zuschnitt 51 - page 21

Fritz Wolf lebt in Grünau im Almtal. Seine Familie besitzt in der
benachbarten Gemeinde Scharnstein
50
Hektar Wald und
4
Hektar
Grünland und zählt damit zu den Kleinwaldbesitzern. Etwa die
Hälfte des österreichischen Waldes ist in der Hand solcher Klein-
waldbesitzer. Früher, erzählt Fritz Wolf, konnten sieben Menschen
von so einem Bauernwald leben, heute kann das nur mehr eine
halbe Person. Fritz Wolf hat an der forstlichen Ausbildungsstätte
Ort in Gmunden unterrichtet, inzwischen ist er im Ruhestand und
hat den Wald seinem Sohn Christoph übergeben. Nach wie vor
bewirtschaften Vater und Sohn den Wald aber gemeinsam und
setzen auf eine schonende und, wie sie sagen, nachhaltige Wald-
bewirtschaftung. Chemische Hilfsmittel kommen ihnen ebenso
wenig in den Wald wie große Erntemaschinen, die so genannten
Harvester, und fremde Forstunternehmer. Sie machen alles selbst,
mithilfe kleiner Maschinen holen sie die Stämme einzeln aus dem
Wald. Wolf zitiert da gerne den
boku
-Professor Josef Spörk:
„Mein Wald ist ein gut sortiertes Warenlager.“ Wie bei einem gut
sortierten Lager wird auch hier nur das herausgenommen, was
gerade nachgefragt wird, nicht alles auf einmal. Die Wolfs fällen
die Bäume mit viel Sorgfalt und achten dabei besonders darauf,
dass die umstehenden Bäume nicht verletzt und der Naturver-
jüngung nicht geschadet wird.
1985
bestand ihr Wald noch zu
86
Prozent aus Fichte, seitdem reduzieren sie den Anteil langsam
auf zwei Drittel. Das ganze funktioniert fast von selbst, dank der
natürlichen Verjüngung, die hier möglich ist. Hört man Fritz Wolf
zu, wie er erzählt, mit welcher Mühe und Sorgfalt er und sein
Sohn den Wald bewirtschaften, dann fragt man sich, warum sie
20
21
Im Wald
zuschnitt
51.2013
sich das antun. Es würde ja auch einfacher gehen. „Weil der Wald
gesünder ist, stabiler und die Wasserqualität besser“, sagt Wolf,
„auch wenn wir für das Wasser keinen Cent bekommen. Und wir
glauben, dass diese Form der Waldbewirtschaftung eine höhere
Wertschöpfung bringt.“ Die wirtschaftlichen Zahlen scheinen ihrem
Ansatz recht zu geben: Während sie vor
30
Jahren noch
250
Fest-
meter Einschlag pro Jahr hatten, liegt dieser heute schon bei
500
Festmetern und das trotz Einzelstammentnahme.
Für die Groß- und Kleinwaldbesitzer sind auch die anderen Men-
schen ein großes Thema. Dass viele den Wald zu Erholungszwe-
cken aufsuchen, stört sie an sich nicht. Doch wenn wieder einmal
einer von ihnen einen Leittrieb ab- oder gar ganze Jungpflanzen
ausgerissen hat oder die „Betreten verboten“-Schilder, die Fritz
Wolf aufstellen muss, wenn er Bäume fällt, ins Tal geschmissen
hat, dann wünscht er sich die Zeit vor
1975
zurück, als das Betre-
ten eines fremden Waldes noch verboten war. Trotzdem sei auch
damals jeder in den Wald gegangen, erzählt Wolf, aber man habe
mehr Respekt gehabt. Seit
1975
erlaubt das Forstgesetz das Be-
treten jedes Waldes, und es werden immer mehr, die von diesem
Recht Gebrauch machen. „Die Leute akzeptieren kein Eigentum.
Sie wissen auch nicht, was dem Wald schadet“, sagt Fritz Wolf.
Seit vielen Jahren schon sucht er den Dialog mit der Bevölkerung
als Waldpädagoge. Er führt die älteste Waldschule Österreichs.
„Natur liegt voll im Trend“, weiß auch Georg Erlacher, Vorstands-
sprecher der Österreichischen Bundesforste, zu berichten. „Alle
wollen ins Grüne. Gleichzeitig stellen wir jedoch fest, dass das
Verständnis für Natur, ihre Vorgänge und Zusammenhänge immer
stärker abnimmt.“ Die Österreichischen Bundesforste bewirt-
schaften die republikeigenen Wälder –
15
Prozent des gesamten
österreichischen Waldes. Ein Baum lebt hier laut Erlacher im
Durchschnitt
124
Jahre, bis er geerntet wird. Der Auftrag an die
Österreichischen Bundesforste lautet, „ausreichend Rohstoff für
alle Anwendungsbereiche zur Verfügung zu stellen, ohne das
ökologische Gleichgewicht und den Haushalt der Natur zu beein-
trächtigen“. Dieser Anspruch, die Waldbewirtschaftung nicht
nur ökonomisch nachhaltig zu gestalten, sondern auch im Sinne
der Ökologie, ist schon im Forstgesetz verankert und vielen Wald-
besitzern in Leib und Blut übergegangen. Sie sprechen dann von
einer multifunktionalen Waldbewirtschaftung – auch wenn dies
immer wieder ein Spagat zu sein scheint: „Wir versuchen, den
Wald so ökonomisch wie möglich zu bewirtschaften“, sagt zum
Beispiel Felix Montecuccoli, „und so ökologisch wie nötig.“
„Die Leute akzeptieren kein Eigentum.
Sie wissen auch nicht, was dem Wald schadet.“
Fritz Wolf
1884
Gründung der Wildbach- und Lawinenverbauung nach Hochwasser
und Murenabgängen
1882
in Kärnten und Tirol
1891
erste k.k.Forstliche
Versuchsanstalt in Mariabrunn
1890
1880
1885
1...,11,12,13,14,15,16,17,18,19,20 22,23,24,25,26,27,28,29,30,31,...32
Powered by FlippingBook