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Lass die Sonne rein

Im Osttiroler Grenzort Sillian planten zwei Architektenteams ein Alters- und Pflegeheim. Nicht Ausgrenzung, sondern Dabeisein ist das Motto des Baus. 

Irgendwann kommt die Zeit, wo einen Kopf und Beine nicht mehr so sicher durchs Leben tragen, der Freundeskreis sich langsam lichtet und nichts mehr selbstverständlich ist. Dann wird der Alltag in den eigenen vier Wänden zur Tortur, und es ist gut, dass es Orte gibt wie das Alters- und Pflegeheim in Sillian. »Uns war die Verbindung zum Leben sehr wichtig«, sagen die Architekten Martin Mittermair, Veit und Andrea Pedit-Bodvay, die es mit viel Umsicht geplant haben. Menschen am Ende ihres Lebens sind fragile Wesen. Es ist nicht leicht, die gewohnte Umgebung gegen einen Heimplatz zu tauschen. Viele sind bettlägrig und pflegebedürftig, auch sie wollen in der Sonne sitzen, die Berge sehen, ein Vollbad genießen, gut essen, mit anderen plaudern oder einfach für sich sein. 

Das Gebäude ist großteils mit dunkelbraunem, verleimtem Schiffssperrholz verkleidet, das nicht verwittert, glatt bleibt und immer gepflegt wirkt. Hier kann man kaum in die Irre gehen, alles ist übersichtlich, es gibt sonnige Ein- und Zweibettzimmer mit warmen Holzmöbeln und eine Menge Orte, an denen man das Treiben rundherum beobachten kann. »Wir wollten, dass sich unsere Bewohner wohl fühlen«, so Franz Webhofer, der Verwalter der Osttiroler Wohn- und Pflegeheime. Mit ihm wurde die Planung bis hin zu den rutschfesten Griffen und schwenkbaren Spiegeln in den behindertengerechten Bädern feinabgestimmt. 

Altwerden gehört zum Leben: Das Altersheim steht mitten in Sillian. Der Straße am Gerberbach zeigt es die Nordseite mit Küche, Versorgungs- und Nebenräumen, das ist praktisch für die Anlieferung. An einer Glastür kleben drei attraktiv ondulierte Schöne aus den fünfziger Jahren: Hier macht eine Mitarbeiterin, die ausgebildete Friseurin ist, den BewohnerInnen die Haare. »Viele Menschen haben einen starken Bezug zur Religion«, sagt Franz Webhofer, »die Kapelle in unserem Haus ist ein wichtiger Ort für sie.« Sie liegt im Obergeschoß, ragt als sachtes Oval aus der Fassade und ist von einem Rankgitter umgeben. In die Decke ist ein kreuzförmiges Oberlicht eingelassen, durch das der Himmel sichtbar wird. Von der Terrasse und der lichten Nische am Gang sieht man zudem die Pfarrkirche von Sillian. Viele erleben so einen weiteren religiösen Bezug und eine Einbindung in die Gemeinde.

Die Südseite wendet sich mit offenen Armen einer Siedlung mit Kindergarten, der vertrauten Bergwelt und den Besuchern zu. Ein Arkadengang aus Chloritschiefer führt vom Parkplatz zum gläsernen Foyer, in seine Seitenwand ist ein Sichtfenster eingeschnitten, darunter gibt es eine lange Holzbank. Die Senioren sitzen auch gerne auf der Sonnenterrasse vor den Seerosen am Biotop. Hier sehen sie schon von weitem, wer kommt, und sie können sich in den unmittelbar benachbarten Aufenthaltsraum zurückziehen, wenn ihnen zu heiß wird. 

In der Cafeteria befindet sich ein Engelfresko aus dem alten Kindergarten. Hier hat man alles im Blick: den Eingang, die Galerie vom gläsernen Stiegenhaus, ein Stück Dorf, ein Stück Garten und die Besucher. Wer noch rüstig genug ist, kann durch die Hintertür in den Ort. »Ich mach jetzt meinen Spaziergang«, sagt Anton Hainzer fröhlich. Jeden Tag geht der drahtige, wettergegerbte Achtzigjährige in die Natur. 

Frau Kofler sitzt bei der Jause. »Mir geht nichts ab.« Fotos der Tiroler Alpen zieren die Aufenthaltsräume, Fotos von der Familie die Zimmer. Jede Tür hat ihr Namensschild, jedes Zimmer eine Sitznische am Gang. Die voll verglaste Südseite bringt die Sonne und das Gebirge direkt an die Betten. Die lassen sich zudem auf die Terrassen oder Loggien schieben, und durch die ausgeschnittenen Vordächer fällt ein Stück Himmel. »Ich war etwas besorgt wegen dem vielen Glas, weil das diese Generation nicht so kennt«, sagt Franz Webhofer. »Aber alle sind begeistert: Endlich Licht!«

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