern an der Wand gleich hinter
ihm sieht man jenen Montecuccoli mit seiner Frau, der im Dreißig-
jährigen Krieg als kaiserlicher General für Wallenstein gekämpft
hat und dem dafür mit der Herrschaft Hohenegg gedankt wurde.
Hoch über dem Tal ließ er sich eine Burg bauen. Im
18
. Jahrhun-
dert wurde den Montecuccolis die Burg zu kostspielig und sie
zogen ins Tal in das Haus, in dem Felix Montecuccoli mit seiner
Familie noch heute lebt. In den warmen Jahreszeiten strahlt es
herrschaftliche Großzügigkeit aus, im Winter dürfte es schwer zu
beheizen sein.
Zum Besitz gehören auch
400
Hektar Landwirtschaft und knapp
1.000
Hektar Wald. Felix Montecuccoli erntet jene Bäume, die
sein Vater und sein Großvater gepflanzt haben, seine Nachkom-
men werden die Bäume ernten können, die er gesetzt hat. Die
Forstwirtschaft ist ein langsames Geschäft: „Wir können in einer
Generation nicht den Wald verändern, wir können nur Initialzün-
dungen setzen“, sagt Felix Montecuccoli über seine Arbeit, die er
mit großer Sorgfalt und Nachsicht zu erledigen scheint.
„Wir können in einer Generation nicht den Wald verändern, wir können
nur Initialzündungen setzen“
Felix Montecuccoli
Dabei macht der Wald es den Montecuccolis nicht leicht: Alle
großen Stürme der letzten dreißig Jahre sind darüber hinwegge-
fegt und haben großen Schaden angerichtet. Nach den Stürmen
kamen die Borkenkäfer. Jetzt müssen auf großen Kahlflächen
wieder neue Pflanzen gesetzt werden, doch viele Triebe der jun-
gen Pflanzen sind vom Wild verbissen. Wenn diese Bäume über-
haupt groß werden, weisen sie meist keine besonders gute Holz-
qualität auf und sind weit weniger wert als ein nicht verbissener
Baum. Bei der nächsten Aufforstungsaktion hat Montecuccoli
deshalb einen Zaun um die Fläche gemacht, eine in der Forstar-
beit kostspielige und arbeitsintensive Angelegenheit.
Die Liste derjenigen, die seine Waldarbeit erschweren, ist aber
noch viel länger: Da sind die Wildschweine, die die Eicheln fres-
sen und so die natürliche Vermehrung der Eiche unterbinden,
da ist das Seegras, dass in seinen Wäldern wächst wie Unkraut.
Sobald ausreichend Licht auf den Waldboden fällt, kommt es
zutage und nimmt den jungen Baumpflanzen das Licht weg.
Montecuccolis Großvater konnte das Gras noch verkaufen. Doch
heute stopft keiner mehr seine Matratzen damit aus, und so
muss Montecuccoli oder sein Forstarbeiter zur Sichel oder gar
zu Pestiziden greifen. „Könnte man noch heute Nebenprodukte
aus dem Wald verkaufen, dann ginge es uns besser“, sagt Felix
Montecuccoli. Mit dem Verkauf von Holz kann er seine Investi-
tionen, die er in die Aufforstung und Pflege des Waldes steckt,
decken. Seine landwirtschaftlichen Flächen sind demgegenüber
viel rentabler. Die Waldbewirtschaftung macht er für die nach-
folgenden Generationen, denn erst die werden von seinen nach-
haltigen Maßnahmen profitieren können: „Ich möchte nicht
der letzte Montecuccoli gewesen sein, der den Wald bewirt-
schaftet hat.“
Anne Isopp
1864
Die Stadt Wien beginnt die Wasserversorgung der Großstadt Wien zu sichern, indem sie Hochquellenwasserleitungen
von der Rax und dem Schneeberg nach Wien legt und im Quellengebiet Wälder aufkauft.
1872
Gründung der k. k. Hochschule für Bodencultur, in die
1875
die k. k. Forstakademie Mariabrunn eingegliedert wird
1874
1865
1870
1875
Beginn des forstlichen Versuchswesens