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Waghalsige Wohlfühlzone

Waghalsige Wohlfühlzone

von Stefan Tasch

Wolfgang Gantner, Ali Janka, Florian Reither und Tobias Urban penetrieren seit über zehn Jahren erfolgreich die schönen Künste. The artists formerly known as Gelatin, nunmehr gelitin, mischen Performance mit dem Schaffen von Erlebnis- und Erinnerungswelten. Das Eintauchen in den gelitin-Kosmos verlangt vom Besucher nicht nur Kontemplation, sondern auch Körpereinsatz oder zumindest eine gewisse mentale Stärke.

Legendär ist etwa der 1999 in Los Angeles gebaute „Human Elevator“, in dem Benutzer von auf einem Gerüst überein- ander platzierten Bodybuildern in Sekundenschnelle über mehrere Stockwerke hochgezogen wurden. Das Gegenstück dazu fand 2001 in München statt, als man in „Schlund“, nackt und glitschig eingecremt, über zehn Meter von oben nach unten durch dickbeleibte Frauen und Männer rutschen durfte. Nichts für sensible Pflänzchen.

Die vier Künstler arbeiten aber auch mit nicht lebenden, statischen, bereits gebrauchten Materialien. Die Architektur ihrer Arbeiten ist einer der wichtigsten Bestandteile ihres Gesamtkonzepts. Den ersten größeren Bau, „Percutaneous Delight“, stellten sie 1998 im PS1 Contemporary Art Center in New York fertig. Sie errichteten als Kernstück einer Wohlfühlzone einen aus alten Möbeln zusammengezimmerten Turm, der begehbar war und obendrein noch eine Aussichtsplattform bot. Als Kühlraum wurden daneben ein paar Kühlschränke zu einer igluartigen Konstruktion zusammengestellt, die neben einem aufblasbaren Pool für zusätzliche Abkühlung und Erfrischung sorgte.

Die architektonischen Interventionen von gelitin sind waghalsig, sie pushen die Limits der Statik zum Äußersten, bauen etwa ganze Hochschaubahnen in Galerien („Otto Volante“, Mailand). Auch der „Flaschomat“ in St. Gallen zählt zu den verrückteren Konstruktionsideen der Gruppe: Menschen wurden über ein Verschubsystem in einen mit tausenden Pet-Flaschen gefüllten Raum geschossen.

Den bislang radikalsten Eingriff in bestehende Architektur erzielten gelitin jedoch 2000 mit „The B-Ting“. Ein Jahr vor dem Kollaps des World Trade Centers hebelten die vier Künstler in einem der Türme im 91. Stockwerk das Fenster ihres Ateliers aus, um für 20 Minuten auf einem eigens gezimmerten Balkon die Freiheit und das Glück eines selbst geschaffenen Raumes zu zelebrieren.

www.gelitin.net
www.ps1.org