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Waldboden

Dass die Trinkwasserversorgung vieler Österreicher von sorgsam und nachhaltig bewirtschafteten Waldböden abhängt, welche imstande sind, das Niederschlagswasser zu filtern und zu reinigen, ist uns vielleicht weniger bewusst. Ebenso, dass wir buchstäblich in Waldböden eintauchen, wenn ein Moorbad am Wellness-Programm steht.

Im Waldbau, dem forstlichen Fachgebiet, das sich mit der Steuerung der Produktion des nachwachsenden Rohstoffs und Energieträgers Holz befasst, spielt die Kenntnis um die chemischen und physikalischen Eigenschaften der unterschiedlichen Waldböden eine wichtige Rolle, da die Baumartenwahl, das Produktionsrisiko und die produzierte Holzmenge von diesen wesentlich beeinflusst werden. Bei der Holzproduktion soll die Leistungsfähigkeit des Bodens einerseits wohl genutzt, aber andererseits auch nicht überfordert werden.

Bestimmend für die Waldbodengenese und damit für die Eigenschaften des Bodens sind die Bodenbildungsfaktoren Grundgestein, Klima, Geländemorphologie, aber auch der Einfluss der Bodenfauna und der Vegetation.

Viele der spezifischen Eigenschaften von Waldböden lassen sich aus dem Einfluss der Baumvegetation ableiten. So bedingen Windwürfe, Vermodern gestürzter Bäume, Verfüllung von Wurzeltöpfen und Bodenveränderungen durch einsickernden Stammabfluss etwa die hohe räumliche Inhomogenität von Waldböden. Im Wald bilden sich ganz charakteristische Abfolgen von Bodenhorizonten (Auflagehumusprofile) aus, da der größte Teil der Nadel- und Blattstreu erst an der Bodenoberfläche von Bodenorganismen umgesetzt wird. Diese Profile sind auch im Wirtschaftswald anzutreffen, da die traditionelle Forstwirtschaft in Mitteleuropa überwiegend ohne Bodenbearbeitung und Düngung erfolgt.

Der hohen naturräumlichen Vielfalt Österreichs entsprechend, tritt eine Vielzahl von Bodentypen mit unterschiedlichen Eigenschaften auf: in den Zentralalpen die Ranker, junge, unreife Bodenbildungen mit hohem Steingehalt; die Podsole oder Bleicherden, nährstoffarme, saure Böden mit dem namensgebenden Ausbleichungshorizont; die Braunerden, der häufigste Bodentyp Österreichs, der auch im Alpenvorland weit verbreitet ist; in den Kalkalpen die Rendzinen, bei denen die Bodenentwicklung auf die Bildung eines schwarzen Humushorizonts über dem Ausgangsgestein beschränkt ist, sowie die Kalk-Braunlehme, sehr dichte, alte (voreiszeitliche), rötliche und rotbraune Böden; im pannonischen Trockengebiet die Tschernoseme oder Schwarzerden mit mächtigen Humushorizonten, oft über Löss; die in allen Bodenprovinzen auftretenden, maßgeblich von Wassereinfluss bestimmten Gley-, Pseudogley- und Auböden sowie viele andere mehr.

Die Geschichte des Waldes, die auch eine Geschichte des menschlichen Einflusses auf den Waldboden über Jahrtausende ist, wurde bereits in einer früheren Ausgabe dieser Zeitschrift dargestellt (* Geschichte des Waldes) und sollen hier nur kurz gestreift werden: Als Konsequenz der menschlichen Siedlungstätigkeit und der Flächenauswahl für die ackerbauliche Nutzung wurden der Wald und damit die Waldböden meist auf die relativ ungünstigsten Flächen z.B. in Bezug auf die Zugänglichkeit (Steillagen) oder die Nährstoffausstattung abgedrängt. Besonders im Alpenraum kam es aufgrund der Knappheit von Flächen, die überhaupt agrarisch genutzt werden konnten, zur intensiven Nutzung von Waldböden durch Agroforestry-Systeme (Brandfeldbau, Streunutzung, Schneitelung, Waldweide), die mancherorts bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts anhielt. Dies führte regional zu massiven Nährstoffverlusten und (Ober-)Bodenversauerung und in der Folge zu einer Einschränkung der Bodenfruchtbarkeit, die noch heute feststellbar ist.

Weitere anthropogene Belastungen stellten im 
19. Jahrhundert die Großkahlschläge im Zuge der einsetzenden Industrialisierung (z.B. Mur-Mürzfurche), die zu Bodenverlusten (Erosion) und Nährstoffauswaschung aus dem Boden führten, dar.

Auch heute - Stichwort klimarelevante Treibhausgase - ist das Waldökosystem und damit auch der Waldboden von den Auswirkungen menschlichen Handels betroffen.

Der Gedanke des nachhaltigen, pfleglichen Umgangs mit der Ressource Waldböden, der bei vielen Nutzern um sich greift, und das zunehmende Wissen um die vielfältigen Funktionen des Waldbodens lässt hoffen, dass trotz der zahlreichen Anforderungen und anthropogenen Belastungen auch zukünftig die Vielfalt und Leistungsfähigkeit der Waldböden erhalten bleibt.

* Elisabeth Johann: Geschichte des Waldes, in: Zuschnitt 8: Forst und Holz, Dezember 2002

(Zeitschrift Zuschnitt 15, 2004; Seite 25)

 

 

 

Bei der Beschreibung von Waldböden im Gelände zählt nicht nur der okulare Befund. Mit der so genannten Fingerprobe werden u.a. über die Formbarkeit des Bodenmaterials wesentliche Bodeneigenschaften, primär das Korngrößenspektrum eines Bodens, beurteilt.

 

 

Text:
DI Dr.Michael Englisch

Studium der Forstwirtschaft an der Universität für Bodenkultur

Seit 1994 Leiter der Abteilung Standortskunde, seit 2004 der Abteilung Standort und Vegetation an der Forstlichen Bundesversuchsanstalt (seit 2001: Bundesamt und Forschungszentrum für Wald)
Arbeiten zu Boden- und Humussystematik, zur Österreichischen Waldboden-Zustandsinventur, zu biogeochemischen Stoffkreisläufen in Waldökosystemen und zur forstlichen Standortskartierung

Leiter der AG forstliche Standortskartierung im Österreichischen Forstverein