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zuschnitt 19

warum stabil?

Erfahrungen, Experimentierfreudigkeit und Fantasie haben seit Jahrhunderten funktional optimierte, faszinierend leichte und fragile Bauwerke entstehen lassen, deren konstruktive Stärke im Wissen um das Wesen des Materials begründet ist, in der vollen Ausschöpfung der Kapazitäten des Holzes, seiner Leichtigkeit, Festigkeit, Weichheit, Gerichtetheit und Nachgiebigkeit, und deren Authentizität bis heute spürbar und inspirierend ist.

»Konstruieren, nicht rechnen!« lautet Karlheinz Wagners Postulat in seinem Beitrag »Fragil bauen« und damit fasst er mit drei Wörtern zusammen, worum es in diesem Zuschnitt geht: um Beispiele von Holzarchitektur, bei deren Entstehung jahrelange Erfahrung, Experimentierfreudigkeit, viele Versuche, auch Fehlschläge und Misserfolge eine wesentliche Rolle spielten. Beispiele, die zum Teil lange vor jeder Art von computerunterstützter Planung entstanden sind, zum Teil auch lange vor jeder statischen Nachweisrechnung, wie sie die aktuelle Baumechanik beherrscht. Beispiele, deren Authentizität faszinierend ist, deren Fragilität und Leichtigkeit kaum mehr vorstellbar sind, die heute nicht mehr realisierbar wären, weil sie an gerechneten Sicherheiten und Nachweisforderungen scheitern würden. 

Die Gemeinsamkeit dieser Bauten liegt in erster Linie darin, dass ihre Konstrukteure das Wesen des Baustoffs Holz erfasst haben – dessen Leichtigkeit, hohe Belastbarkeit in der Faserrichtung, aber auch Weichheit, Nachgiebigkeit und Verformbarkeit. Eigenschaften, die bei heutigen Konstruktionen oft kaum mehr eine Rolle spielen, in der Vergangenheit jedoch essenziell waren, Voraussetzung für ein Vertrauen in das Material, das sich über Jahrhunderte im kollektiven Unbewussten verankert hat und für uns als »Vertrautheit des Materials« spürbar ist. Jeder weiß, dass man einen Stock am besten übers Knie, also quer zur Faserrichtung abbrechen kann, niemand käme auf die Idee, ihn wie einen Faden in die Länge zu ziehen, bis er reißt. Jeder weiß auch, dass sich Seile und Schnüre am Besten als Verbindungsmittel eignen, so lange das Bauholz in seiner ursprünglichen Form, also stabförmig, als Ast oder Stamm, zur Verfügung steht. Die Tragfähigkeit eines auskragenden Astes ist für uns genau so abschätzbar wie die Stärke eines Brettes, das uns als Brücke über einen Bach dient, und wir wären fast alle in der Lage, Reparaturen an einem Baumhaus vorzunehmen.

 Diese Ausgabe zeigt vor allem Bilder. Bilder von Bauwerken im weitesten Sinn, deren Statik den Regeln des Materials folgt. 

Der Bogen reicht vom perfekten System Baum über einfache Kragbrücken und Hochstände bis zu den komplexen Strukturen Frei Ottos und Richard Corays. 

Die Bilder machen lange Erklärungen überflüssig, die meisten Systeme erschließen sich visuell. 

Die Textbeiträge enthalten nur das Wesentliche, weisen auf Hintergründe und Zusammenhänge hin, sind als erweiterte Bildunterschriften zu verstehen. 

Wir wollen mit diesem Zuschnitt nicht eine »zurück auf den Baum«-Bewegung initiieren, auch nicht die Errungenschaften moderner Ingenieurkunst in Frage stellen, sondern anregende, bezaubernde, überraschende Dinge zeigen, die zur Freude am Konstruieren jenseits von zertifizierten Details verleiten sollen.

Inhaltsverzeichnis zuschnitt 19

  • Der BaumStatisches System eines Naturtragwerks

    Das Astwerk eines Baumes kann durch die Formgesetze mit seiner Struktur und mit einem Minimum an Aufwand zwei Aufgaben erfüllen: die eines Tragwerks und die eines Transportsystems.

  • Fragil bauen

    Für fragile Konstruktionen wird seit alters der leichte Baustoff Holz verwendet. Der moderne Ingenieurholzbau berücksichtigt dabei in allen Produktionsschritten die materialgerechte Behandlung.

  • TrabucchiFischermaschinen an der adriatischen Küste

    Als Baumaterial der Trabucchi, an der Abruzzen-Küste zum Fischfang errichtet, dienten das im Tidenhub sehr dauerhafte Kastanienholz sowie zugfestes Robinienholz.

  • Auf den Kopf gestelltGitterschale Mannheim

    Nach dem Prinzip der Hängeformen wurde das Holzgitter der 7.400 m² großen Halle vor Ort nach und nach in Form gebracht, an den Rändern befestigt, justiert und mit einem Polyestergittergewebe überdacht.

  • Ein Kunstwerk auf ZeitDas Lehrgerüst der Salginatobelbrücke

    Dem Bau der Stahlbetonbrücke in Graubünden (Robert Maillart, 1930) ging ein innovatives Lehrgerüst aus Fichtenbalken voraus, das Bauingenieur Robert Corray mit minimalstem Materialaufwand konstruierte.

  • Faszinierend fragilFunktürme in Holz

    Die erste Generation von Radiosendetürmen in Deutschland, zwischen 1930 und 1935 erbaut, war aus Holz. Man nahm an, dass Stahltürme wegen der hohen elektromagnetischen Leitfähigkeit ungeeignet wären.

  • Gesteckte GeschichteHolzpagoden

    Statisches Wunder Holzpagode: Nach dem Lastprinzip übereinander gestapelte Holzstücke bilden den widerstandsfähigen konstruktiven Aufbau. Und jedes Pagodengeschoss ist ein für sich abgebundenes Skelett.

  • Fußkontakt mit der VergangenheitKragbrücke am Indus

    Holz steht in Nordindien nur in beschränktem Maß zur Verfügung und wird höchst effizient eingesetzt. Reicht die Länge eines Stammes nicht aus, wird in aufwändigen Konstruktionen, Holz und Stein kombiniert.

  • Kielstegelement

    Das Kielstegelement ist ein vielseitig anwendbares, hochtragfähiges Bauelement, dessen charakteristische Krümmung der Stege dem Element Stabilität quer zur Hauptspannrichtung verleiht.

  • Bumerangs - Rückflug inklusive

    Wurfhölzer, sogenannte Bumerangs, entstanden ab ca. 5000 v. Chr. in vielen Regionen der Erde. Voraussetzung dafür war das Vorhandensein von gekrümmtem Holz mit ausreichender Härte und Elastizität.

  • Hochsitze

    Der Hochsitz hat seinen Platz in der Ebene, im Hügelland im Gebirge, am Baum, am Wegrand. Er prägt die Umgebung, die Umgebung prägt den Hochsitz. Er ist Landschaftsobjekt. Regionale Typen sind erkennbar.

  • Gordon Matta-Clark

    Der New Yorker Künstler Gordon Matta–Clark widersetzte sich mit seinen „Cuttings“ (Schnitte durch Böden und Decken von Gebäude sowie Entfernen von ganzen Gebäudeteilen) bestehenden Architekturdogmen.

zuschnitt 19

 

8,00 €
FormatDIN A4
Seiten28
Gewicht0.150kg
ISBN978-3-902320-28-1
AuflageSeptember 2005

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