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Schlaraffenland mit Bonuspunkten

Holz entpuppt sich als wahres Multitalent – auch in puncto Kosten.

Wohnen in Holz? Noch immer rümpfen viele Österreicher die Nase. Die Baukosten selbst sind zwar ein wenig höher als im Massivbau, doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich Holz als wahres Multitalent – auch in puncto Kosten.

Wer bei Cola und Popcorn im Kino auf den Film wartete, konnte es erfahren: „Holz ist genial.“ So lautete die gerappte Botschaft von proHolz Austria, der Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Holzwirtschaft, die die Werbekampagne lancierte. Der kritische Cineast aber fragte nach: Warum ist denn Holz so genial?

Um etwaigen Illusionen vorzubeugen: Bauen mit Holz ist in Österreich nicht billig. Wer die günstige Schiene fahren möchte, der ist – kurzfristig betrachtet – in einem Beton- oder Ziegelbau besser aufgehoben. „In der Regel kann man sagen, dass ein Holzwohnbau im Vergleich zum Massivbau etwa 6 bis 10 Prozent teurer ausfällt“, sagt Wilhelm Zechner, Direktor der Gemeinnützigen Wohnungsaktiengesellschaft Sozialbau AG.

Er muss es wissen, baute er doch vor einiger Zeit in der Wiener Spöttlgasse einen Holzwohnbau mit insgesamt 112 Wohnungen. „Wir haben in dieser Wohnanlage eine durchschnittliche Monatsmiete von 7,32 Euro pro Quadratmeter, das liegt durchaus im Rahmen der üblichen Mieten in dieser Gegend“, erklärt Zechner, „bei herkömmlicher Bauweise in Ziegel oder Beton wäre die Miete wahrscheinlich um 30 bis 35 Cent billiger gewesen.“ Bei einer 100-Quadratmeter-Wohnung macht die Differenz ganze 30 Euro aus.

Bedenkt man, dass man damit eine gute Tat für Mutter Erde leistet, ist der Beitrag zu verschmerzen. Denn selbst wenn Bauen mit Holz ein etwas kostspieligeres Unterfangen ist, so schlummern in diesem Baustoff auf lange Sicht gesehen doch wahre Finanz- und Umweltpotenziale.

Im Gegensatz zu massiven Werkstoffen muss Holz nämlich nicht erst produziert werden – es reicht eine Axt oder eine Motorsäge. Ein weiterer Vorteil liegt im geringen Gewicht. Damit erweist sich auch der Materialtransport zwischen Wald, Sägewerk, Zimmerei und Baustelle als günstiger und umweltschonender. „Der ökologische Aspekt der Holzwirtschaft wird immer noch zu wenig in den Vordergrund gerückt“, betont der grüne Landtagsabgeordnete Christoph Chorherr, „Zement und Ziegel sind in der Produktion sehr energieintensiv, doch Holz ist nichts anderes als umgewandelte Sonnenenergie.“

Günstiger wird auch das Wohnen. Da Holz per se bereits eine gute Wärmedämmung ist, sinken die Betriebskosten. Das Wohnbauvorhaben Mühlweg in Wien-Floridsdorf ist teilweise in Passivhaus-Bauweise errichtet. Im Bauteil der Vorarlberger Architekten Dietrich|Untertrifaller staunten die Bewohner nicht schlecht, als nach dem ersten Winter die Heizkosten auf der Rechnung nicht aufschienen. Das Haus ist so gut gedämmt und isoliert, dass an manchen Wintertagen die kontrollierte Wohnraumbelüftung und die Wärmeemissionen von ein paar Menschen schon ausreichen, um die Wohnräume auf gemütliche 22 bis 24 Grad aufzuheizen. Sitzen einmal zehn Personen beim feierlichen Dinner zusammen, dann muss man selbst an herben Winterabenden schon mal zum Fenster gehen und durchlüften, auf dass die entstandene Hitze wieder entweiche. Aus ökonomischer Sicht klingt das wie Schlaraffenland.

„Dass derartige Wohnbauprojekte in Holz möglich sind, liegt nicht zuletzt an der guten Arbeit der österreichischen Holzindustrie und der Behörden, die sich als kooperativ herausgestellt haben“, sagt Chorherr. Seit der Bautechniknovelle 2001 ist es in Wien erlaubt, selbst in der Stadt mit Holz zu bauen – bis zu vier Geschosse sind möglich. Im Vergleich: Die restlichen Bundesländer haben ihre Grenze vorerst bei drei Geschossen angesetzt. Warum so restriktiv? Die bauphysikalischen Bedenken scheinen immer noch nicht aus dem Weg geräumt. Die Angst bezüglich Brandschutz und schlechter Schallschutzwerte liegt der Bevölkerung noch in den Knochen.

