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zuschnitt 32

Echt falsch

Kaum ein Material wird so oft nachgeahmt wie Holz. Was aber bedeutet die Imitation? Ist sie »Lüge« oder nur Werkzeug im ewigen Spiel zwischen Schein und Sein?

Echt falsch. Ein Widerspruch, der keiner ist, auch wenn gerade Holz unendlich oft imitiert wurde und wird bzw. Holz dazu diente und dient, andere Materialien vorzutäuschen. Denn die Kernfrage lautet: Was ist echt? Das organische, authentische Holz oder die Nachahmung? Wer hat recht? Der, der den Plastikstuhl aus Plastik macht, oder der, der ihn aus Sperrholz nachbaut? Ist das eine richtig und das andere falsch oder geht es immer um die Absicht, die hinter der Imitation steht? Ist die kunsthandwerklich perfekte Illusion »besser« als die gewollte Irreführung?

Die Sache wird nicht einfacher, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Holz auch mit Holz gefälscht wird – man denke an einen Möbelkorpus aus Fichtenholz, der durch das Furnieren mit einer kostbareren Holzart »nobilitiert« wird – oder dass, wie z. B. im Palais Epstein in Wien, bei dessen Errichtung Geld wohl kaum eine Rolle spielte, Stuckdecken vorgeben, aus Holz zu sein. Trotzdem haben wir uns entschlossen, der »Wahrheit« nachzuspüren, in die Widersprüche hineinzugehen, sie, wenn vielleicht auch nicht aufzulösen, dann doch zu ordnen, zu strukturieren und damit die Vielfalt darzustellen, die dem Holz innewohnt, auch wenn es gar nicht Holz ist. Denn jenseits einer ethischen Beurteilung geht es gerade in der Architektur vor allem um Wirkung und Wahrnehmung. Arno Ritter schreibt in seinem Beitrag über Hermann Czech, der listig mit den Konventionen des Augenscheinlichen spielt: »Eigentlich interessiert er sich nicht für die Materialien an sich, da er sie ,nur‘ – je nachdem – für ,etwas‘ verwendet, sie der Sprache und der Idee des Entwurfs unterordnet. (...) Diese Haltung kennt kein echt oder falsch, folgt nicht vordergründig Überlegungen zur Materialgerechtigkeit und lügt teilweise, was das Zeug hält, weil sie letztendlich an einem bestimmten und stimmigen Ergebnis interessiert ist.« Dieser Zugang verweigert und entzieht sich einer Verurteilung des »Falschen« und befreit damit von der Notwendigkeit einer moralischen Bewertung. Hier geht es tatsächlich nur mehr um die Wirkung von Codes und darum, wie sie eingesetzt werden.

Zurück zum Holz: Seit Jahrhunderten wird es imitiert, seit Jahrhunderten dient es als Trägersubstanz für die verschiedensten Oberflächen. Die Methoden der »Fälschung« haben sich im Lauf der Zeit verfeinert und im Malerhandwerk des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt erlebt, der inzwischen durch industrielle Techniken noch übertroffen wird, sodass die Unterscheidung zwischen »echt« und »falsch« auch für Fachleute immer schwieriger wird und das Echte oft unechter wirkt als das Falsche.

In der Architektur wird das »Ehrliche« als Erbe der Moderne häufig noch immer als ethische Größe betrachtet. Ein Standpunkt, der in diesem Zuschnitt nicht widerlegt, aber hinterfragt und erweitert werden soll. Verwandlung, Sublimierung, Fiktion und das Thema der Defizite, die aus »Verbotenem« erwachsen, sind nur einige der Begriffe, die ebenso wichtig sind wie jener der Materialgerechtigkeit, und nicht zuletzt bewirkt die Ironie, die einhergeht mit der Lust an der gekonnten »Fälschung«, eine Befreiung des Geistes aus dem Diktat des »einzig Wahren«.

