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Pfahlbau mit Heiztorpedo

Massiv passiv: Die größte Passivhaus-Wohnanlage Österreichs beeindruckt durch raffiniert einfache HiTech-Systeme. Der Salzburger Wohnbauträger „Heimat Österreich“ hatte das Projekt im Jahr 2003 österreichweit ausgeschrieben. Sieger wurde die sps-architekten GmbH (Architekt Simon Speigner als Generalplaner und Meiberger Holzbau als Generalunternehmer). Heute steht Samer-Mösl im Salzburger Stadtteil Gnigl auf festen Pfählen im Restmoor: die größte Passivhaus-Wohnanlage Österreichs, eine geschlossene Einheit aus drei lang gestreckten Wohneinheiten. 

Dass hier etwas anders gedacht wurde, merkt der Besucher schon daran, dass sein Auto draußen bleiben muss. Dafür ergeben die halb transparenten Lichteinlässe der unterirdischen Garage eine Abendbeleuchtung entlang der Gehwege. Und die schwungvolle Abfahrt zu den Garagenplätzen lockert auch den Gesamteindruck auf. 

Ein durchgehender Erfolg ist dem Projekt auch in bauökologischer Hinsicht bereits zu bescheinigen. Schließlich kann man auf volle 1000 Umweltpunkte verweisen sowie auf die Verleihung des ersten Rosenheimer Holzbaupreises, und zwar von der Fach- wie auch von der Publikumsjury.  

Die Generalausrichtung der drei Riegel von Südwesten nach Nordosten ermöglicht tagsüber Besonnung für jeden Raum, so dass alle Fenster passiv beaufschlagt werden. Damit vermied man die übliche Passivhausgestaltung (nach Süden geöffnet, nach Norden verschlossen) zugunsten einer gleichförmigen Ausrichtung nach allen Seiten. 

Nur Keller (samt Tiefgarage als Fundament ausgeführt) und das Stiegenhaus-Skelett sind aus Stahlbeton gestaltet. Somit, und durch gezielte Überdimensionierung der Holzteile, konnte der Brandschutzvorschrift Genüge getan werden. An den massiven Kern wurden so genannte Kreuzlagenholzplatten angebracht. (Die Firma Meiberger Holzbau hatte dafür 8.000 Quadratmeter zur Verfügung gestellt, samt vormontierter Fassade. Für die Decken waren abermals 4.500m2 fällig.)  

Bemerkenswert ist, dass die schwierige Moorlage einen Aufbau auf schwimmenden Pfählen erforderte. „Eine halbe Million Euro wurde in den Boden gesetzt“, sagt DI Simon Speigner. „Wenn man den Vergleich mit Venedig ziehen möchte, so muss ich darauf sagen: In Venedig ruhen die Pfähle auf festem Grund. Aber hier haben wir sie wie Zahnstocher in den weichen Boden gesteckt. Nur die Seitenreibung der Pfähle sorgt für die nötige Stabilität.“ Hier kam natürlich das gegenüber Beton um ein Drittel geringere Holzgewicht günstig zum Tragen. „Der angrenzende Bach schwillt bei Hochwasser schnell an. Deshalb mussten wir für Abflussmulden sorgen, die das Wasser gleich ins Moor ableiten. Zudem sind die Erdgeschosswohnungen um dreißig Zentimeter über Grundniveau.“ 

Was nun Ökologie, Nachhaltigkeit, Energie-Effizienz und ressourcenschonendes Bauen betrifft, so bezieht sich die Güte des Gebäudes nicht nur auf den nachwachsenden Rohstoff Holz, sondern auch auf die Gründächer, Regenwassernutzung durch Zisterne, eine natürlich belüftete Tiefgarage, zellulosegedämmte, atmungsaktive Außenwände, Passivhausfenster in Holz und energiesparende Geräte samt wassersparenden Armaturen. Für hygienischen Luftwechsel sorgen Lüftungs-Kompaktgeräte mit Wärmetauscher in jeder Wohneinheit.  

Damit kann der minimale Restenergiebedarf zur Wohnungsbeheizung abgedeckt werden. Der ist deshalb so gering, weil die zentrale Wärmeversorgung über eine Solaranlage mit 200m2 Nutzfläche erfolgt, die jährlich um die 70.000 Kilo- wattstunden oder mehr erbringen soll. (Für Härtefälle steht ein Pellets-Kessel mit 100 Kilowatt zur Verfügung.)  

Das Herzstück der Energieversorgung ist ein riesiger, ins Gebäude integrierter Pufferspeicher, 11 Meter hoch, 1,60 dick, der 22.000 Liter Wasser birgt. Wie ein riesiger senkrechter Torpedo ragt der nach oben, allerdings gut versteckt und friedlich. Als Wärmetauscher wurde nicht das übliche externe Plattensystem verwendet, sondern erstmals ein interner dreistufiger Glattrohr-Tauscher, der höchste Effizienz garantieren soll.  

Dietmar Stampfer vom Ingenieurbüro für Gebäudetechnik erklärt dazu: „Wir schafften durch diesen Puffer mit einfachsten Mitteln fünfzig Prozent höhere Energieerträge. Wir sind euphorisch über den Riesenerfolg der Anlage. Wir können die Werte laufend online abrufen, Energiebuchhaltung und Wartung geschehen ferngesteuert über Internet.“ Es handelt sich bei der Neuheit um einen internen Wärmetauscher mit integriertem Schichtspeicher. Im Grunde, so Stampfer, „lassen wir nur die Physik für uns arbeiten: Heißes Wasser steigt auf, kaltes sinkt ab. Alle Energie geht direkt ins Heiz- und Warmwasser hinein. Statt der vorgeschriebenen 350 kW pro Quadratmeter pro Jahr erreichen wir 450, und mittlerweile peilen wir schon die 500 an!“  

Eine Schwierigkeit und ein gewisses Risiko für alle an der Neuerung Beteiligten lag darin, dass das System nicht als Modell ausgeführt werden konnte, sondern nur in der wahren Größe funktionieren kann. „Wir haben ein halbes Jahr nachjustiert, bis wir die optimalen Werte erzielen konnten. Jetzt ist der Wärmetauscher mit variablen Wassermengen und Schaltpunkten völlig frei programmierbar.“  

Und er funktioniert. Kein Wunder, dass es in der Baubeschreibung lapidar heißt: „Auf Grund der zu erwartenden geringen Energieverbrauchszahlen konnte auf eine herkömmliche gesetzlich vorgeschriebene Heizkostenabrechnung mittels Gutachten verzichtet werden.“

Quelle:

RONDO Spezial; Holz auf dem Weg, Oktober 2007

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