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zuschnitt 42

Obendrauf

Holz macht Wohnen über den Dächern leicht: Sein geringes Gewicht sowie die Möglichkeit, Wand- und Deckenelemente vorzufabrizieren und schnell zu montieren, biten die besten Voraussetzungen für einen Dachaufbau.

Immer mehr Menschen leben in Städten. Allein in Österreich soll der Anteil der städtischen Bevöl­kerung in den nächsten 40 Jahren von 68  auf 81 Prozent steigen. Das stellt uns vor neue Herausforderungen. Die Städte können sich das unkontrollierte Wachstum in die Breite nicht mehr leisten und müssen zunehmend auf eine Verdichtung nach innen setzen. ­Gerade im Bereich der städtischen Nachverdichtung steckt für den Baustoff Holz ein großes Potenzial: Holz ist nicht nur ein ökologischer Werkstoff, er zeichnet sich auch durch eine hohe Festigkeit bei vergleichsweise geringem Eigengewicht aus und Wand- und Deckenelemente aus Holz lassen sich gut im Werk vorfabrizieren. Die damit verbundene kürzere Bauzeit ist gerade dort von gro­ßem Vorteil, wo an bewohnten Häusern oder innerhalb von Wohnsiedlungen weitergebaut werden soll.

In diesem Zuschnitt konzentrieren wir uns auf das Thema des Dachaus- und -aufbaus, einen Teilbereich der städtischen Nachverdichtung. Gerade wenn zusätzlicher Wohnraum auf ein Bestandsgebäude draufgesetzt werden soll, spielt das hinzukommende Gewicht eine große Rolle. Je leichter der gewählte Werkstoff, desto besser. Mit vorfabrizierten Bauelementen aus Holz kann die Baustellenzeit reduziert werden. Kosten und andere Einschränkungen, die eine solche Baustelle im urbanen Umfeld mit sich bringt, werden minimiert. Das Thema Bauzeit aber spielt noch aus einem anderen Grund eine wichtige Rolle: Das Dach ist der Bauteil, der das Haus vor Regen und Schnee schützt. Wird dieser abgenommen, darf auch während der Bauzeit keine Feuchtigkeit in das Bauwerk eindringen. Je schneller ein neues Dach obenauf sitzt, desto besser. Mit vorgefertigten Holzelementen ist das Haus innerhalb weniger Tage wieder regendicht.

Sicher. Wir haben schon einmal einen Zuschnitt zu diesem Thema gemacht. Das war vor sechs Jahren. Während sich der Zuschnitt 13 überwiegend visionär dem Thema »Holz hebt ab« näherte, zeigen wir nun eine Reihe realisierter Dachaufbauten und gehen konkret auf Rahmenbedingungen ein. Dass es dabei sehr viel um Wiener Besonderheiten geht, hat einmal mit der Größe der Stadt, der hohen Nachfrage nach Wohnraum über den Dächern und der damit verbundenen regen Bautätigkeit zu tun. Es ist aber auch darauf zurückzuführen, dass es in Wien eine sehr ausgefeilte Gesetzeslage in Bezug auf den Ausbau von Dächern gibt. Während in Graz zum Beispiel das Altstadterhaltungsgesetz dem Ausbau der Dächer enge Grenzen setzt, kommt in Wien ­neben Denkmalschutzauflagen die Tatsache hinzu, dass es in einer anderen Erdbebengefährdungszone als Graz liegt und dass man hier den eurocode 8 – Erdbeben auf den Bereich der Dachausbauten so ausgelegt hat, dass nur mehr in Leichtbauweise auf Gründerzeithäuser aufgebaut werden darf.
Wenn man bedenkt, dass in Wien bis Mitte der 1990er Jahre aus feuerpolizeilichen Gründen die Dächer weder als Lager noch als Wohnung genutzt werden durften und dass sie später zwar aus- und weiter­gebaut werden durften, dazu aber oft keine brennbaren Materialien wie Holz erlaubt waren, ist es schon erstaunlich, dass heute in Wien aufgrund der verschärften Erdbebennorm nur mehr eine Leichtbauweise möglich ist.