Inhaltsverzeichnis zuschnitt 32

  • Virtuosität des Scheinbaren im Palais Epstein von Theophil Hansen

    Die Decke im Palais Epstein sieht aus wie aufwändige Schnitzarbeit, ist aber lasierter Gipsstuck. Die Imitation war für Theophil Hansen Teil einer orchestrierten räumlichen Gesamtwirkung.

  • Holz mit Holz fälschenVom Furnier und seinen Verwandten

    „Dünnes Deckblatt aus wertvollem Holz, das auf Holz von geringerer Qualität aufgeleimt wird,“ so definiert der Duden den Begriff Furnier.

  • Botschaft Holz»House of Sweden« in Washington

    Botschaft mit Fälschung: Sechs verschiedene computergenerierte Bilder von überlebensgroßen Holzmaserungen im Siebdruckverfahren wurden auf die Glasplatten der Balkonbrüstungen appliziert.

  • Natur geschichtetEingangspavillon Schloss Lackenbach

    Ein Bau in Holzskelettbauweise und Glasfassade: Diese ist nicht durchgehend transparent, sondern mit einem Holzfurnier hinterlegt. Das Innere ist mit dunkel gebeizten Eichendielen ausgekleidet.

  • The Mistake by the Lake oder: Jedem das Seine

    Kinder, die auch während der kalten Winter in Buffalo, New York, auf den Schulbus warten: Besorgte Eltern errichteten Wartehäuschen aus Holz in unterschiedlichen Farben und Formen.

  • Paradox – Ein Plastikstuhl aus Holz

    Der „Plastic Chair in Wood“ sieht aus wie sein Doppelgänger aus Plastik, ist aber aus lackiertem Ulmenholz. Für die Massenproduktion ungeeignet, betrug die Auflage nur 50 Stück.

  • Holz in der BeizEine kulinarische Reise

    Der Typus der meist hölzern ausgekleideten Gaststube ist verschwunden. Was bleibt, sind Endlossimulationen, die sich so lange selbst übersetzen, bis die letzte Transkription den Originaltext ersetzt.

  • Sprache als HintergrundHermann Czech und seine Architektur jenseits des Materials

    Hermann Czech »erlaubt« sich Täuschungen von Materialien, um jene atmosphärische »Selbstverständlichkeit« zu erreichen, die einen als Nutzer zuerst beeindruckt und dann in Ruhe lässt.

  • Massives Leichtgewicht

    Die Dreischichtplatte ALFA.G3 besteht aus dünnen Decklagen aus Laubholz und einer speziellen Mittellage. Trotz ihrer großen Stärke wiegen sie bis zu 40 % weniger als eine entsprechende Vollholzplatte.

  • Feuerprobe

    Die Feuerschale „Lotus“ misst im Durchmesser circa einen Meter, die Rillen an der Innenwand verleihen den Holzscheiten mehr Standfestigkeit. Der Entwurf stammt von Designer Roderick Vos.

  • Brettlsause

    Die romantischen Brettchen in Postkartenformat sind Leichtgewichte, also briefträgerfreundlich, und hat die Herzensdame in dieser schnelllebigen Welt keine Zeit für Waldspaziergänge, ist das auch kein Problem mehr.

  • Tischlein duck dich

    Man muss schon zweimal hinschauen, bis man darauf kommt, was der Designer Matteo Ragni hier für Poltrona Frau ersonnen hat. Es ist ein Couchtisch, der aber auch als Behältnis dienen soll.

  • Klotz am Ohr

    Wenn das die Bäume wüssten: „Hulger Pappa* Phone“ nennt sich das erste Skype Phone aus Holz, das handgemacht und aus amerikanischer Walnuss sowie einem Teil Messing daherkommt.

  • Wim Delvoye

    Die Verfremdung von Oberflächen und das Spiel mit dem Schein und dem Sein sind maßgebliche Faktoren in der Kunst des belgischen Künstlers. Die Arbeit „Beauty is only skin-deep“ steht exemplarisch für diese Methodik.

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8,00 €
FormatDIN A4
Seiten28
Gewicht0.150kg
ISBN978-3-902320-64-3
AuflageDezember 2008

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