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Papier – ein Spiegel der Gesellschaft

Statistisch gesehen liegt der jährliche Verbrauch an Papier, Karton und Pappe eines österreichischen Staatsbürgers aktuell bei 240 Kilogramm. Damit liegen wir deutlich über dem EU – Durchschnitt von 211kg und sind mit den Japanern in sehr guter Gesellschaft. Der Verbrauch des US-Amerikaners liegt sogar bei 332kg, obwohl er wahrscheinlich nicht belesener ist als der Europäer. Im Vergleich dazu verbraucht ein russischer Bürger geringe 18kg. Die Einwohner des »Reichs der Mitte« , wo die Urform des heutigen Papiers um das Jahr 105 n. Chr. erstmals produziert wurde und seinen Siegeszug in alle Welt antrat, kommen trotz gigantischer Großmetropolen auch nicht über 28kg hinaus. Das ehemalige Taliban – Regime verhinderte erfolgreich, dass ein Afghane mehr als 0,3kg Papier verbrauchte. Diese Zahlen untermauern sehr eindrucksvoll oben genannte These.

Papier als Kulturträger
Die Papierherstellung und -verwendung geht seit jeher mit hoch entwickelten Kulturen einher. Schon vor über 5.000 Jahren fertigten die Ägypter aus dem Mark der Papyrusstaude eine beschriftungsfähige Unterlage. Von China verbreitete sich die Papiermacherkunst über Kriegsgefangene nach Arabien. Es bleibt das unbestrittene Verdienst der Araber, die Kunst der Papierherstellung bis nach Spanien ausgebreitet zu haben. Schon im Jahr 1144 wurde bei Valencia das erste Papier auf europäischem Boden hergestellt, womit die Epoche der mittelalterlichen Handpapiermacherei beginnt. Mit der Erfindung der Buchdruckerkunst um die Mitte des 15. Jahrhunderts nahm die Papiererzeugung naturgemäß einen besonderen Aufschwung.

Vom Rohstoff Hadern zu Holz und Altpapier
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts stand als einziger Rohstoff altes Gewand (Hadern) zur Verfügung. Mit steigendem Papierbedarf trat jedoch bald Rohstoffmangel ein, der erst durch die Möglichkeit, Holzfasern mechanisch bzw. chemisch aufzuschließen, beseitigt war. Heute ist der wichtigste Rohstoff für die Papiererzeugung Holz. Daraus werden die Ausgangsmaterialien (Fasern) Zellstoff und Holzstoff gewonnen. Eine besonders bedeutende Faserstoffquelle ist heute Altpapier. Holz kommt vorwiegend als Nebenprodukt der Sägeindustrie (Hackgut) oder als Rundholz aus Waldpflegearbeiten (Durchforstung) ins Werk. Der Importanteil, vorwiegend aus den angrenzenden Staaten, liegt bei 21 Prozent und wurde seit 1995 um 13 Prozent reduziert. Zur Zellstoffproduktion werden die heimischen Holzarten Fichte und Kiefer eingesetzt. In geringem Umfang wird qualitativ hochwertiger Eukalyptus-Zellstoff importiert, der aus intensiver Plantagenwirtschaft gewonnen wird, um entsprechende Papierqualitäten zu erhalten. 
Grundsätzlich ist die Nutzung der Faserstoffquelle Altpapier positiv. Von Beginn seiner Verwendung an standen wirtschaftliche Erwägungen der Papierproduzenten wie kostengünstiger Rohstoff im Vordergrund. Durch den Recyclinggedanken und umweltpolitische Maßnahmen (Abfallwirtschaftsgesetz) ist die Bedeutung rasant gestiegen. Herr und Frau Österreicher nehmen sich das Sammeln von Altpapier auch sehr zu Herzen, sind sie doch im europäischen Vergleich mit einer Sammelquote von 65% besonders emsig. Dennoch müssen mittlerweile rund 45% des verarbeiteten Altpapiers importiert werden, leider mit umweltbelastendem Transport. Heute sind praktisch in allen Papieren Fasern aus Altpapier enthalten.
Die Faser verliert bei jedem weiteren Recyclingschritt an Festigkeit und wird kürzer. Um einen „Recycling-Kollaps“ zu vermeiden, – die Papierqualität sollte ja gewährleistet sein – müssen Frischfasern zugeführt werden. Eine Tatsache, die den Forstmann freut, da er dadurch sein Holz aus der Waldpflege verkaufen kann. Unbrauchbar gewordene Fasern werden dem Kreislauf entnommen und in Energie umgewandelt.

Hohe Umweltstandards
Wo ist der weißbraune Schaum auf den Flüssen geblieben? Die Erneuerungs- und Investitionsphase der Jahre 1970 bis 1990 machte die österreichische Papierindustrie europareif und führend im Umweltschutz. Es wurde zum Standard, die benötigten Wassermengen möglichst lange in einem Kreislaufsystem zu führen und biologisch zu reinigen. Bereits vor Jahren wurde von Zellstoff- auf Sauerstoffbleiche umgestellt. Die Flüsse sind heute ertragreiche Fischgewässer und in der Umgebung der Standorte besteht im Normalbetrieb keine Geruchsbelästigung mehr. Durch die energetische Nutzung der Reststoffe, der Abwasserschlämme und der Dicklauge im Chemikalienrückgewinnungsprozess wurde der Einsatz fossiler Energieträger deutlich reduziert.

Papierproduktion von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung
Die Vielfalt der Produkte, die aus den Fasern des nachwachsenden Rohstoffes Holz angefertigt werden, ist groß. Über 260 verschiedene Papiere, Kartone und Pappen werden an 30 Standorten in Österreich von 9.450 Beschäftigten produziert. In Summe werden dabei neben 1,89 Mio. Tonnen Altpapier rund 
7 Mio. Festmeter Holz verarbeitet. Bei einer Exportquote von nahezu 84% erwirtschaftete die heimische Papier- und Zellstoffindustrie im Jahr 2000 einen Handelsbilanzüberschuss von 1,89 Mrd. Euro.

(Zeitschrift Zuschnitt 7, 2002; Seite 25)

 

 

Um mit allen Sinnen die Geschichte und die Kunst der Papiererzeugung zu erleben, empfiehlt sich ein Besuch des Papiermachermuseums im oberösterreichischen Steyrermühl.

Österr. Papiermachermuseum Laakirchen-Steyrermühl
Museumsplatz 1 
A-4662 Steyrermühl
T +43 (0)7613/3951
F +43 (0)7613/8834

Öffnungszeiten
(April bis Oktober) 
Mi – So 10:00 bis 17:00 Uhr 
Mo u. Di bei telef. Voranmeldung


Text:
Martin Höbarth
Dipl.-Ing. 
Präsidentenkonferenz
der Landwirtschaftskammern
Österreichs
Löwelstraße 12
A-1010 Wien
T +43 (0)1/53 441 - 8592
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