Hans Schabus, 1970 im kärntnerischen Watschig geboren und heute in Wien lebend, zählt zu den profilierten österreichischen Künstlern, die sich intensiv mit Raum, Architektur und den sozialen wie historischen Bedingungen von Orten auseinandersetzen. Sein Werk umfasst skulpturale, architektonische und raumgreifende Installationen, die häufig auf einer präzisen Analyse des jeweiligen Kontexts beruhen. Charakteristisch für Schabus ist sein Umgang mit Räumen, der auf radikalen Eingriffen basiert: Ausschachten, Füllen, Schneiden oder Verbinden werden zu künstlerischen Strategien, mit denen er bestehende räumliche Ordnungen infrage stellt und die Besucher:innen dazu anregt, ihre Orientierung und Wahrnehmung neu auszurichten. Dabei arbeitet er oft mit unerwarteten Materialien und verbindet funktionale Strukturen mit narrativen, historischen und symbolischen Ebenen.
Für die 17. Biennale de Lyon 2024 entwickelte Schabus die groß angelegte Installation „Monument for People on the Move“, die in den ehemaligen Werkhallen der Grandes Locos präsentiert wurde – einem historischen Industriekomplex, der zuvor der Wartung und Reparatur von Güterzugwaggons diente. Ausgangspunkt des Projekts war eine eingehende Recherche zur industriellen Geschichte dieses Ortes. Darauf aufbauend, schuf Schabus ein raumverbindendes Werk, das mehrere Hallen miteinander verknüpft und den spezifischen Charakter des Areals betont. Zentraler Bestandteil der Installation ist eine monumentale Holzkonstruktion, die etwa so groß ist wie der Rumpf eines Airbus-A321-Flugzeugs. Diese gewaltige Struktur ruht auf Skulpturen von Schildkröten – ein Motiv, das Schabus bewusst wählte. Die Schildkröten gelten traditionell als Symbole für Schutz und Langlebigkeit. In diesem Kontext bilden sie einen starken Kontrast zu den dynamischen Bewegungen, die einst den Arbeitsalltag der Fabrik bestimmten: den schnellen Abläufen der Arbeiter:innen sowie dem ständigen Rollen und Rattern der Züge auf den Schienen. Die Schildkröten verweisen damit nicht nur auf Langsamkeit, sondern auch auf eine Form von Beständigkeit innerhalb eines Ortes, der von Mobilität, Transport und Wandel geprägt ist. Schabus greift in dieser Arbeit auf verschiedene ästhetische Quellen zurück – unter anderem auf Elemente der Wiener Secession. Die Schildkrötenformen orientieren sich an Tierfiguren von Robert Oerley, die im Eingangsbereich des Secessionsgebäudes in Wien zu finden sind. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Gefüge aus kunsthistorischen Referenzen, industrieller Architektur und zeitgenössischer Raumintervention. „Monument for People on the Move“ ist nicht als statisches Monument konzipiert, sondern als begehbare Installation.
Das Publikum wird dazu eingeladen, die Struktur zu durchqueren, sich im Raum zu bewegen und die verschiedenen Perspektiven und Raumfolgen aktiv zu erleben. Damit entsteht ein Dialog zwischen Ort, Werk und Besucher:innen. Das Werk entfaltet sich erst im Prozess der Erfahrung: im Übergang von einer Halle zur nächsten, in der körperlichen Wahrnehmung der Dimensionen, im bewussten Erleben von Materialität und Konstruktion. Mit dieser Arbeit erweitert Schabus seine Auseinandersetzung mit Räumen und ihren sozialen Einschreibungen. „Monument for People on the Move“ verbindet industrielle Geschichte, symbolische Ebenen und körperliche Erfahrung zu einem präzise komponierten Gefüge, das die Besucher:innen unmittelbar in einen Denk- und Erfahrungsraum versetzt, der Bewegung, Geschwindigkeit und Verortung neu reflektiert.
Hans Schabus
geboren 1970 in Watschig (Kärnten), lebt und arbeitet in Wien. Seit 2014 leitet er die Klasse für Skulptur und Raum an der Universität für angewandte Kunst Wien. International bekannt wurde er durch die Gestaltung des Österreichischen Pavillons zur Biennale in Venedig 2005.
Einzelausstellungen (Auswahl)
2025/26
Display Cabinet No. 4: Was nicht da ist, Fotogalerie Wien; Wien
2024
Monument for People on the Move, Biennale de Lyon, Lyon Porto di Mare, ZERO …, Mailand
2023
Von Hier nach Dort, HochSommer Festival, Kunstraum L201, Studenzen/AT Europa Hundertsechsundachtzig, Sink, Wien
2022
Mid-Way. Caroline Mesquita, Hans Schabus, Kunstforum Montafon, Schruns/AT Land Unter (Nasse Wäsche), Kunstraum Konrad, Puchberg am Schneeberg/AT 2021 Der lange Morgen, Galerie Krinzinger, Wien Auf der Suche nach der endlosen Säule (Drei Koffer), En Plein Air
2021
Gastprojekt Kunstraum München, München
2019
The Travelling Salesman Problem, Galerie Jocelyn Wolff, Paris Ballast. Der Bildhauer als Zeichner, Kunstraum St. Virgil, Salzburg Faces and Corners, Salvator Rosa, Livorno/IT
2018
Nächste Türe läuten! Bruno Gironcoli, Hans Schabus, Galerie Krinzinger, Wien
2017 – 2022
Cafe Hansi, mumok, Wien 2016 The Long Road from Tall Trees to Tall Houses, Salzburger Kunstverein, Salzburg


