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Holz ist das Fest
Requisiten und Rituale des Feierns

erschienen in
Zuschnitt 100 Zuschneiden, Juni 2026

Manche Feste werden gefeiert, wie sie fallen, andere von langer Hand geplant. Auf ausgelassene Partys folgen Feierlichkeiten, die einem eingeübten Ritual folgen, und solche, die man still übergeht. Schon am Beginn, wenn das Leben fast nur aus Schaukeln besteht, wird uns das Feiern in die Wiege gelegt, die in den ­vorgelesenen Märchen immer aus Holz ist. Zu den Feiertagen der Kindheit zählte vielleicht noch ein Karussell mit bemalten Holzpferden, die sich bei Dorf- oder Stadtfesten drehten. Die Buden für Süßigkeiten und Mitbringsel waren und sind einfache Holzkonstruktionen, ebenso der Musik­pavillon und die klappbaren Tisch- und Bankgarnituren rundum. Diese temporären Festarchitekturen auf öffentlichen Plätzen bezeugen die Zeitgebundenheit allen Feierns; seine Momente sind ephemer, die Anlässe kehren wieder.

Wie gut das Flüchtige im Verwurzelten aufgehoben ist, lässt sich in einer Tanzlinde erleben, die zwischen kunstvoll geleiteten Ästen ein Podest trägt, damit in der lebendigen Baumkrone ­getanzt werden kann. In der Hauptstadt gibt es keine Tanzlinden, dafür einen 1.000 m2 großen Festsaal, in dem einmal im Jahr für eine Ballnacht ein mobiler Tanzboden verlegt wird. Das Eiche-­Tafelparkett namens „Tango“ besteht aus leicht klickbaren Elementen, die hoher Beanspruchung standhalten und deren Härte laut Hersteller die präzise Fußarbeit unterstützt. 

Die ­Verwandlung der Staatsoper in einen Ballsaal für einen Abend mag aufwendig erscheinen, im Vergleich zu den höfischen ­Banketten früherer ­Epochen ist sie eine Bagatelle. Ein solches Fest war oft mit opulenten Aufführungen und Reitturnieren verbunden und konnte sich über mehrere Tage ­erstrecken. In den Schatzkammern finden sich die Tischaufsätze, Dekorstücke und Gerätschaften ­feudaler Festakte, nicht aber die Tische, an denen getafelt wurde und denen das Bankett seinen Namen verdankt. Entlehnt aus dem italienischen banchetto war mit dem Diminutiv eine kleine Holzbank gemeint, die der Tafel als Servierfläche ­beigestellt war. Die Esstische verschwanden unter Tüchern und Gedecken, aber in den Anrichte­möbeln zeigte sich die ganze Bandbreite festlicher Ausstattung – vom schlichten Holzbrett zum intarsierten Tablett, vom Servierwagen zum Guéridon1, von der Esszimmerkredenz zu den gigantischen Schankkästen ­barocker Festtafeln. Da die dienst­baren Requisiten festlicher ­Anlässe auch Prestigeobjekte waren, fiel ihnen die Aufgabe zu, Prunk und Feierlichkeit eindrücklich darzustellen. So ist dem „Exzessmöbel“2 die Tendenz zur Unbändigkeit, die jedes Fest ­auszeichnet, selbst an ereignislosen Tagen eingeschrieben.

Das trifft auch auf andere Sonderzweckmöbel wie die Hochzeits­truhe zu, über die am fünften Jahrestag3 eine Girlande aus ­Holzspänen gehängt wird. „Das Gleichmaß der Tage muss immer wieder durchbrochen werden, um den Rhythmus des Lebens ­anschaulich hervorzuheben.“4 Ohne Holz gibt es nichts zu feiern, auch wenn es dazu nur ein geschmücktes Bäumchen (Christbaum) braucht. Ein spezielles Baumfest ist das Richtfest, ein Baustellenfestakt, bei dem die Bauleute einen mit bunten Bändern verzierten Nadel­baum auf dem First aufstellen, um gemeinsam die Dachgleiche zu feiern. Ganz ohne Beziehung zum Bauwesen wird andernorts am 1. Mai ein hochstämmiger Baum –, möglichst gerade gewachsen und bis fast zur Spitze entastet – an einem zentralen Platz aufgerichtet und geschmückt. Jeder dieser Festbäume ist an ­einen Anlass gebunden und wird nach einer im Festkalender ­fixierten Zeitspanne wieder entfernt.

In den Festen des Feuerbrauchtums hingegen (Walpurgisfeuer, Sonnwendfeuer, Johannis­feuer, Funkensonntag) fällt im Entfachen eines Feuers das Feiern mit dem Vernichten des aufgeschichteten Strohhaufens oder Holzstapels zusammen. Ob ein Fest langsam ausklingt oder abrupt endet, ist vorab nicht zu sagen. Auf die Divertimenti eines Streichquartetts kann unvermittelt der „Zapfenstreich“ folgen, ein Schlag auf den Zapfen des ­Fasses, mit dem das Ende des Ausschanks und somit Ende des Fests verkündet wird. Der Begriff aus der Zeit der Landsknechte war das Zeichen für den Beginn der Nachtruhe in den Quartieren. Drei wesentliche Eigenschaften von Festen – Tem­po­ralität, ­gesellschaftliche Versatilität und inszenatorische Universalität – prädestinieren Holz als ­Material für den Einsatz in allen Feier­kontexten. Es ist robust und verfeinert, kennt jedes Klingen und Klopfen, trägt jede Tischgesellschaft und ist jedem Anlass ­gewachsen; es ist im Brauchtum verankert und bewegt sich ­souverän auf jedem Parkett.

1    Kleiner Beistelltisch, auf dem vor den Augen der Gäste dekantiert, flambiert und filetiert wird.
2    Siehe Sebastian Hackenschmidt in: The Fest. Zwischen Repräsentation und Aufruhr, MAK-
      Ausstellungskatalog, Basel 2023.
3    Der 5. Hochzeitstag (die „hölzerne Hochzeit“) steht für Beständigkeit. Man schenkt Dauerhaftes
      (z. B. Holzgeschnitztes).
4    Aleida Assmann, Feste als kulturelle Selbstinszenierungen, in: Sabine Haag, Gudrun Swoboda (Hg.):
      Feste feiern, Ausstellungskatalog des Kunsthistorischen Museums, Wien 2016, S. 27.


verfasst von

Gabriele Kaiser

freie Architekturpublizistin und Kuratorin; 2010–2016 Leiterin des architekturforum oberösterreich (afo); seit 2009 Lehrauftrag an der Kunstuniversität Linz; lebt und arbeitet in Wien.