Wenn hierzulande von Dachaus- oder -aufbauten die Rede ist, hat man immer Gründerzeitbauten vor seinem geistigen Auge. Architekt Heinz Lutter hingegen sieht Potenzial in der Aufstockung der Bauten aus den 1950er bis 1980er Jahren. Da diese Bauten – anders als die gründerzeitliche Bebauung – statisch ausgereizt sind, ist eine Aufstockung meist nur mehr in Leichtbauweise möglich. Holz als leichter Baustoff ist gerade deshalb für diese Fälle oft die einzige Möglichkeit.

Eine Aufstockung dieser Bauten eröffnet aber auch ein ganz anderes Segment der Verdichtung. Wenn eine Reihenhausanlage um zwei Geschosse nach oben hin erweitert wird, dann geht es nicht mehr um ein Luxuswohnsegment, sondern um Massenwohnbau. Wie das aussehen kann, haben uns die Hamburger vorgemacht: Hier hat das Architekturbüro blauraum eine Reihenhaussiedlung aus den Jahren 1959 bis 1961 um jeweils zwei Stockwerke in Holzleichtbauweise erweitert. Ihr Argument für den Werkstoff Holz war neben logistischen Vorteilen und seiner Leichtigkeit auch die ökologische Komponente. Sie argumentierten mit einer Halbierung der CO2-Emission des gesamten Wohnquartiers. Das Thema Nachverdichtung ist eben immer auch ein energiepolitisches, bei dem es neben der Reduzierung des Individualverkehrs auch um Bau­ökologie geht. Und welcher Baustoff ist für die Reduktion der CO2-Emission besser geeignet als Holz?

Inhaltsverzeichnis zuschnitt 42

  • Essay - Der Weg aufs Dach

    Je nach Perspektive hat der Dachausbau völlig ­unterschiedliche Bedeutungen: Er kann Vehikel für luxuriöses Wohnen im innerstädtischen Kontext sein, Element der sozialen Durchmischung in der gewachsenen Stadt oder Agent der Gentrifizierung, wodurch die Mieten auch in den alten Wohnungen unterhalb der neuen Beletage am Dach steigen.

  • Die Plattenspielerauf dem Fabrikdach

    Bei der Aufstockung des Hauses in Wien 15 kamen in der komplexen Tragstruktur ein steifer Holzkanal, zweigeschossige Wände aus Brettsperrholz, ein 2 m hoher Überzug und dünne Stahlsäulen zum Einsatz.

  • BelastungstestWas ist dem Bestand zuzumuten?

    Unsere Sicherheitsvorstellungen haben sich verändert, das Bedürfnis nach Sicherheit steigt. Dies spiegelt sich in den heutigen Normen, Gesetzgebungen und Richtlinien wider.

  • Denkmalgerecht erweitertEine Villa in Graz

    Die Renovierung einer Grazer Villa vom Ende des 19. Jahrhunderts fügte in der Dachebene zum bestehenden Erker im Norden ein Pendant im Süden dazu.

  • Brandschutzbei Dachausbauten

    Wenn bei einer Gebäudeaufstockung das Bauwerk durch zusätzliche Geschosse in eine andere Gebäudeklasse fällt, sind andere Anforderungen an die Bauprodukte zu erfüllen.

  • ObenaufMit Blick über Wien

    In Leichtbauweise ist das Gründerzeithaus in Wien 4 nach oben hin um vier Wohnungen mit jeweils 110 bis 140 m² erweitert worden: Das Primärtragwerk ist aus Stahl gefertigt, das Sekundärtragwerk aus Holz.

  • Stadt en miniaturePrototyp aus Rotterdam

    "Didden Village" vom holländi­schen Architekturbüro MVRDV besteht aus einem mehrteili­gen Aufbau und einer 120 m² großen Terrasse auf einem bestehenden Gebäude.

