Multidimensionale Krisen rücken die Fragilität einer Abhängigkeit von stabilen Lieferketten und der darauf aufgebauten Energieversorgung wieder verstärkt ins Bewusstsein. Dabei können vor Ort verfügbare Baustoffe Alternativen bieten, die regionale Wirtschaftsstrukturen stärken und zu einer größeren Resilienz führen.
Die Historie des Holzbaus beginnt lange vor der Nutzung fossiler Energien und den Möglichkeiten der Industrialisierung, die mit weiten Transportwegen und energieaufwendigen Prozessen die Klimakrise befeuern. Die Rückbesinnung auf traditionelle und bewährte Baustoffe wie Holz und Lehm reflektiert folgerichtig, dass eine regionale Produktion von Holz klimaschützend durch die natürliche Einlagerung von CO2 während der Wachstumsphase wirkt. Dabei gab es in den letzten Jahrzehnten großen Nachholbedarf ambitionierter Forschung und Entwicklung im Holzbau, um ihn an moderne Anforderungen im Bauwesen wie eine industrielle Produktion und Vorfertigung, Schall- und Brandschutz sowie große Gebäudevolumina anzupassen. Da keine bereits getätigten Investitionen diese Entwicklung blockierten, konnten die Ergebnisse umso schneller in entsprechende Fertigung umgesetzt werden und die sprunghafte Weiterentwicklung des modernen Holzbaus vorantreiben. Blickt man zurück auf die Themen des Zuschnitt, standen 2008 noch die Nutzenergie und das energieeffiziente Passivhaus im Mittelpunkt.
Bereits 2017 wurde der Kreislauf Holz mit Ökobilanz, Aufwendungen für Herstellung und Transport sowie Lebenszyklusbetrachtungen adressiert. Im Kontext der Ökobilanz wurde der Begriff „klimaneutral“ für Holzbaustoffe vor dem Hintergrund einer Gutschrift des eingespeicherten CO2 in der Erstellungsphase (A) und deren „Neutralisierung“ in der Entsorgungsphase (C) eingeführt. Dieses „Einkassieren“ der CO2-Gutschrift war mit der grundsätzlichen Annahme einer thermischen Verwertung am Ende des Lebenszyklus begründet. 2019 wurden die Potenziale von Holz im Kontext der Ressourcenwende beleuchtet. Selbst bei einer nachwachsenden Ressource wie Holz muss bei zunehmender Nachfrage der Fokus auf einen sparsamen Einsatz und die Erhöhung der Recyclingfähigkeit gelegt werden. Auch die klimawandelbedingte Veränderung verfügbarer Holzarten ist zu integrieren. Als Entwurfsstrategien wurden die Effizienz, Konsistenz und Suffizienz betrachtet. Effizienz meint, mit weniger Materialeinsatz mehr zu bauen. Konsistenz adressiert das kreislauffähige Konstruieren und Suffizienz zielt auf eine Reduktion des Flächenverbrauchs z. B. durch intelligente Mehrfachnutzungen ab. 2021 wurde der Fokus auf die klimagerechte Stadt und den mehrgeschossigen Holzbau erweitert.
Große Areale wie die Prinz-Eugen-Kaserne in München, das Schumacher Quartier in Berlin oder der Wiener Wohnungsbau zeigen neue strategische Wege für Kommunen auf, den Holzbau voranzutreiben. Herausragende Holzbauten wie das HoHo in Wien oder die Wohnbebauung am Dantebad in München verdeutlichen, wie Suffizienz, urbane Verdichtung und Flächenschonung mit Holz möglich werden. Auch die Wege zum kreislauffähigen Bauen mit Holz wurden adressiert, um dann 2023 mit einem ganzen Heft zum Thema „Reuse und Recycling“ vertieft zu werden. Das Ziel der ressourcenschonenden Treibhausgasneutralität führt zu einer umfassenden Nutzung nachwachsender Ressourcen und der Weiterverwendung möglichst ganzer Gebäude, aber auch Bauteile sowie Baustoffe. Modellvorhaben belegen eindrücklich, dass der Holzbau ein guter Partner für die Wiederverwendung gebrauchter Bauteile und die Weiterentwicklung des Gebäudebestands in An-, Um- und Aufbauten sein kann. Das Bild der urbanen Mine erfordert die Digitalisierung zur Kategorisierung des Bestands in Materialdatenbanken, um Daten für eine spätere Weiternutzung zu sichern. Durch Nutzungsflexibilität sowie einfache Wartung und Instandhaltung sollte jedoch vorrangig eine lange Nutzung des Gebäudebestands sichergestellt werden. Die Novelle der Europäischen Gebäuderichtlinie integriert Lebenszyklusbetrachtungen in den Planungsalltag. Treibhausgasobergrenzen werden ab 2028 für große und ab 2030 für alle Gebäude verpflichtend eingeführt.
Damit werden erhebliche Anreize für ein kreislauffähiges, langlebiges und nutzungsflexibles Bauen sowie die Weiterentwicklung des Gebäudebestands gesetzt. Holz ist als nachwachsender Rohstoff prädestiniert, hier eine zentrale Rolle zu spielen. Durch intensive Forschung, Entwicklung und innovative Bauvorhaben ist der Holzbau bestens vorbereitet. Detaillösungen zu kreislauffähigen Konstruktionen und der Nutzung von Altholz werden unter Hochdruck entwickelt und von engagierten Bauwilligen eingesetzt. Nun bleibt zu hoffen, dass auch die DIN SPEC 91606 in der Rahmensetzung für die verpflichtende Ökobilanzierung ab 2028 dieser Weiterentwicklung des Holzbaus Rechnung trägt und die derzeitige „Klimaneutralität“ durch Ausbuchen des CO2-Speichers nach fünfzig Jahren in eine intelligente Berücksichtigung umfassender Kaskadennutzung überführt.
