Ein Streifzug durch drei Zuschnitt-Ausgaben, die die urbane Verwendung, die städtische Dimension des Holzbaus aufgreifen. Sie vermitteln, was das Besondere von Holz in der Stadt ist und warum es dort eine Rolle spielen sollte. Die unterschiedlichen Schwerpunkte, die dabei gesetzt werden, spiegeln die jeweilige Zeit wider und geben Diskussionen eine Richtung. Es werden aber auch aufschlussreiche Parallelen sichtbar.
Holz in der Stadt ist kein neues Phänomen. Als Konstruktionsmaterial war es einst so selbstverständlich für Dachstühle und Deckenkonstruktionen wie für An- und Ergänzungsbauten, dass seine Verwendung lange gewissermaßen unter dem Radar flog – zumal Holz an den repräsentativen Fassaden der Gebäude nicht sichtbar war. Dazu kamen Zeiten, als die von Holz ausgehende Gefahr noch konkret und im kollektiven Gedächtnis präsent war: Brände und Krieg haben Menschen und Stadtgemeinschaften traumatisiert.Vielleicht hat sich im öffentlichen Bewusstsein festgesetzt: Städte werden aus Stein gebaut. Um dieses schiefe Bild geradezurücken, ist Vermittlungsarbeit notwendig. Die hat der Zuschnitt mehrfach und auf verschiedenen Ebenen geleistet. Hier sollen ausschnitthaft und exemplarisch drei Hefte in den Mittelpunkt gerückt werden, in denen der Kontext der Stadt schon auf dem Titel erschien: die Zuschnitte 20, 59 und 82 von 2005, 2015 und 2021.
Aus heutiger Perspektive ist es wenig überraschend, dass angesichts aktueller Krisenlagen in der letzten dieser drei Ausgaben das Thema des Klimas schon direkt auf dem Cover angesprochen wird. Noch 2005 spielte das keinesfalls die Hauptrolle. Durch moderne Holzbautechnik und Bauvorschriften müsse heute niemand mehr Angst vor Feuer in der Stadt haben, so heißt es im einleitenden Essay von Joost Meuwiesen, dem Eva Guttmann im Editorial bescheinigt, jede moralische Diskussion über die Verwendung von Holz in der Stadt zu verweigern. Schon vor mehr als zwanzig Jahren schien es wichtig, nicht in den Verdacht zu geraten, belehren zu wollen. In dieser Ausgabe geht es nicht um innovative Holzbaustoffe oder konstruktive Techniken, sondern sehr viel mehr um die kulturellen Aspekte des Holzbaus in der Stadt. Bereits den Titel schmückt ein Zitat, das diese Richtung vorgibt: „Wie Holz in der Stadt auch gestaltet wird – es bleibt ein intimes Material, wie die Kleidung der Leute auf der Straße.“ In Bezug auf die Markthalle von Aarau spricht Roman Hollenstein davon, dass die Architekten Miller & Maranta den „Erinnerungen, Bildern und Stimmungen des Ortes nachspürten“ und ebenso „diskret wie treffend“ den Genius Loci beschworen. Einem Wohnheim in Trondheim bescheinigt Karin Triendl, ein markanter Entwurf eines hölzernen Hochhauses zu sein, „der Aspekte von Alternativkultur, Punkgeist, experimenteller Architektur und nationaler Forstpolitik integriert“.
2015 sieht das anders aus. Auch hier ist die textliche Titelgestaltung aufschlussreich: Für die Rückkehr des Holzes in die Stadt sprächen „Ressourcenschonung, Dekarbonisierung, wirtschaftliches und effizientes Bauen“ – und nicht (mehr) Genius Loci oder Punkkultur. Hermann Kaufmann setzt unter dem Titel „Das Holz muss in die Stadt“ den Ton: „Genauso, wie in der Energiefrage eine Dekarbonisierung stattfindet, wird der nächste Schritt die Forderung der Substitution endlicher Rohstoffe durch nachwachsende sein.“ Im Mittelpunkt stehen große, attraktive Städte: Wien, Zürich, München – und, das vielleicht der überraschende Clou: London. Dass die kleine Überblicksshow über Bauten in den Städten und städtischen Strategien mit der ebenso beliebten wie teuren und daher dichten englischen Metropole beginnt, ist sicher kein Zufall. „Schaut her“, so könnte man das verstehen, Bauen mit Holz geht nicht nur dort, wo man das Thema ohnehin verorten würde.
Grafisch aufbereitete Zahlen, wie der CO2-Verbrauch pro Kopf oder der Anteil der Grünflächen an der Gesamtgröße der Stadt, an anderer Stelle darüber, wie hoch man mit Holz bauen darf, sorgen für eine objektivierende, leicht eingängige Vermittlungsdimension, die zehn Jahre zuvor noch keine Rolle gespielt hat. Es geht um Brandschutz wie um Stadtentwicklung – das Thema ist zugleich technischer und politischer vermittelt. Noch einmal sechs Jahre später, im oben erwähnten Zuschnitt 82, wird das Konzept von 2015 aufgegriffen und variiert. Wieder werden Großstädte exemplarisch vorgestellt: Wieder dabei sind Wien und München, nun komplettiert durch Berlin. Bauten aus jeder Stadt werden in eher feuilletonistischer Art vorgestellt. Wie 2015 kommen Verwaltungsspitzen zu Wort, und auch hier nehmen statistische Übersichten einen wichtigen Platz ein: Größe, Bevölkerung, Gebäudeanzahl, Versiegelungsgrad und die jährlichen Hitze- und Eistage der letzten Jahrzehnte, die vor allem bei Wien deutlich den Klimawandel ablesbar machen.
Dazu kommen drei Essays, deren Themensetzungen aufschlussreich sind: Zum einen geht es, 2021 schon fast State of the Art, um das kreislaufgerechte Bauen, zum anderen findet sich ein interessanter Rückbezug zu Zuschnitt 20 von 2005, eine kulturgeschichtliche Betrachtung, in der deren Autor Alberto Alessi zum Ergebnis kommt, dass das Holz sich mittlerweile im urbanen Kontext nicht mehr beweisen müsse – „und es muss sich auch nicht unbedingt zeigen“. Auf dem Weg zur Selbstverständlichkeit von früher? Wohl nicht ganz, denn neu und prominent im Themenspektrum ist das, was Gabu Heindl im Einstiegstext aufgreift: Das Klima der Stadt als „sozial-ökologische Frage“, die nun nicht mehr sei, „ob gehandelt werden muss, sondern wie das Handeln zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe samt allen Beteiligten der Bauwirtschaft werden kann“. Es gibt also noch Gesprächsbedarf. Und so zeigt sich auch in dieser letzten der drei Ausgaben, wie über die Vermittlung Themen aufgegriffen, gesetzt werden – und der Diskussion der Zukunft damit auch ein Stück weit eine Richtung gegeben wird.
