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Hauptsitz Triodos Bank in Zeist

erschienen in
Zuschnitt 88 Reuse und Recycling, März 2023

Daten zum Objekt

Standort

Zeist/NL Google Maps

Bauherr:in

Triodos Bank, Zeist/NL

Architektur

Rau architects, Amsterdam/NL, www.rau.eu

Statik

Aronsohn, Rotterdam/NL, www.aronsohn.nlLüning B.V., Arnhem/NL, www.luning.nl

Holzbau

Derix GmbH & Co., Niederkrüchten/DE, www.derix.de

Fertigstellung

2019

Typologie

Banken und Börse

Vordenken statt ­nachdenken – Zirkularität als Planungsansatz

Der Hauptsitz der Triodos Bank steht auf einem Landgut in Zeist, östlich der niederländischen Stadt Utrecht. Mitten im Wald erheben sich drei rundliche Türme mit zwei, drei und fünf Geschossen aus einem gemeinsamen Sockel. An den Berührungspunkten scheinen sie wie Wassertropfen ineinanderzufließen. Durch die großen Glasfassaden im Foyer ist eine Holzkonstruktion zu sehen, die an einen überdimensionierten Champignon erinnert. Von außen nicht erkennbar ist dagegen, dass das gesamte Gebäude aus trocken gefügtem Holz, Stahl und Glas besteht und komplett remontabel ist. Exakt 165.312 Schrauben stecken im Bürobau, der vom Architekturbüro Rau aus Amsterdam entworfen wurde. Das weiß man so genau, weil alle verwendeten Einzelteile in der Madaster-Datenbank, einer Art Online-Kataster für ­Materialien, der vollständig in BIM integrierbar ist, erfasst wurden. Mit diesem in jeder Hinsicht zirkulären Hauptsitz wollte die Triodos Bank ihr Profil als nachhaltigste Bank der Niederlande stärken.

Betritt man das Bankgebäude, findet man sich unter dem Lamellenpilz wieder. Das lichtdurchflutete Foyer mit Restaurant bietet eine Rundum-Aussicht in den Wald. In der Mitte des Raums ist das Haupttragwerk aus gebogenen, L-förmigen Bindern aus 240 mm starkem Brettschichtholz erkennbar, die in hölzerne Lamellen­decken übergehen. Im Fuß des Pilzes sind Treppenhäuser, Liftschächte, Toiletten und Teeküchen untergebracht. Auch in den Bürogeschossen mit flexiblen Arbeitsplätzen für 600 Mitarbei­ter:innen bestimmen überall Holz und Glas das Bild. Gipskarton oder Tapeten sucht man vergeblich, denn es wurden kaum Blendmaterialien verwendet. Mit Ausnahme des betonierten Kellergeschosses, der Aluminiumprofile und des stählernen Ringbalkens, der die Glasfassaden trägt, besteht das ganze Gebäude aus Holz, das mittels dreifacher Keilzinkenverbindungen und 25 bis 50 cm langer Schrauben ­trocken gefügt wurde. Insgesamt verbaute die Holzbaufirma ­Derix 2.632 m3 Holz. Aufgrund der Erfassung mittels Madaster hat das Gebäude einen Materialpass, in dem der Wert aller ­Einzelteile nach ­Demontage zu sehen ist – tagesaktuell wohl­gemerkt, denn der Wert des gesamten Baus wird täglich auf 
Basis historischer Daten und aktueller Börsendaten berechnet. Derix hat für das Holz sogar eine Rücknahmegarantie gegeben.

Die Madaster-Plattform geht ebenfalls auf eine Initiative von Rau Architects zurück. Thomas Rau will Gebäude nicht mehr als Kon­sum­produkte, sondern als lebendige Materialbanken begreifen. Mit dem Materialpass sollen Nachhaltigkeitsbehauptungen greif- und messbar werden. Natürlich hat das auch einen Effekt auf den Entwurfsprozess, denn die Zirkularität muss von Anfang an berücksichtigt werden. Rau nennt das „vordenken statt nach­denken“. Wenn die Denkarbeit einmal geleistet ist, geht der ­eigentliche Bauprozess sehr schnell, denn er ist vollständig standardisiert. Erst wurde der halbvertiefte Keller betoniert und dann der Kern gebaut, an dem die Geschossböden hängen. Die Wände bestehen aus 200 mm dicken, kreuzweise verleimten Paneelen, die Bodenplatten aus 120 bis 150 mm dickem laminierten Fichtenholz. Alle Brettsperrholz-Elemente wurden paarweise geliefert, direkt vom Lkw an ihren Standort gehievt und dort verschraubt. Innerhalb von nur zwei Wochen war der Gebäudekern mit Treppenhäusern, Liftschächten und Nasszellen fertiggestellt. Nun steht die „Holzkathedrale“ am Waldrand und harrt der Zukunft. Ob das Wiederverwendungspotenzial eines Tages tatsächlich genutzt wird, bleibt abzuwarten. Bis dahin hat die Triodos Bank einen zeichenhaften Firmensitz – ein gebautes Bekenntnis zur Kreislaufwirtschaft.


verfasst von

Anneke Bokern

ist freie Architekturjournalistin und wohnt seit 2000 in Amsterdam. Mit ihrer Firma architour organisiert sie Architekturführungen in den Niederlanden.

Erschienen in

Zuschnitt 88
Reuse und Recycling

Wiederverwendung und Verwertung von Bauteilen und ­Baustoffen, ergänzt durch den Einsatz nachhaltiger Materialien, stehen für eine neue Praxis in der Architektur.

8,00 €

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Zuschnitt 88 - Reuse und Recycling