  • Systematisch aufstockenVerdichtungsstudie für Graz

    An der TU-Graz werden seit 2008 die Möglichkeiten untersucht, die aus der systematischen Aufstockung von gründerzeitlichen Blockrandbebauungen für die Stadt Graz erwachsen könnten.

  • »Die Stadt wächst« Gespräch mit dem Grazer Stadtbaudirektor Bertram Werle

    Nachverdichtung ist für Graz ein relevantes Thema, da die Grenze von 250.000 Einwohnern überschritten worden ist. Nachhaltige Lösungen bezüglich Energie, Bauökologie und Verkehr müssen damit einhergehen.

  • Dachausbauten in Wien

    Durch die Einführung der Erdbebennorm ÖNORM B4015 und der OIB-Richtlinien sowie durch die Änderung des § 69 der Bauordnung für Wien haben sich die Möglichkeiten für kreative Lösungen im Dachbereich wesentlich erschwert.

  • Service

    Bauordnung, Richtlinien und Normen für Dachausbauten in Wien hinsichtlich statischer Vorbemessung und Erdbebensicherheit, Brand- und Schallschutz, Energieeinsparung und Umweltschutz, Hygiene und Gesundheit.

  • Urban wood mining

    So, wie man im Bergbau nach Bodenschätzen sucht, sucht man in der Stadt Rohstoffe. Vor allem die in den Bauten enthaltenen Metalle oder das Holz der Decken und Dächer lassen sich gut wiederverwerten.

  • Grünraum schonenGroßmaßstäbliche Aufstockung in Hamburg

    Wohnbauten aus den 1950er- und 1960er Jahren wurden mit dem Ziel der Nachverdichtung durch eine Aufstockung in Leichtbaukonstruktion mit vorgefertigten Holzrahmenelementen um 9.000 m² erweitert.

  • In Falten gelegtEin ehemaliges ­Lagerhaus in Bradford

    Für die Aufstockung des »Hanover Houses« im nordenglischen Bradford entwarfen die Architekten ein Hybridtragwerk aus Stab- und Faltwerk. Aus Gewichtsgründen fiel die Wahl auf Holz.

  • WertschöpfungsketteZur Holzschreibung ins Gasthaus

    Holzverlass: Einmal im Jahr bieten die Österreichischen Bundesforste allen zum Waldbesitz Berechtigten die Möglichkeit, ihren Jahresbedarf an Holz anzumelden.

  • Traumzoo

    Das „Jungle Friends Bamboo“-Mobile aus nachhaltig gewonnenem Bambus ist eine fast archaisch anmutende Abwechslung zu allerlei albtraumfördernden Vertretern dieser Anti-Munter-Macher.

  • Scheibchenweise

    Mit gelungenen Garderobenständern ist die Welt der Möbel nicht gerade übersät. Das dachte sich auch der britische Gestalter Tom Dixon und entwarf im Londoner Industriegebiet Portobello Docks unter anderen den „Peg Coat Stand“.

  • Die Wanne ist toll

    Die Designer Matteo Thun und Antonio Rodriguez zeichnen verantwortlich für den Entwurf des aus Sibirischer Lärche gefertigten Bade-Bottichs „Ofuro“. Inspiriert habe sie dabei das traditionelle japanische Bad.

  • Rundling

    Das Sichtbarmachen der Handwerkskunst war ihm wichtig. Souveränität sollen sie ausstrahlen, auf keinen Fall prätentiös sein. Das sind die stilistischen Eckdaten, die der Mode-Designer Wolfgang Joop zu seiner ersten Möbelkollektion für die Neue Wiener Werkstätte anmerkt.

  • Petrit Halilaj

    Die monumentale Holzkonstruktion Petrit Halilajs 2010 in der Ausstellungshalle der Kunst-Werke Berlin: Ob ihrer großen Dimension musste das oberste Stockwerk durch den Plafond auf das Dach der Halle gesetzt werden.

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8,00 €
FormatDIN A4
Seiten28
Gewicht0.150kg
ISBN978-3-902320-83-4
AuflageJuni 2011

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