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Holz und Zeit
Über die Wurzeln und Verzweigungen des Lebens

erschienen in
Zuschnitt 100 Zuschneiden, Juni 2026

Holz ist stabiler als der Mensch. Indem es unser Leben begleitet, lädt es ein, seinen Zeithorizont mit dem unseren zu vergleichen. Die Dauerhaftigkeit könnte verschiedener nicht sein. Stabilität und Dauer können gemeinsam den Eindruck erwecken, dass Lang­sam­keit ein Charakteristikum des Holzes sei.

Langsamkeit ist eine Kategorie, die dem Vergleich der Geschwindigkeiten von Veränderung dient. Holz und Mensch hinsichtlich ihrer Zeitdimensionen in ein Verhältnis bringen zu wollen, hat zur Voraussetzung, dass wir uns mit Holz identifizieren, ihm ein „Leben“ auch jenseits des biologischen zusprechen und nicht ­zuletzt unser Leben in seines projizieren. Das Verhältnis von Holz und Zeit ist nicht objektiv, dafür umso mehr subjektiv und lebensweltlich, kulturell und psychologisch interessant. Als geliebte Oberfläche der Dingwelt ist Holz durch zahllose metaphorische Fäden mit unserem Dasein vernäht. Sein Überdauern konfrontiert uns mit dem Thema des Fortexistierens über den Tod hinaus. Nicht nur steht der Baum länger als der Mensch auf der Erde. Wird er gefällt, lebt er als Holz weiter. Selbst wenn er eines Tages versteinert, behält er sich selbst ewig im Gedächtnis: Jahresringe dokumentieren alle Wetter- und Versorgungslagen seiner Geschichte. Eintausend Ringe wurden bereits gezählt.

Das älteste Steinholz wuchs vor 40 Millionen Jahren. Ein Weiterexistieren nach dem (eigenen) Tod ist nicht die einzige Baum- und Holzfantasie. Auch für das Totsein vor der Geburt bietet der Baum metaphorisches Potenzial. Wie gab es mich, bevor es mich gab? Was vorausging, wird gern in die Wurzel projiziert. Auf individueller Ebene beantwortet der Stammbaum der Vorfahren die Frage nach den eigenen Wurzeln in der Vergangenheit. Traditionell wurden das Individuum ebenso wie die Familie als zweitrangige Durchgangsformen des langfristigen Projekts einer genetischen und monetären Erbfolge aufgefasst. Das Konstrukt der Dynastie lebt fort in der bürgerlichen Ahnenforschung, die zu einem Strukturbaum führt. Dieser wird oft in Baumform abgebildet: die Nachfahren als Verzweigung, die Vorfahren als mehr oder weniger flache Verwurzlung, die eigene Identität als Stamm, der als Einzelner in der Welt steht.

Auf kollektiver Ebene vergaß man im 19. Jahrhundert gern, dass ein Mensch nur aus zwei verschiedenen entstehen kann, und wählte die Pfahlwurzel als Repräsentation gesellschaftlicher Identität. Diese illustrierte zum Schein die zentrale Fantasie des Nationalismus, Staatsbürger sollten durch „gemeinsame Abstammung“ ­definierbar sein. Die angestrebte homogene Einheit wurde in die Vergangenheit projiziert. Dort seien „unsere Wurzeln“ zu finden.

Der Lebensbaum ist ein transkulturelles religiöses Symbol für ­eine überzeitliche Ordnung des Kosmos. Der irdische Baum zeigt Leben im Wachsen, Blühen, Besamen, in seiner Reaktion auf ­Hindernisse und Wetter, mit seinen kapillaren Wasseradern, den Narben in der Haut, dem Signalaustausch mit Seinesgleichen, nicht zuletzt durch sein „Atmen“ als reziproke Lungenfunktion. Von Sturmwind bewegt, scheint er zu tanzen und zu gestikulieren. Viele Gründe schenkt er uns, ihn zu umarmen. Immer mehr Menschen benutzen Bäume als Übergangsobjekte in eine spezielle Form des ewigen Lebens: Beim Baumbegräbnis wird die Asche des Verblichenen ohne Urne neben dem Stamm in der Erde vergraben. Das Ritual nährt die Fantasie, post mortem nicht bloß spirituell, sondern auch materiell weiterzuexistieren. Die Asche löse sich im Wasser auf und werde als Nährstoff von den Kapillaren in die Krone gesogen. Zum Überleben verwandelt sich der Mensch in einen Baum und identifiziert sich mit dessen Fortbestand ebenso wie mit dessen Fortpflanzung. Von den Baum­samen inkorporiert und vom Winde verweht, tritt der Verstorbene eine Reise an, die zwar nicht in den Himmel, so doch himmelwärts führt. Befruchtet, wieder auf Erden gelandet und versunken, steht eine Wiederauferstehung in Baumform an.

Vom Holz, das uns alltäglich umgibt, wird die Anmutung von Lebendigkeit durch mehrere Eigenschaften sinnbildlich unterstützt. Anders als Metall wirkt es bei Berührung warm. Es atmet, wenn auch nicht mehr fotosynthetisch, so doch durch seinen Duft. Es lässt sich hören: Wenn es sich ausdehnt oder zusammenzieht, knarzt es. Manchmal bewegt es sich selbst, wenn es sich verzieht. Auf Druck reagiert es, indem es zurückfedert. Dem Auge präsentiert es die Geschichte seines Alterns – nach dem Sägen ist es hell und frisch, mit der Zeit bräunt es und wird dunkler. Holz im Freien verbringt sein höheres Alter, nicht weniger anthropomorph, oft in ergrautem Zustand.

Ideen über die Zeit vor dem Leben projizieren wir in den lebenden Baum, die eines Nachlebens in den toten Baum – in das Holz als dessen Form des Überlebens. Holz hat eine andere Zeitlichkeit als wir. Damit erinnert es uns an die eigene Endlichkeit. Zugleich ­beruhigt es uns darüber. Holz ist ein gemächlicher Botschafter des Überdauerns.


verfasst von

Wolfgang Pauser

ist als Konzeptionist, Autor und Berater spezialisiert auf kulturwissenschaftliche Produkt- und Markenanalysen
www.pauser.cc