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Vom Sinn der Mischbaumarten

Effizient arbeitet, wer Vielfalt reduziert
Rationalisieren bedeutet vereinfachen. Das ist ein Grundgesetz der Wirtschaft. Vielfalt in der Produktion führt zu Kleinserien. Kleinserien aber treiben die Kosten in die Höhe. Großserien sind billiger. Wer 50 Häuser produzieren will, kann optimal produzieren, wenn alle Häuser vom gleichen Typ sind und nicht jedes Haus nach individuellem Plan hergestellt werden muss.

Dieser Logik folgend hat der Mensch an manchen Orten Ordnung in die Natur gebracht - auch in den Wald. Ein Hektar Fichtenaufforstung ist weit billiger als die Aufforstung eines Hektars Mischwald. Es ist einfacher, 500 Festmeter Holz einer einzigen Baumart zu verkaufen als 500 Festmeter von fünf verschiedenen Baumarten zu vermarkten.
Vielfalt steht also zunächst einmal mit Wirtschaftlichkeit im Widerspruch.

Und gilt das schließlich nicht auch für Menschen? Wird nicht ein Team, in dem alle der gleichen Meinung sind, als effizienter angesehen, als ein Team, in dem man sich mit Meinungsvielfalt herumschlagen muss?

Vielfalt als Strategie der Natur

Vielfalt andererseits scheint ein Grundprinzip der Natur zu sein:

  • In den Wäldern Österreichs gibt es eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten - denken wir hier vor allem an die verschiedenen Baumarten. Das Österreichische Forstgesetz führt acht Nadelbaumarten und siebenunddreißig Laubbaumarten als »Holzgewächse« an, die Wald im Sinne des Forstgesetzes bilden können.
  • Innerhalb der Arten gibt es genetische Variationen, die wichtig sind für die Anpassungsfähigkeit der Arten.
  • Seit der letzten Eiszeit hat sich in Österreich eine Vielfalt an natürlichen Waldgesellschaften entwickelt, die durch verschiedene Baumartenmischungen gekennzeichnet ist.

Warum all das? Erst die Vielfalt der Lebensformen hat eine optimale Anpassung an die unterschiedlichen geologischen und klimatischen Verhältnisse ermöglicht. Zwischen dem sommerwarmen Osten Österreichs und den Hochlagen der Alpen hat sich eine große Zahl natürlicher Waldgesellschaften entwickelt, um das Überleben der Wälder zu sichern. Die Vegetationskunde unterscheidet in Österreich etwa 125 verschiedene natürliche Waldgesellschaften. Denken wir an unsere Nadel- und Laubbaumarten. Ihre Eigenschaften sind unterschiedlich - darin liegt ihre Konkurrenzkraft und Überlebensfähigkeit begründet. Die Anpassungsmöglichkeiten erhöhen sich zusätzlich mit der Kombination unterschiedlicher Baumarten. Sehen wir diese Fakten als Erfahrungsschatz der Natur oder als Ärgernis für die Forst- und Holzwirtschaft?

Effizienz durch Qualität

In der Natur ist das quantitative Wachstum begrenzt. Bäume wachsen nicht in den Himmel. Erst die qualitative Weiterentwicklung der Waldökosysteme hat ihre Überlebensfähigkeit begründet. Eine entscheidende Ausprägung dieses qualitativen Wachstums ist die Biodiversität der Natur. Sollte man diese Erkenntnis nicht auch in der Wirtschaft prüfen?

Die Vielfalt an Standorten in der Natur entspricht der Vielfalt an Zielgruppen unter den Konsumenten. Wenn qualitatives Wachstum als Rationalisierung nicht mehr möglich ist, dann muss eine andere »Qualität« der Effizienzsteigerung gesucht werden: z.B. qualitatives Wachstum durch Differenzierung der Produktion nach Zielgruppen, Verfeinerung der Strukturen, Funktionsgerechtigkeit und Langlebigkeit der Produkte.

»Holz ist genial.« Das bedeutet für die Forst- und Holzwirtschaft Profilbildung durch kundenspezifische Differenzierung ihrer Produkte als Zeichen qualitativen wachstums. Vielfalt als Tor zur Effizienz also. Eine Verarmung auf der Rohstoffseite nach dem alten Konzept der Baumartenvereinheitlichung erscheint in diesem licht als Rückschritt. Die Baumartenvielfalt der österreichischen Wälder ist eine große Chance im Wettbewerb mit anderen Rohstoffen, sofern der natürliche Baumartenreichtum von der Forst- und Holzwirtschaft als Stärke begriffen wird. Der Baustoff Holz tritt in verschiedenen Farben, Strukturen und Eigenschaften auf. Das gibt ihm Profil und Qualität. Was werden die künftigen Bedürfnisse der Menschen sein? Welche Kriterien bestimmen die Sehnsucht des Menschen nach Lebensqualität? Gerade junge Menschen erwarten sich Wälder, die möglichst naturnahe, robuste und überlebensfähige Ökosysteme sind. Naturnahe Wälder haben tatsächlich einen unschätzbaren Wert. Einen Preis gibt die Wirtschaft allerdings nur dem Holz. Daher ist als nächster Schritt das Marketing der Baumvielfalt notwendig, will Österreich seinen natürlichen Reichtum an Baumarten nicht verlieren. Erst dann werden jene Wälder, die heute künstlich und verarmt sind, in baumartenreiche Mischwälder umgewandelt werden. In der Biodiversität der Wälder und in der naturnahen Nutzung der Vielfalt an Baumarten dürfte eine verborgene Chance liegen, kundenorientiert zu wirtschaften.

P.S: Die großen Waldschäden durch die Föhnstürme im November haben eine Diskussion über die Schadensursachen ausgelöst. Es gab Stellungnahmen, die nicht in der Windstärke, sondern in den Monokulturen die Ursache dafür sehen wollen. Die österreichische Forstwirtschaft entwickelt sich Schritt für Schritt weg von Monokulturen, die nicht standortgemäß sind. Dieser Prozess, auch durch die Richtlinien des staatlichen Fördersystems unterstützt, ist jedoch lange nicht abgeschlossen.

Text: Univ. Prof. Dr. Josef Spörk
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Pro Silva Austria - Naturnahe Waldwirtschaft