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Essay – Holzbauland Österreich

erschienen in
Zuschnitt 99 Lernen vom Denkmal, Februar 2026

Ein südamerikanischer Medizinmann antwortete auf die Frage, woher er sein Wissen über die Pflanzen habe, er sei ein Jahr lang in den Wald gegangen, da hätten ihm die Pflanzen alles über sich erzählt. Vielleicht sollten wir wieder einen Baum befragen, den wir vor lauter Wald nicht mehr sehen. Das kleine Holzbauland Österreich ist zu seiner heutigen ­Größe auf einem fruchtbaren Boden gewachsen, wie ein Baum mit vielen Wurzeln. Viel Wald, eine jahrhundertelange Holzbautradition, experimentierfreudige Handwerker:innen und handwerkliche Architekt:innen, findige Forscher:innen und Maschinenbauer:innen und nicht zuletzt risikobereite Unternehmer:innen waren der Humus. Jetzt wächst der Baum in ungeahnte Höhen mit weit ausgreifenden Ästen. Große, spektakuläre Projekte machen den neuen Holzbau weltweit bekannt und ermöglichen den Aufbau enormer Produktions­kapazitäten. Und jetzt?

Die Industrie drängt naturgemäß auf Anwendung in möglichst großem Maßstab. Im daraus erwachsen­den Verdrängungskampf mit den etablierten Materialien hat das Holz alle ökologischen Argumente auf seiner Seite. Ökonomisch kämpft der neue Holzbau mit einer Hand auf den Rücken gefesselt. Beim Brandschutz bestehen für Holz immer noch große Hürden. Und Brandschutzgutachter:innen, die einem da als Planer:innen weiterhelfen können und wollen, sind rar. Die ökonomisch logische Fixierung auf einen Absatz bei möglichst großen Projekten birgt die Gefahr, Bauformen, die mineralischen Bauweisen entsprechen, zu imitieren und sich der originären Möglichkeiten des neuen Holzbaus gar nicht erst bewusst zu werden. Die Stärke des neuen Holzbaus liegt in seiner Einfachheit. Er überwindet die allzu große Leichtigkeit und kritische Vielschichtigkeit des ­alten Holzbaus. Was heißt das für Planer:innen und Zimmerleute?

Die enormen Möglichkeiten des Holzbaus sind vielen Zimmerleuten und Architekturschaffenden noch zu wenig bewusst, vor allem die Freiheit, sich von den Raumformen des traditio­nellen Massivbaus zu lösen: schwebende, schattenspendende Flächen, offene, fließende Räume, eine minimierte vertikale Tragstruktur aus Scheiben und Stützen, die eine flexible Nutzung ermöglicht. Nicht einmal an die Orthogonalität ist der neue Holzbau gebunden. Nur gewölbte Flächen kann Holz schlecht. Das führt zu einer vernünftigen Arbeitsteilung der Materialien statt zu einem kurzsichtigen Verdrängungswettbewerb.

Wäre nicht Lehm ein natürlicher Bruder des Holzes? Was wäre der Holzbau ohne Stahl? Ist Beton nicht auch ein unverzichtbarer Schwerarbeiter? Nicht zu vergessen das Glas, das Nichts zwischen Kälte und Behaglichkeit. Könnte Holz mit den vielen Helfer:innen zum Angelpunkt einer neuen Architektur werden?

Der Holzbau ist prädestiniert dafür, die Reserven der Städte auf dem Bestand zu nutzen, in einer Qualität, die wenig zu wünschen übriglässt, und ohne dabei lebensnotwendige Freiflächen zu opfern. Brettsperrholz kann auch auf dem Land zu einer besseren Nutzung von Bauland beitragen, wenn dem Einfamilienhaus ebenbürtige, dichte Flachbauweisen, die eine lange europäische Geschichte haben, wiederentdeckt und weiterentwickelt werden, entworfen als Atrium­häuser mit kleinen, diskreten Gärten und verkehrsfreien, halböffentlichen Erschließungsräumen, die vielfältig nutzbar sind. Eine solche Siedlungsstruktur ist zwar nur halb so dicht wie eine Blockbebauung, aber doppelt so dicht wie eine Einfamilienhaussiedlung. Die wenigen gebauten Beispiele werden heiß geliebt. Zeigt uns ein Baum nicht, kein Land zu verbrauchen, es nur zu leihen?

Der neue Holzbau kann für eine größere Naturnähe stehen, nicht nur wegen seiner einzigartigen öko­logischen Vorteile. Wir heben ein Stück Wiese an, um darunter Schutz zu finden wie unter einem großen Baum. Ein gefälleloses Umkehrdach aus Brettsperrholz, ein einfaches Vlies, darauf 10 cm gesiebter Humus und der natürliche Samenflug genügen für ein intensiv begrüntes Dach, das jederzeit sich selbst überlassen werden kann. Das Holzbauland Österreich hat Weltformat bei der Entwicklung und Produktion von Brettsperrholz und bei den damit verbundenen Technologien. Es ist Auf­gabe der Zimmerleute, Planer:innen und Archi­tekt:in­­nen, den neuen Holzbau weiterhin auf dem Weg zu einer breit gelebten Handwerks- und Baukultur zu entwickeln und zu fördern. Wir können unsere handwerkliche Virtuosität ausspielen und vorangehen. Dann kann das Holz in der Zukunft ­Österreichs und als Gebäude im Leben der Menschen immer selbstverständlicher werden. 


verfasst von

Wolfgang Pöschl

lebt und arbeitet als Architekt in Tirol.