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Bunter Haufen Zeilenweise

Eine Gruppe von Stadtmenschen schloss sich mit Architekt Johannes Kaufmann zur Errichtergemeinschaft zusammen und baute sich am Stadtrand von Dornbirn ein Reihenhaus aus Lärchenholz. Sie wohnen in einer Reihe, gegrillt und gefeiert wird gemeinsam. 

Auf den ersten Blick sieht man Dornbirn nicht an, wie sehr es boomt. Dabei ist der Vorarlberger Ort zur neuntgrößten Stadt-Agglomeration Österreichs angewachsen. Die Zuzugsraten sind hoch, die Wohnkosten auch. Anfang 2002 stieß der Architekt Johannes Kaufmann auf einen Baugrund am Falkenweg und hatte eine Idee. „Unser Ziel war, eine Errichtergemeinschaft zu bilden und selbst zu bauen, statt teure Mieten zu zahlen. Ursprünglich sollten es nur simple Kisten zum Selbst-Ausbau sein.“ 

Die acht gleichfalls interessierten Wohnungsanwärter waren damals zumeist Singles oder Pärchen. Dann kamen allerdings die Kinder, und aus den Yuppie-Boxen wurde nichts. Dafür standen kein Jahr später neun zweistöckige Passiv-Reihenhäuser am 50-Meter-Stück schlüsselfertig, in einer Zeile, mit kontrollierter Wohnraumbelüftung und sehr viel Garten da.  

Gerade drei Monate betrug die Bauzeit. Das ging nur, weil es ein reiner Holzbau ist. Jedes Reihenhaus ist fünf Meter breit und zehn Meter tief. Selbst die Trennwände sind aus Holz, deshalb können sie so nah zusammenrücken. Damit sie das auch durften, wurde das Vorarlberger Baugesetz geändert, das bis dato massive Brandwände an Grundgrenzen vorschrieb. Dafür klopfte man das Holz besonders fest auf Feuerbeständigkeit ab. „Wichtig waren uns ein geringer Energieverbrauch und ein sparsamer Umgang mit Grund und Boden“, betont Kaufmann.  

Die Loft über dem Stiegendurchgang gehört allen. „Brasil“ steht unter der blau-grün-gelben Flagge am Türglas. „Hier ist ein Stück Brasilien,“ lacht das Au-Pair-Mädchen Renata. „Nicole meint, es ist ein Stück Paradies.“  

Johannes Kaufmann wohnt im letzten Haus am Ostende. Viele kleine Paar Schuhe stehen in der Garderobe, Flaschen und Bücher schweben über der weißen, offenen Küche. Zwischen die Treppenstufen fällt Licht, oben gibt es Fichtenparkett und einen Arbeitsplatz, dessen Raumökonomie jede Kombüse vor Neid erblassen lässt. Dafür ist das oberlicht-helle Bad umso größer, das Schlafzimmer von der Südwestsonne geflutet und sein Balkon auch. „Ich hab heute Geburtstag, stimmt’s, Mama?“ kräht Wenzel. Vier Jahre ist er jetzt, also sitzt Johanna Kaufmann auf dem Boden und baut eine Ritterburg. An der Wand hängt das erste Porträt, das er von ihr malte: in schwarzem T-Shirt und blauen Jeans. Stimmt genau. Bruder Lorenz schaut zu, durch die offene Tür schlüpft der Bub vom Nachbarn herein. Aus dem Garten scheint die Sonne auf die versunkene Gruppe, draußen wachsen Brombeeren. Ferdinand und Isidor brachte der Osterhase, jetzt hoppeln sie im Gras.  

Das Erdgeschoß liegt etwas höher, damit die Bodenplatten aus massiver Lärche nicht feucht werden. Kleine Stege führen hinauf. Im ersten Haus wohnen Andrea und Christian Redolfi. Ein echter Ganesha aus Indien wacht über ihrem Entree und bringt Glück auf den Weg. Am stillsten Ort hängt ein Foto vom Straßenleben in Tokio, „mein Lieblingsbild“, sagt Andrea. Im Schlafzimmer – „mein Lieblingszimmer“ – hängt es noch einmal, größer. Fast alles hier ist sparsam weiß, auch der geölte Ahornboden, die Stiege mit dem dimmbaren Licht und die Schrankwand vom Tischler. Das Bad ist kleiner als die anderen, dafür gibt es umso mehr Freiraum an der Treppe. 

Tee aus Japan, Kräuter und schicke, orange Stühle aus Holland zieren die puristische Wohnküche. Orangefarben ist auch die schöne Francis-Espressomaschine. „Als wir von diesem Projekt erfuhren, waren wir in Holland. Bei einer Flasche Wein haben wir dann entschieden mitzubauen.“ Die Pläne kamen per Mail nach Breda, Haus und Grund sahen sie gar nicht. Es klappte aber auch so. „Wir freuen uns über die soziale Nähe. Das war in Holland auch so ähnlich.“  

So sitzen sie wieder bei einer Flasche Wein, diesmal auf der eigenen Terrasse. Im Tontopf wächst Rosmarin, im Gras liegen Schuhe und Socken von nebenan. Nachbarin Manuela holt sich ein paar Kräuter, dann wird gegrillt. „Wir sind ein bunter Haufen“, sagt Andrea. „Wir halten zusammen, feiern, kochen und spenden einander Trost. Es ist schön, gemeinsam zu wohnen.“

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