„In Holz zu bauen, ist in den Köpfen der Menschen noch nicht weit verbreitet“, erklärt Architekt Johannes Kaufmann, „daher bedarf es noch etlicher Aufklärungsarbeit.“ Vorarlberg gilt schon seit mehreren Generationen als Vorreiter, wenn es um Holzbau geht. Mit einer neuen Wohnbauförderung, die 2002 in Kraft getreten ist, wird man seinem guten Ruf ein weiteres Mal gerecht. Das neue Wohnbauförderungsmodell basiert auf einem Punktesystem, in dem unterschied- liche Faktoren wie beispielsweise Materialien, Bauweise, Baulogistik, Energiekennwerte und Barrierefreiheit bewertet werden. Je nach Erfüllung bestimmter Schwellenwerte landet man in der Regelförderung oder aber in den Förderklassen Öko 1, Öko 2 oder Öko 3. Ein paar hübsche Bonuspunkte gibt es auch für den Baustoff Holz.

„Wenn man sich das Vorarlberger Förderungsmodell anschaut, dann merkt man, welch ungeheure Kraft und welchen Einfluss die Politik aufs Bauen haben kann“, sagt Kaufmann. Allein durch die Begünstigungen der restriktiven Förderpolitik sei es in Vorarlberg gelungen, die Schadstoffemissionen merklich zu reduzieren und umweltschädliche Baustoffe nahezu gänzlich aus dem Verkehr zu ziehen. Kaufmann: „Materialien, die Halogene enthalten und FCKW–hältige Schaumstoffe wird man in Vorarlberg heute nicht mehr antreffen. Die Industrie hat begriffen, dass sie mit diesen Baustoffen in Vorarlberg keine Kundschaft mehr hat.“

Wie wird ein derartig innovatives Fördermodell aus der Sicht anderer Bundesländer wahrgenommen? „Im Osten von Österreich hinken wir hinterher“, so Chorherr, „die Wohnbauförderung hat ungeahnte Potenziale, die es zu nutzen gilt.“ Um das zu erreichen, dürfe man nicht locker lassen. Das bedeute: „Vorzeigeprojekte, Vorzeigeprojekte, Vorzeigeprojekte!“ Doch den größten Nachholbedarf ortet Chorherr in der Bauforschung: „Die Bauindustrie nimmt einen ungeheuren Teil in der Wertschöpfungskette ein, der Forschungsbedarf ist also enorm.“ Tatsächlich aber stelle sich die österreichische Bauindustrie als wenig innovativ heraus, die Forschungsquote sei für so einen enormen Wirtschaftszweig schlichtweg zu gering.

Klaus Peter Schober von der Holzforschung Austria lässt dies nicht auf sich sitzen: „Im Bereich von Brandschutz und Schallschutz haben wir in den letzten Jahren beachtliche Ergebnisse erzielt.“ Vor allem beim Schallschutz – jahrelanges Sorgenkind der Holzbauer – sei man heute bereits in der Lage, dem Massivbau ebenbürtige Modelle anzubieten. „Das einzige, das sich unterscheidet, ist die Bauweise“, sagt Schober, „nun liegt es an den Architekten und Bauträgern, die neuen Erkenntnisse aufzunehmen und umzusetzen.“

Was für den Bewohner bleibt, ist ein stimmiges Bild vom Bauen in Holz. Es stimmt also: Holz ist genial. Allein, der Anteil an Holz in der österreichischen Bauindustrie ist bis heute erschütternd gering. Bei den Einfamilienhäusern erreicht man in einigen Regionen Österreichs bereits ein paar Prozent, der mehrgeschossige Wohnbau siecht jedoch im Promillebereich dahin.

Wieviel könnte man denn eigentlich in Holz bauen, bis ein kritischer Wert erreicht ist? Unter der Annahme, dass alle es tun, würde doch eines Tages der Baumbestand abnehmen und es gäbe zu wenig Flora, um das viele Kohlendioxid wie- der in Sauerstoff umzuwandeln. Wäre das dann nicht der perfekte CO2-Super-GAU? Da lachen die Experten. Dieser Fall ist in Österreich utopisch.

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